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den Wechsel der Szenen mehr andeutete, als ihn wirklich ausführte, und ein vorgeschobener oder weggezogener Busch eine andere Landschaft vorstellte, so konnte man rasch vorschreiten und vereinigen, ohne dass der ursprünglichen Form des Gedichts zu sehr Gewalt angetan wurde. Selbst Mannlich, hingerissen von der Bewegung, spielte und sprach schneller, als in den vorigen Akten. Der Auftritt, in welchem Selbitz verwundet herbeigeführt wird, ward mit Präzision gegeben und fand vielen Beifall; über die Reichstruppen wurde gelacht, und Götz hatte den vollständigsten Sieg davongetragen. Leonhard hatte sich wieder gesammelt, und gab seinen Lerse mit der einfachen Biederkeit, die ihm selbst so natürlich war, so dass er gegen Mannlich, der immer mit vollem mund predigte, lebhaft kontrastierte. Früher schon hatten Adelheid und der Cadet als Franz ihre Szene vortrefflich gespielt, und Sickingen, der Professor, war in allen Auftritten so gehalten und ruhig, wie es sein Charakter erforderte. Georg erschien allen als unverbesserlich und darum noch mehr zu loben, weil man ganz vergass, dass ein junges Mädchen diesen heroisch muntern Knaben spielte.

Nun aber waren die bis dahin glücklichen Kämpfer in ihrer Burg eingeschlossen. Mannlichs Brust hob sich stärker, als gewöhnlich, und man sah es ihm an, dass er einen grossen Moment, einen auffallenden Effekt präparierte. Er hatte schon von Sickingen und seiner Schwester Abschied genommen, und nun vernahm er von aussen die Trompete und die Aufforderung, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Mannlich hatte durch seine tapfre und mutige Haltung jetzt die Meinung aller gewonnen; selbst die hohen Herrschaften auf ihren Sesseln schwatzten nicht mehr und hatten sich einer gewissen Täuschung ergeben, als jetzt der Ritter dem Trompeter jene ungezogene Antwort gibt, die er freilich in seiner Lebensgeschichte aufgeschrieben, und die auch Goete in den ersten Auflagen des Gedichtes beibehalten, nachher aber weggestrichen und bloss angedeutet hat. Mannlich aber, um dem echten Original und der Wahrhaftigkeit der geschichte nichts zu vergeben, sprach mit der lautesten stimme und in noch langsamerem Tempo, als sonst, noch gehaltener und jedes Wort und jede Silbe akzentuierend, die ganze Ungezogenheit schreiend aus.

Es ist nicht leicht zu beschreiben, welche wirkung diese deklamierte Stelle im ganzen grossen, mit Menschen überfüllten saal hervorbrachte. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass noch niemals ein dargestelltes Teaterstück so ungeheuer drastisch gewirkt habe. Die Bauern ergaben sich dem unmässigsten Gelächter, die Dienstleute erschraken; denn alle waren überzeugt, die Stelle sei vom Baron extemporiert, es sei irgend etwas auf dem Teater vorgefallen, und er richte sie im Zorn und in der Wut an jemand anders, als an den Trompeter. Die Gerichtsleute schmunzelten und bedeckten in der Verlegenheit ihre Gesichter mit dem Taschentuch. Wahrhaft furchtbar aber traf der Schlag in das Parterre noble. Die Erlauchte schrie laut auf und lag in Ohnmacht; die Äbtissin bekam ihre Krämpfe und rief nach ihrem Kammermädchen und um hülfe; die Mutter, selbst einer Ohnmacht nahe, bemühte sich um die Freundinnen und rettete in lautes Weinen und Schluchzen ihre Besinnung; der Reichsgraf rief scheltend nach Bedienten, und Weislingen, der, selbst erschreckt, aus den Kulissen diesen ungeheuern Aufruhr sah, der sich unten im ganzen Saal erhob, denn alles war aufgestanden und lief durcheinander, sprang schnell über das Orchester hinweg vom Teater herunter zu seiner Mutter und der hilfsbedürftigen Gruppe, um welche sich alles drängte. Dort war Schreien, Weinen, Krampf, Ohnmacht und Schelten, und Elsheim wusste nicht, was er zuerst tun, wie er am besten raten sollte. Mannlich hatte sich erstaunt und mit offenem mund vorn an das Proszenium gestellt, denn auch auf dem Teater war ein Stillstand des Entsetzens eingetreten, als Weislingen von unten zur Bühne hinaufrief, dass man den Vorhang niederlassen solle. Dies geschah, und so war im allgemeinen Tumult, ohne Epilog oder Entschuldigung, das historische Schauspiel vom Götz von Berlichingen für diesen Abend zu Ende und beschlossen.

Bediente, Kammermädchen, Läufer, der Haushofmeister, alles hatte sich herbeigemacht, um die alten Damen zu führen, zu heben und aus dem Saal zu tragen. Man begab sich nach einem anderen Zimmer; Sofas und Lehnstühle wurden für die Kranken und Leidenden herbeigeschoben und geordnet, sowie die Hausapoteke in Anspruch genommen. Als die Damen sich etwas erholt hatten, ergossen sich alle, unter Vortritt und Vorspruch des Reichsgrafen, in unerschöpfliche Vorwürfe gegen Elsheim, der in sein Haus einen Mann eingeführt und als seinen Freund dargestellt habe, welcher, uneingedenk seines Standes und was er der Gesellschaft schuldig sei, sich so ungeheure Sottisen erlaube.

"Jawohl, jawohl", unterbrach sie die Mutter weinend, "– ach, wer hätte so was in dem mann gesucht! Ja wohl war das eine Überraschung, die mir zubereitet wurde. Um den Schlag zu kriegen!"

"Er ist zu sehr unter mir", rief der Reichsgraf, "sonst würde ich diesen Herrn von Mannlich auf Ritterweise darüber zur Rechenschaft ziehen, dass er frech und roh es gewagt hat, uns, der Durchlaucht, der Frau Äbtissin und mir, so was in Gegenwart von Bauern und Domestiken laut zuzurufen."

"Wie?" sagte Elsheim erstaunt, "Sie meinen gar, wenn ich Sie nicht missverstehe –"

"Ja, ja!" rief die Erlauchte, die sich jetzt etwas erholt hatte, "das leidet gar keinen Zweifel. Er sah schon immer in den vorigen Szenen so giftig nach uns hin. Er war darüber erbost, dass wir uns einige