. Leonhard hatte nie geglaubt, dass weibliche Schönheit so gross und glänzend, so bezaubernd einhertreten könne. Wie schalt er jetzt auf sich, dass er sonst oftmals auf geschminkte Weiber im moralischen Zorne gescholten hatte Denn nur mittelst der Schminke konnten beim Schein der Lichter diese dunkeln Augen so überirdisch glänzen, nur gegen aufgetragenes Rot Stirn und Augenbraunen von den Wangen durch reinen Glanz so abstechen. Um so mehr leuchteten dadurch Busen und Schultern. Während er noch diese Betrachtungen anstellte, trat sie zu ihm, stellte sich an das Fenster und sagte, indem sie ihm das Buch reichte: "Ach, lieber Leonhard, ich bin so ängstlich, überhören Sie mir schnell noch einmal die ersten Reden meiner Rolle, ob ich auch sicher bin." Er nahm das Buch, und sie stand, nur durch die leinene Wand von ihm getrennt, dicht neben ihm sie sah mit in das Buch, das er ihr hinhielt, und so kam von selbst die Hand, welche die Blätter hielt, auf den schönen festen Busen zu liegen. Sie sagte die Worte her, und er half ein. "Nun die Stelle", rief sie, "wo ich immer am unsichersten bin." Sie zeigte mit den Fingern, etwas mehr umgewendet, in die Schrift, und so drückte sie seine zitternde Hand fester auf den Busen. Er konnte die Stelle, die sie suchte, nicht finden, sie sah vom buch auf und ihn lächelnd an, doch, indem sie den Mund öffnete, um zu sprechen, erscholl die Klingel des Regisseurs, und sie schlüpfte hinter die Szene. Nach einer kurzen Musik hob sich der Vorhang. Leonhard verliess träumend und seltsam bewegt seinen Standpunkt, um hinter dem wald wegzugehen, damit er als Mönch von der anderen Seite hereinkommen könne. Er hörte nichts von dem zu laut gesprochenen Monolog des Götz; er sah den kleinen liebenswürdigen Georg nicht, bei dessen erscheinen der ganze Saal von lautem Gelächter erscholl; er dachte einzig an die unbillige Rüge seines Freundes, der Charlotten mit jenen grell funkelnden Kunstblumen verglichen hatte, die aus der Folie geschlagen werden. Er musste sich sagen, dass Gold, Demant und Edelstein, Blume und alles, was im Lichte schimmert und glänzt vor dem hellen Leuchten eines schönen weiblichen Körpers erblindet. Diese Betrachtungen waren ihm jetzt die natürlichsten, sie rissen seine Seele ganz in diese Anschauung und Fühlung hinein, und es kostete ihm einen harten und beschwerlichen Kampf, um auf sein Stichwort zu achten, welches nun bald ertönte, und das den ganz Zerstreuten auf die Bühne und vor die Blicke aller Zuschauenden hinrief.
Es war ihm schwer sich zu sammeln, und seine ersten Worte zitterten; doch fand er die Fassung wieder und sprach die Szene nun, um nicht in jenes undeutliche Lallen wieder zu geraten, zu stark. Als er an die Rede kam: "Und eure Weiber? – Ihr habt doch eins! – Und doch war das Weib die Krone der Schöpfung!" sprach er mit einem unbilligen Entusiasmus. Er war froh, als er seine Szene geendigt hatte und sich nun in das angewiesene Zimmer begeben konnte, um sich zum Lerse neu anzukleiden und anders zu schminken.
Elsheim als Weislingen erschien sehr liebenswürdig. Sein weicher Ton, seine schlanke Gestalt und sein edles Antlitz imponierten den Zuschauern und rührten sie zugleich. Bei seinem Auftreten verschwand Mannlich als Götz völlig in ein Nichts. Dessen rohe Art, mit der er die Sprache behandelte, sein ungeschicktes Benehmen und die stets zu weit ausgreifende Gebärde fielen nun erst recht als unziemlich ins Auge. Die Tante als Elisabet und Albertine als Marie waren zu loben; ein hübsches Kindchen hatten die Frauen zum Carl gut abgerichtet, und so ging der erste Akt zum Wohlgefallen der meisten Zuschauer zu Ende.
Weislingen hatte schon während des Spieles ein lautes störendes Schluchzen, welches zwischen den Kulissen hervortönte, und das er zu kennen glaubte, zu seinem Verdrusse vernommen. Sowie also der Vorhang fiel, ging er zu dem alten Förster, von dem diese Klagelaute herrührten, und der händeringend und stark weinend hinter dem Teater herumirrte. Der Alte gewährte in seinem Zigeunerkostüme und in seiner Verzweiflung einen fratzenhaften Anblick. Da er sich gar nicht zufriedenstellen wollte, und Elsheim einsah, wie die Sache sich im letzten Augenblick nicht einrichten liesse, er auch eine lächerliche Störung befürchtete, so gab er den Alten frei, der auch sogleich mit heulenden jubel davonrannte. Weislingen nahm sich vor, nach seinem tod selbst noch die kleine Rolle des Zigeunerhauptmanns auszuführen. Doch eine weit schlimmere Störung kam von einer ganz anderen Seite, denn das Schicksal hatte beschlossen, dass diese Sorgen Elsheims für heute anderen Platz machen sollten.
Beim Umkleiden sagte Leonhard zu sich selbst: Wie ist mir denn? Ich komme mir wie ein Knabe vor. Ist dies das erste Mädchen, welches mir jemals seine Gunst zu erkennen gab? Es ist ja auch möglich, dass alles nur Zufall war und ohne Absicht geschah. Doch war ihr blick von einer Freundlichkeit, mit der ihr Auge mich noch niemals angeschaut hat. Auch irre ich wohl nicht, wenn ich Schalkheit in diesem lächelnden Auge zu lesen glaubte.
Er eilte, um so wenig als möglich die Szenen zu versäumen, in welchen Adelheid auftrat. Sie kam ihm bewundernswürdig vor, und immer tiefer wuchs dieses zauberhafte Wesen in sein Herz hinein.
Es schien fast, als wenn Elsheim ungern seine Szenen mit Albertinen spielte, und als nun der überaus treuherzige, etwas rohe Selbitz auftrat