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, vernahm man im ganzen Saal eine Bewegung und das Summen eines ungeteilten Beifalls. Die Dienerschaft und die Landleute glaubten einen aus ihrer Mitte zu vernehmen, und dieser Charakter war ihnen um so lieber, weil sie den Darsteller, den Schulmeister, persönlich kannten und oft in der Schenke, oder in ihren Häusern ganz vertraut mit ihm umgingen. Die höchsten Herrschaften aber, die den Schauspieler nicht kannten, kamen darin überein, dass er der beste von allen sei und wahrscheinlich als ein vollendeter Künstler, von irgendeiner grossen Bühne vom jungen Elsheim für dieses Spiel sei verschrieben worden. "Warum", sagte die Fürstin, "hat man diesem mann nicht die Hauptrolle übertragen?" – Der Reichsgraf flüsterte der Fürstin und Äbtissin zu: "Aber bemerken Durchlaucht die unendliche Kunst des Mannes, mit welcher er seine Maske angeordnet hat. Wie hat er nur diesen unvergleichlichen Stelzfuss zustande gebracht? Sollte man nicht schwören, das Bein sei ihm unterhalb des Knies wirklich abgenommen worden? Und wie er mit dem scheinbaren oder wirklichen Holze stampfen kann, wenn er in Zorn gerät! Ich vermute fast, dieser Selbitz ist der berühmte Iffland selbst, der nach Aussage von Kennern so einzig die Kunst sich zu maskieren versteht."

"Wäre das Stück nur nicht", erwiderte die Erlauchte, "so ganz vom gemeinsten Charakter! Das Dekorum und der Anstand sind doch nicht im allermindesten beobachtet. Wo hat der Autor diese Menschen nur aufzufinden gemeint, denn sie handeln und sprechen in einer Weise, die ganz an das Unmögliche grenzt."

"Wir Deutschen", bemerkte der Reichsgraf, "sind noch zu sehr in Bildung und Kritik zurück. Und vollends jetzt! Man hat, wie ich höre, die französischen Muster, die uns noch zur Richtschnur dienen konnten, völlig verlassen und will nun mit Sitten des gemeinen Mannes, mit Sprichwörtern und Provinzialismen, mit der ärmsten Bürgerlichkeit und der Roheit der ungebildeten Stände ein deutsches Wesen etablieren, das nun ebenso national werden soll, wie Racine und Corneille bei den Franzosen. So hat mich wenigstens ein gelehrter Freund versichern wollen. Und dies Ding, was wir hier vor uns sehen, ist offenbar jenem Shakespeare nachgeahmt, der auch Welt und Menschen nicht kannte, und in der Roheit seine Originalität suchte und fand."

"Sehr wahr", erwiderte die Äbtissin, "und man sieht wohl, dass mein guter Neveu auch aus dieser seltsamen Schule herkommt. Aber er sieht hübsch aus in seinem Kostüme, nicht wahr, ma sœur?"

"Ich verstehe den Zusammenhang von der ganzen Sache nicht recht", erwiderte die Mutter, "es ist weder eine Konspiration, noch eine Liebesgeschichte; man erfährt immer wieder etwas Neues und muss darüber das vorige vergessen. Am meisten gefällt mir Albertinchen; ich wollte, die weiche Personage wäre die Hauptperson, denn sie hat mich schon ein paarmal recht herzlich gerührt. Mein Sohn, das fürchte ich immer mehr, wird sich schlecht gegen sie betragen, und sich in die Stadtdame vergaffen."

"Die Adelheid, oder wie sie heisst", fing die Erlauchte wieder an, "müsste sich aber ganz anders betragen, denn sie ist bei weitem nicht vornehm genug."

"Ja wohl", sagte die Äbtissin. "Ah! das verstand die Clairon, die ich noch in meiner allerfrühsten Jugend gesehen habe, ganz anders. Sie ist, diese junge Charlotte hier, viel zu liebenswürdig für ihre Rolle."

So war der zweite Akt vorübergegangen, und, als der Vorhang wieder fiel, lobten sich die Spielenden untereinander, und Adelheids Benehmen und ihr Ton wurden von allen bewundert. "Aber dass wir nur nicht unsere liebe herrliche Dorotea darüber vergessen", rief Elsheim aus; "was sind wir nicht diesem allerliebsten fräulein für ihre gefälligkeit schuldig! Ohne ihre Bereitwilligkeit war das Stück unmöglich; und welch ein schönes Talent hat sie entwickelt! Ich halte diesen Georg für eine der wichtigsten Personen im Stück und für eine der schönsten Charakterzeichnungen, die uns der grosse Dichter nur jemals gegeben hat."

"Nun aber", sagte Mannlich, "entwickelt sich erst im dritten Akt am meisten der heroische Charakter des Götz. Auch Georg tritt dreister auf, und der alte Selbitz hat die herrliche Szene, wo er verwundet unten am Turm liegt, in dessen Luke der Knecht hinaufsteigt. Da müssen wir uns recht angreifen. Wie schade, dass ich nicht zu Pferde kommen kann, wie es im Original vorgeschrieben ist."

"Ha! was Pferde", schrie der Schulmeister, indem er seine Krücke schwang; "die können wir entbehren. Ich und der Baron Mannlich, wir wollen beide schon selbst so bestialisch wettern und rumoren, dass man keine andere Kreatur vermissen soll!"

Mannlich sah den Alten, der zu sehr begeistert war, von der Seite an und wusste nicht, was er ihm antworten sollte. Er eilte von der Bühne, um nachzusehen, ob alle Verwandlungen und Umkleidungen vorbereitet seien, damit man so bald als möglich den dritten Akt beginnen könne.

In diesem Akt hatte Elsheim am meisten zusammenziehen müssen, weil die Szenen im Original zu schnell wechseln und eine ganz wörtliche Aufführung unmöglich machen; doch hatte er mit grosser Sorgfalt jeden charakteristischen Zug, jede schöne Rede beibehalten, nur waren die Reichstruppen und Götzens Leute mehr in ihren Szenen beisammen, und Elsheim hoffte, dass in dieser Zusammenziehung seine kleine Bühne so ziemlich schicklich das Gedicht darstellen würde.

Da man in der Anordnung