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er sich vor Leonhard hin, sah diesen bedenklich an, und sagte: "Sosehr ich Ihnen auch vertraue, kann ich Ihnen doch, was diese musikalische Phantasie betrifft, keine Antwort geben."

"Aber ich bitte", sagte Leonhard, "die Sache wird mir um so wichtiger, da Sie zögern und wie in Verlegenheit erscheinen. Ich bin überzeugt, ich werde Sie verstehen, so wie mir alles, was Sie mir jetzt gesagt haben, nicht fremd und unverständlich ist."

"Mag's sein!" rief der Alte nach einer Pause mit dem Ausdruck einer komischen Resignation; "was geht's mich am Ende an, wie Sie von mir denken mögen? Wir sind alle Toren und gebrechliche Menschen, stellen wir uns auch, wie wir wollen. Ich gestehe, dass ich oft im Mondschein, oder am Frühlingsabend auf meiner Geige phantasiere. Die Melodien kommen mir dann von selbst, und ich habe mich auch wohl darüber betroffen, dass ich Tränen vergiessen musste. Vom Abt Vogler erzählt man, dass er sich zuweilen sein Fortepiano auf eine Bildergalerie hat nachtragen lassen, um in seinen Tönen den Ausdruck und die Bedeutung von schönen Gemälden wiederzugeben. Ich kann mir das wohl denken, obgleich man unter diesen Umständen und bei so vielen Vorbereitungen seiner Stimmung nicht gewiss sein kann. Ich möchte wenigstens vor Menschen und Zuhörern dergleichen nicht versuchen. – Das sind aber Phantasieen der innerlichen Wollust und des Wohlgefallens. Doch ist der Mensch oft wie gepeinigt, er weiss nicht wovon; es quält ihn etwas, er weiss nicht was. Als wenn hier in diesem Teppich unter den geregelten Figuren krumme, schiefe, willkürliche unterliefen, die mit diesen Sternen, Kreuzen, Rosen und Vierecken in gar keinem Zusammenhang ständen, und man peinigte sich vergeblich und immer wieder umsonst, auch diese tollen, ausschweifenden Linien und Fratzen in jene wohltuende und besänftigende Tabelle mit aufgehen zu machen. Es gibt so Stunden in unserm Leben, die dies Gleichnis nur etwas erklärt."

"Gewiss!" sagte Leonhard, "und der geordnete Geist leidet vielleicht am stärksten von diesen Verstimmungen, wenn auch nur selten."

"Meinen Sie?" fuhr Joseph fort. Also denn Tollheit mit Tollheit erklärt und vertrieben, Beelzebub durch Satan. Warum sind wir denn auch so gebaut! Was freilich, noch weiter getrieben auch jeder Verbrecher für sich anführen könnte, wovor uns Gott bewahren möge. Hier muss nun freilich der christliche Glaube Hand anlegen, und eine starke. Es regieren oft die kleinen Teufelchen in uns, aberwitzige, unheimliche, und die lassen sich durch Narretei beschwören und vertreiben. Auf meinem Zimmer habe ich einen sehr hübschen Tisch, die Platte ist ganz von Masern. Noch ein Geschenk vom Grossvater des jungen Herrn, also uralt. Sehen Sie, in solchem Maser laufen nun lauter tolle Linien ohne alle Vernunft und Ordnung kreuz und quer durcheinander. Die Tugend und der Wert einer solchen Maserplatte besteht eben darin, dass kein Verstand in der Kuriosität, sondern Willkür und Aberwitz herrschen. Doch warum beschreiben? Was werden Sie denn ein solch gemasertes Wesen nicht kennen?

"Gewiss kenne ich es", erwiderte Leonhard, "ich sehe den Tisch leibhaftig vor mir."

Der Alte sah ihn von der Seite an und lächelte; dann sprach er in seinem Eifer: "Also denn, wenn die Besessenheit mich ergreift und gar nicht wieder loslässt, so stelle ich mich dann mit meiner Geige vor diesen Masertisch, begeistere mich und spiele in tausend Variationen und rasenden Passagen alle die vermaledeiten krummen und zackigen Linien ab, als wenn es Noten wären. Immer fällt mir was Neues ein, und ich rassele und wüte so heftig, arbeite mich so ab, dass ich oft wie im Schweissbade bin. So kleide ich mich um, setze mich in den Sofa, lache recht von Herzen über mich und die Welt, fühle mich so recht behaglich und in meinem inneren wieder wie zu haus und habe dann auf lange Ruhe. Sehen Sie, Bester, das war es, was Sie neulich mit angehört haben. Es war gewiss recht sonderbares Zeug."

Leonhard war zuletzt sehr nachdenklich geworden und sagte endlich: "Ihre Erzählung und dieses Heilmittel erinnert mich an so vieles, was ich in mir selbst so oft habe bekämpfen müssen. Wohl dem, der in seiner geliebten Violine einen solchen Ableiter findet."

"Jeder vielleicht auf seine eigene Weise", antwortete Joseph. "Es liesse sich viel darüber sagen. Wenn ich so von den alten Mänaden und den bacchantischen Festen der Griechen gelesen habe, so dachte ich oft, diese und ähnliche Anstalten haben auch die tollen Geister in uns bändigen und austreiben sollen. Christliche fromme Männer haben es vielleicht durch ihre Geisselungen, Fasten und Kasteiungen versuchen wollen. Mancher tobt sich auf der Jagd aus, und in der Jugend fühlen wir es ganz deutlich, wie Springen, Laufen, Ringen und Balgen unserm Leben völlig unentbehrlich sind. Wer in meine Masern verfällt, oder sich gar freiwillig hineinversenkt, ohne sich mit der Violine wieder herauszuspielen, der wird wohl eben ein Schwärmer und Fanatiker, wovor uns denn alle der Himmel behüten wolle." – Mit diesen Worten empfahl sich der Alte, und Leonhard blieb noch lange auf seinem Zimmer, um alle die Gedanken näher zu erwägen und zu bewältigen, die ihm jenes sonderbare Gespräch auf unerwartete Weise erweckt und zurückgelassen hatte. Als man sich bei Tische versammelt hatte, sagte Emmrich: Sollte es