nicht Zeit sein, diese allgemeine Verstimmung, müsste es selbst durch ein gewaltsames Mittel geschehen, wieder in die rechte Bahn zu lenken? Ich bin der Meinung, da wir jetzt unter uns sind, und niemand unser Vorhaben übel deuten wird, dass wir unseren Götz noch einmal aufführen und ihn dann, wie es sich gebührt, zu Ende spielen. Wozu haben wir die Mühe gehabt und uns in so manchen Proben gequält? Wir sind es uns selbst schuldig, das unternommene Werk nicht so als ein schmähliches Fragment liegenzulassen. Es ist nicht billig, dass wir alle büssen, was nur einer der Teilnehmenden gesündigt hat.
"Ich wäre einverstanden", sagte Elsheim, "wenn Mannlich im Zorn nicht sein Ehrenwort darauf verpfändet hätte, den Götz nie wieder zu spielen. Es ist vergebene Mühe, ihn überreden zu wollen."
"Es muss ohne ihn möglich sein", erwiderte Emmrich, "er bleibe fürs erste ein Märtyrer seines Wortes und alter Lesearten. Meine Rolle des Sickingen kann leicht ein anderer übernehmen, und ich habe längst, wieviel mehr seit unseren Proben, die Rolle des Götz genau in meinem Gedächtnis. Nur rate ich, wenn wir es noch unternehmen, dass wir dazutun, bevor die Baronesse zurückkommt, die es übel empfinden dürfte, wenn sie sähe, dass wir den gescheiterten Wrack wieder zum Segeln bringen wollten."
Alle waren über den Vorschlag erfreut, am meisten der junge Cadet, der in Verzweiflung darüber gewesen war, dass er seine interessante Rolle des leidenschaftlichen Franz nicht hatte zu Ende führen können. Auch Charlotte, sowenig sie es wollte merken lassen, war sehr zufrieden, die Adelheid zu Ende zu spielen; Albertine war willig; selbst die Tante liess sich bewegen, sich noch einmal in der häuslichen Tugend der Elisabet zu zeigen, und Dorotea lachte laut auf, dass sie noch einmal als Georg mit ihren kecken Reden auftreten sollte. Der Graf Bitterfeld war leicht umgestimmt, und der Schulmeister triumphierte, als er am Abend vernahm, dass sein Selbitz noch einmal zu Ehren kommen sollte. Ein junger Verwalter eines benachbarten Gutes, ein verständiger Mann, war leicht in den Charakter des Sickingen eingelernt, und die Bauern, der Schulze und die Dienerschaft sahen mit Spannung und Neugier der wiederholten Aufführung des nationalen Schauspiels entgegen. Elsheim musste sich aber wirklich gefallen lassen, noch ausser dem Weislingen den Zigeunerhauptmann zu übernehmen, weil der Förster taub gegen alle Bitten und Vorstellungen blieb.
Schon nach einigen Tagen war das grosse Werk zur allgemeinen Zufriedenheit vollendet worden. Alle gestanden laut, dass durch die bessere Darstellung des Götz das Gedicht in der Wiederholung ein ganz anderes geworden war, als es sich im ersten Versuch gezeigt hatte. War vorher Götz ruhmredig erschienen, prahlend und rechtaberisch, hatte er durch eine fürchterliche Deutlichkeit der Aussprache den biederherzigen Mann langweilig und anmassend hingestellt, so waren jetzt alle von der Liebenswürdigkeit des Ritters ergriffen, durch seinen Edelmut gerührt und von seinem tragischen Schicksal und Lebensende tief erschüttert.
In Weislingens Sterbeszene war Maria so hingerissen, und in Rührung aufgelöset, dass sie kaum die wenigen übrigen Szenen noch spielen konnte, und als der Vorhang zum letztenmal fiel, begab sie sich sogleich zur Ruhe, ohne an der Abendtafel zu erscheinen.
An dieser erschien der junge Cadet, der nach der Anstrengung den Wein nicht geschont hatte, ganz ausgelassen, besonders da er von der ältern Schwester Albertine nicht beobachtet und gezügelt werden konnte. In seinem Rausch verhehlte er es nicht, wie sehr er Charlotten verehre, und da seine Ausdrücke immer poetischer, sowie seine Erklärungen immer deutlicher wurden, so wurde Leonhard zu seiner Beschämung und seinem Schrecken inne, dass er eine stechende Eifersucht empfinde. Es war ihm daher sehr erwünscht, als Elsheim auf eine milde Art den jungen Menschen zurechtwies, und Adelheid, Charlotten, von seinem Ungestüm erlöste, die sich um diese erwachende leidenschaft nicht zu kümmern schien, indem sie alle hyperpoetischen Reden des Cadetten nur mit heiterm lachen beantwortete.
Am anderen Morgen war Elsheim sehr durch den unvermuteten Besuch Mannlichs überrascht. "Ja, ja", sagte dieser zum erstaunten Freunde, "ihr wollt mich nicht und denkt, ich habe mich selbst, wer weiss auf wie lange, verbannt; aber so ist es nicht gemeint: ich war böse, bin aber jetzt wieder gut, ja ich war selbst gestern incognito im Parterre und habe euer Spiel mit angesehen. Ich hätte fast Lust, einen dramaturgischen Aufsatz über diese eure Aufführung zu schreiben. Lieber Himmel, wie wenig ist doch eigentlich dem Dichter sein Recht widerfahren! Der Götz war ohne Kraft und Nachdruck, kein Wort konnte mich in die alte Zeit versetzen, alles wurde so schnell und natürlich gesprochen, wie es heutzutage auch geschehen kann; gerührt war er ein paarmal, wo er sich gerade als Held zeigen sollte. Dein Spiel als Weislingen war im ganzen vortrefflich, doch nicht ohne bedeutende Fehler; in der Sterbeszene drücktest du zu wenig die Wirkungen des Giftes aus, was doch gewiss Krümmungen, Auffahren und Konvulsionen erregen muss. Von Albertinen weiss ich nichts zu sagen, denn sie spielte so, als wenn es gar keine Rolle wäre; sie sprach, wie sie immer spricht, und deshalb hat mich auch die Tante nicht befriedigt, die bei weitem nicht erhaben genug war. Unerträglich war dein Freund, der Professor Leonhard; als Mönch so weinerlich und gelassen, und als Lerse so plump, gar kein vornehmer, poetischer Ton. Die kleine Dorotea war allerliebst, neckisch und komisch