Zweifel erlaubten."
"Wohl!" fuhr der Reichsgraf zornig fort, "er mochte merken, dass wir dem echten grossen Schauspieler, dem Selbitz, den Vorzug gaben; wir sprachen laut, er hat es wahrscheinlich oben gehört; und nun stellt er sich vorn an die Lampen, sieht uns starr und höhnisch grinsend an und schreit uns – uns diese niederträchtige Grobheit, ärger, als es ein Sackträger, schlimmer, als es ein Stallknecht tun könnte, entgegen, winkt und dreht dabei mit den Händen und Augen noch so wunderlich –"
"Ja, recht absonderlich", rief jetzt die Äbtissin. "Ich hätte, wenn ich es nicht erlebte, dergleichen niemals für möglich gehalten."
"Was hat sich der Mann nur dabei gedacht", sagte die Mutter, "den wir immer so freundlich aufgenommen haben?"
"Verehrte", sagte jetzt Elsheim etwas ungeduldig, "fern sei es von mir, die Ungezogenheit des baron auch nur irgend entschuldigen zu wollen; die Roheit ist zu auffallend; aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, Ihr unbegreiflicher Argwohn wenigstens ist ganz ungegründet. Diese anstössigen gemeinen Worte sind in der Tat im Stück, sie sind so gedruckt, nur hat sie später der Verfasser selbst als unziemlich wieder weggestrichen. Höchst tadelnswert ist Mannlich, dass er die alte abgesetzte Leseart so willkürlich wieder aufgenommen hat. In den Proben liess er sich nichts davon merken, dass er sie sprechen und wie sprechen würde."
"Und wie!" wiederholte der Reichsgraf, "uns so starr dabei ansehen, so mit den Händen gegen uns fechten und wie ein Zahnbrecher schreien!"
"Also", sagte die Äbtissin, "in dieser deutschen Tragédie findet sich wirklich diese ganz unzüchtige und obszöne Tirade? Und ein solches Stück, Neveu, suchen Sie aus und studieren es ein? Das also ist die neue deutsche Bildung und der jetzige Geschmack?"
"Es war Ihre Pflicht, Herr Baron", sagte die Erlauchte mit starkem Ton, "uns davon in Kenntnis zu setzen, dass es eine Parade sei, die Sie uns zum besten geben wollten; hätten wir dieses erfahren, so hätten wir uns gewiss nicht hieherbemüht!"
"Parade?" nahm die Äbtissin das Wort auf; "ungezogene und skandalöse Paraden wurden wohl früherhin auch in den Palästen der Herzoge von Orleans und Conti gespielt, aber, auf meine Ehre, niemals hörte man doch so pöbelhafte Grobheiten, die ohne Witz und Bedeutung bloss niederträchtig sind."
"Ich kann den Baron jetzt nicht und noch lange nicht wiedersehen", sagte die Mutter; "bedeute ihm nur dies, das bitte ich mir aus von dir, mein Sohn. Er hat mich und uns alle zu gröblich beleidigt."
"Und wir verlassen das Haus morgen mit dem frühesten", sagte die Erlauchte. "Eine Art von Glück, dass das edle deutsche Schauspiel so endigen musste, denn wer weiss, was uns nach diesem échantillon noch alles bevorstand."
Ohnerachtet der dringenden Bitten der Mutter wollten die Damen nicht länger verweilen, weil man sie zu tief und schonungslos verletzt habe, und der Reichsgraf, der durchaus ihren Zorn billigte und teilte, gab ihnen in allen ihren Beschwerden und Äusserungen recht. Auch die Mutter war so aufgebracht, dass sie sehr leicht dem Ersuchen der Äbtissin nachgab, sie alle nach der Residenz zu begleiten, wo sie wenigstens acht Tage hindurch in Konzerten, Opern, Schauspielen und Assembleen, wie in einem Gesundbrunnen, dieses ungeheure Erlebnis von sich abwaschen und die Verwundung des Herzens heilen wollten.
Auf dem Teater, zu welchem Elsheim jetzt zurückkehrte, herrschte noch grössere Verwirrung. Alle Mitspielenden hatten den Baron Mannlich bestürmt, gefragt, getadelt und gescholten, wie er sich so sehr habe vergessen können, auf so skandalöse Weise das Schauspiel zu beschliessen, als wenn das letzte Epigramm gleichsam die moralische Nutzanwendung des ganzen Gedichtes hätte vorstellen sollen. Er wehrte sich, so gut er konnte, doch liess man ihn nur wenig zu Worte, und da einige der Nebenpersonen, am meisten aber der husarische Schulmeister, mit etwas empfindlichen Vorstellungen in ihn drangen, der Graf Bitterfeld aber beinahe beleidigend wurde, so fürchtete Emmrich schon, dass er den Ausdruck des klassischen Dichters, oder wenigstens einen ähnlichen in seiner eignen Angelegenheit wiederholen möchte. Elsheim kam gerade zur rechten Zeit, um die streitenden Parteien, wenn auch nicht zu versöhnen, so doch einander näherzubringen. Er beruhigte also den zu ungestümen Schulmeister, lobte und beschwichtigte den eifernden Cadeten, der ausser sich war, dass er seine schöne Rolle nicht hatte zu Ende spielen können, in welcher ihm noch Umarmung und herzlicher Kuss der vergötterten Adelheid bevorstanden, die er nicht so obenhin und nur andeutend zu spielen gedachte, wie es ihm in den Proben war vorgeschrieben worden. Die Damen, wie empfindlich sie auch natürlich waren, äusserten sich billiger, und so gelang es Elsheim und dem Professor Emmrich, die Sache nach und nach mehr in das Komische zu lenken.
"Wie durft ich glauben", rief Mannlich, nachdem es etwas ruhiger geworden war, "dass eine Tirade, freilich aus dem gemeinen Leben, aber doch aus der wirklichen geschichte des treuherzigen Götz genommen, von unserm grössten Dichter geweiht und geheiligt, ein solches Ärgernis erregen könnte. Ist die Ungezogenheit, oder Roheit, wenn wir es so nennen wollen, nicht ganz deutsch und bei uns national? Der Franzose drückt sich anders aus, ebenso der Engländer