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war so weit voraus, dass er es gar nicht einmal hören konnte. Was half's? ich musste ihm nach. Wie dieser vermaledeite Weg zu Ende war, hatte wir zwar festen Boden unter uns, aber wir waren darum um nichts gebessert. Die ehemalige Strasse mochte mit Bäumen und Gebüschen verwachsen sein, und so mussten wir uns bequemen, eine Art von Treppenstiege hinanzukommen, welche die wasser in den Felsen gerissen hatten. Dieser Weg dauerte wieder einige Stunden, zog sich steiler und immer steiler hinan, und oft waren die Felsblöcke so hoch, dass mein Verführer sich mir unterstemmen musste, um mich nur hinauszuwinden. Die Geier in den himmlischen Lüften müssen über unsere Wanderung verwundert gewesen sein. Schon fing es an Abend zu werden, und wir hatten bei unsern Strapazen seit dem frühesten Morgen nichts genossen. Aber was stand uns bevor? Unsere Felsentreppe endigte endlich auf einem kleinen runden Wiesenfleck, den von allen Seiten hohe, dichte Bäume und hinter diesen die steilsten Felsenwände umschlossen. Kein Ausgang war zu entdecken, wir waren hier wie in einer verzauberten Gegend eingefangen, indem die Sonne unterging. Er verlor nicht den Mut, sondern schnitt sich mit seinem grossen Messer einen Ausgang durch den Wald, und kletterte wie eine Gemse auf eine Klippe hinaus. Jeder Fusstritt, jedes leise gesprochene Wort, jedes Aufstossen mit dem Stock schallte in dieser Einsamkeit furchtbarlich wieder. Ich fing in der Verzweiflung an, das kurze, nicht saftige Gras zu kosten. Mit dem schlechtesten Troste kam unser Freund zurück; es zeigten sich, nach seiner Aussage, von dort nichts, als rundum die schwindlichsten Abgründe: 'die Sonne ist untergegangen', fuhr er fort, 'zurück können wir auch nicht, und fänden wahrscheinlich unsern unrichtigen Weg so wenig, wie den richtigen; hier ist es trocken, die Nacht wird nicht eben kalt werden, der Himmel ist heiter, was bleibt uns übrig, als hier auf dieser Stelle unser Quartier aufzuschlagen? kommt ja doch, wie man sagt, guter Rat über Nacht.' Wir mussten aus der Not eine Tugend machen, und ich wäre wohl zum Einschlafen müde genug gewesen, wenn mich die Qual des Hungers nur zur Ruhe hätte kommen lassen. Als es finster wurde, fing der unglückliche Mensch an, mir, wie er sagte, zum Zeitvertreib die allerfürchterlichsten Gespenstergeschichten zu erzählen, und dazu heulte der Wind, oder was es sonst war, in den Klüften unter uns so entsetzlich, über uns war oft in der Luft ein Geschwirre und Krächzen, die Bäume schüttelten sich oft so plötzlich, und in der Dunkelheit sahen die Felsenzacken mit so grässlichen Schnauzen und Bärten zu uns herüber, dass ich den Verstand zu verlieren glaubte; doch war meine Müdigkeit stärker als alles andere, und ich erwachte wirklich erst, nachdem die Sonne schon aufgegangen war. Der Abenteurer hatte auch, wie er mir sagte, gut geschlafen, und wir befanden uns insoweit wohl, ausser dass wir vor Hunger und Mattigkeit kaum die Beine bewegen konnten. Er war auch, wie ich merkte, abgekühlt, denn er war von der sogenannten natur nicht so begeistert wie gewöhnlich, wir trafen über den schwindlichten Felsenspitzen einen kleinen grünen Vorsprung, der sich längs dem Abgrunde hinzog; von hier gerieten wir nun in eine fast ebene Waldstrecke, und nach Verlauf von dreien Stunden, in denen wir ununterbrochen gekeucht und gestöhnt hatten, fanden wir endlich zu unserer grössten Freude wieder einen Waldweg, der uns auch wirklich bald zu einer einsamen kleinen Hütte führte. Die Frau eines Bergmannes, die hier wohnte, war verwundert, uns von dort kommen zu sehen; sie erquickte uns mit Brot und Butter, das wir im Freien genossen. 'Das rechte Steigen', sagte sie, 'fängt erst von hier bis zum Ochsenkopf hinauf an.' Ich machte mich seufzend auf den Marsch, sah aber bald, dass die gute Frau nicht mit bei unserer bisherigen Wanderschaft gewesen war, denn ob es gleich beschwerlich ausfiel, so war alles doch nur Kinderei gegen das, was wir überstanden hatten. Ich legte mich oben nieder, wieder auszuruhen, und weiss nicht, was man von so hohen Orten sieht, als eine tüchtige Strekke Luft und ein weitläufiges Nichts, in dem hie und da einzelne Stifte Von Kirchtürmen, oder ein Fleckchen, was eine entfernte Stadt ist, hervorschimmert. Wir kletterten dann nach Bischofsgrün hinunter, und ich war froh, wieder unter Menschen und in die Ebene zu geraten."

"Und du kannst es wirklich für nichts halten", fiel Leonhard ein, "von oben den ganzen Zusammenhang eines grossen Gebirges zu überschauen? Wie auf einer Insel unter sich die blauen Wogen der Berge und Hügel zu sehen, alle im Glanze der Luft auf das lieblichste aufgelöst und zerschmolzen? Es gibt nur den zwiefachen Anblick der Unendlichkeit, entweder die Aussicht über das Meer hinüber, oder vom höchsten Punkt eines Gebirges. Mir war freilich der Fichtelberg noch nicht hoch genug."

"Redensarten! Redensarten!" sagte der kleine Freund, "die verschiedenen Wahrzeichen in den Städten sind mir immer lieber gewesen, um die du dich fast nie bekümmert hast."

Der Magister fing hierauf an: "Dieselben müssen aber schon lange verheiratet sein, da Ihr Sohn schon ziemlich erwachsen ist, und doch erscheinen Sie mir noch so jung, wenn ich vollends die Jahre der Reisen hinzurechne."

"Das ist ja nur ein angenommenes Kind", rief der kleine Freund aus,