Sie einmal die hübsche Fussdekke an, hier die vielen Vierecke, Rosetten, Bogen, Punkte; wenn man so nachdenklich sitzt, so kann man sich alle diese Figuren bald in grössere, bald in kleinere Verbindungen und Verhältnisse setzen. Nun mache ich ein Dreieck, jetzt ein Viereck, ein Achteck, einen Kreis, oder was ich will. Auch kreuzweis, rechts, links, oben, unten kann meine Phantasie eine regelmässige Gestaltung herausschneiden, und immer passt alles, und immer wieder wird etwas anderes daraus. Man kommt damit niemals zu Ende, wenn man sich Zeit dazu nehmen will. So kann man sich denn auch einbilden, alle möglichen Verhältnisse und Gestaltungen der Welt sind hier mit ihrem ganzen Verständnis niedergelegt und eingewirkt worden. Es ist, wenn man krankhaft gestimmt ist, kein unebenes Spielwerk. Man kann auch über dem Einmaleins ebenso schwärmen und alle Rätsel und alle Auflösungen derselben in diesen Zahlenverhältnissen sehen. Ja, aber dann wieder die echte Philosophie! wie ich sie mir in meiner Unwissenheit vorstelle, so dass ich kein nachbetender Schüler werde, oder die Gestalten lege, die von selbst im Teppich in tausendfachen Verhältnissen sein müssen, wenn ihm geregelte Figuren eingewebt sind; – sondern wahrhaft denken lernen – das Dunkel in mir hell, die aufdämmernden Lichter zu Gedanken machen, aus dem Denken und Bedenken zum Ge- und Bedachten kommen: – das muss freilich ganz etwas anderes sein!"
"Sie sind ein lieber, kluger Mann", sagte Leonhard, "und geschickt. Ich habe Sie neulich belauscht, als Sie dort in Ihrem Zimmer so lustig und wohlgemut die Geige spielten. Auch das Talent hat mich überrascht, denn ich hatte früher noch nie etwas davon vermerkt."
"So?" sagte der Alte lachend; "ich treibe es auch nur für mich selber, zu meiner eignen Vergnüglichkeit. Zuhörer habe ich noch niemals gewünscht. Ja, Freundchen, diese liebe schöne Violine von Amati, und ein Buch, aus dem Spanischen in das Französische schon vor vielen Jahren übersetzt, machen meine Freude aus. Sie kennen die geschichte wohl, sie heisst Don Quichotte, und mag im Spanischen wohl noch lieblicher sein. Ach, Mann! in dem herrlichen buch finde ich für mich alles mögliche erklärt und abgehandelt; aller Aufschluss des Lebens liegt vor mir da, hell und klar und auf die lieblichste Weise in Schmerz und Ernst verkörpert und vernatürlicht. Ich fange mit lachen und Freude an, wenn ich in dem Buch lese, und bin, wenn ich ein Weilchen innehalte, in die geistigen fernen Regionen, in Moral und Weltgeschichte versetzt und sehe und verstehe alles vollkommen, und mir ist in der Freude so wohl, so selig, möchte ich sagen, dass ich diesem mann, dem Herrn Cervantes, die hellsten Lichtblicke meines Lebens zu verdanken habe."
"Sie verstehen zu lesen, Freund", sagte Leonhard freudig überrascht, "ich kenne und liebe Ihren Autor, und wenn ich ihn wieder lese, und vielleicht mit mehr Applikation, so werde ich dabei an Sie denken und Ihnen danken."
"Sehen Sie", rief der Alte, "Denken, Danken ist mehr ein Gleichlaut und kein Reim und hängt doch auch zusammen. – Ach, Herr Leonhard, was sind wir arme, gedrückte, schwache Menschen doch für Wesen! Und wie hat uns Gottes Güte so wunderbarlich erschaffen! Wenn ich so meine Geliebte, wie ich sie immer nur nenne, meine Geige in den Arm nehme, und das liebe Ding lacht und weint und plaudert so anmutig unter meinem Bogenstrich – so bin ich im Himmel und weiss nicht mehr, ob ich die Violine spiele oder ob sie mich spielt. Es jauchzen und winseln im schäkernden Lächeln Gefühle und Worte aus mir heraus, die ich auf keine andere Weise sprechen, Gedanken, die ich nur so finden kann, und die doch ohne alle Vernunft höher als die Gedanken stehen. Glauben Sie mir, das ist die seltsamste Freude, was Unaussprechliches, sich so selbst zu finden, sich selbst so in Tönen und in Begeisterung, die von sich doch nichts wissen, kennenzulernen."
"Bester Herr Joseph", rief Leonhard, "Sie glauben nicht, wie sehr Sie aus meinem Herzen sprechen. Ich kann Sie versichern, unsere Geister sind sich nahe verwandt. Ich verstehe Sie ganz."
"Kann wohl sein", sagte Joseph, und gab dem jüngeren Freunde die Hand. "Fühlen Sie einmal", fuhr er fort, "die erhöhte starke Hornhaut an diesen meinen Fingerkuppen; das kommt von meinem stetigen Violinspielen. Hart wie Horn die fein gehobenen Nervenpünktchen, in welchen die andern Menschen ihr leisestes Anfühlen zu haben glauben; und mit diesen Verhärtungen fühle ich auf den saiten um ein Atom das Höhere und Niedere, ohne zu irren. Hier hinein vibriert der Klang und wird von hier und mit dem toten Bogen zu dem seelenvollen Ausdruck erhoben, zu der Weiche und Innigkeit, wie kein menschliches Organ es vermag. Ist es eigentlich nicht wunderbar?"
"Aber von welchem Meister", fragte Leonhard, "waren nur die ganz wunderbaren Passagen, die ich Sie neulich mit der ungeheuersten Anstrengung spielen hörte? Eben vorgestern, als ich Sie belauschte, und Sie mir nachher verdrüsslich schienen?"
Joseph schwieg still, wandte sich ab und ging im Zimmer auf und nieder. Er schien verlegen, und Leonhard bemerkte, dass sein Antlitz röter war, als gewöhnlich. Dann stellte