Brief gerade an Dich, und nicht, wie wir ausgemacht hatten, durch Einschluss an Deinen Baron; denn, aufrichtig gesagt, ich traue dem jungen Herrn nicht so recht. Vielleicht liest er heimlich mein Geschreibe, um darüber zu lachen oder er liefert es nicht gehörig ab, weil ich Dich vielleicht antreibe, recht bald bald zurückzukommen, und das tu ich denn auch hiemit, denn mir wird oft so bänglich, dass Du nicht da bist. Ich gehe oft aus einer stube in die andere, als wenn ich was suchte, und wenn ich mich dann besinne, ist es bloss, dass Du mir fehlst. Ja, wo der Hausherr nicht ist, da ist das ganze Haus verödet. Ach, Liebster, es ist ja auch gut und hübsch hier. Aber freilich, treibe dort nur Dein Geschäft zu Ende, freue Dich an der Reise und mit Deinem Freunde, nur denke auch hübsch oft an mich und bleibe mir gut dort unter allen den wildfremden Menschen, die es doch niemals so gut mit Dir meinen können, wie sie sich auch anstellen mögen, als ich, Deine getreue Friederike. Dieses Blatt versetzte den jungen Meister unmittelbar in die rührende Beschränkteit seines bürgerlichen Verhältnisses. Er sah sein Hinterstübchen vor sich, den Hofraum, die aufgeschichteten Bretter, den duftenden alten Nussbaum, in dessen Blättern die Abendröte spielte, er vernahm das Geräusch seiner arbeitenden Gesellen und den rührenden, herzlichen und heitern Ton seiner Friederike. Er musste sich fragen, wie er denn in diese Umgebung gekommen sei, und was er hier wolle. Plötzlich mit allen seinen Gefühlen aus dem Taumel herausgerissen, der ihn bis jetzt umkreiset hatte, erinnerte er sich mancher wunderbaren Erzählung, wie ein Mensch verzaubert und gebannt sein könne, dass er sich, trotz seines bessern Willens, den ihn fesselnden Kreisen nicht zu entziehen vermöge. So gemahnte er sich. – Er ging unwillig, unbestimmt im Zimmer auf und ab, setzte sich an das Fenster, öffnete dies, schaute über den Garten hinweg in das Feld hinaus und suchte eigentlich nach Gedanken, um diesen verwirrenden Empfindungen zu entgehen.
So traf ihn Elsheim, der ihn aufsuchte und besorgt forschte, ob jener Brief auch keine betrübenden Nachrichten entalte. "Nein, Liebster", sagte Leonhard, "aber wie sehr ich mich beschämt fühlte, als du mit deiner Geistesgegenwart jenen italienischen Brief improvisiertest, damit ich nur nicht als Tischlermeister in eurer Mitte stände, kann ich dir nicht ausdrücken. sehe ich nun Säge, Hobel, die Gerätschaften dort im saal an, so ist jeder Ruck des Instruments, jeder Aufschrei desselben für mich wie ein höhnender Vorwurf."
"Du hast meiner Freundschaft dich und deine Zeit aufgeopfert", sagte Elsheim, ihn begütigend. "Du hattest selbst Lust an dieser Reise, deine Maskerade ist jetzt nicht mehr aufzuheben, und du kannst mir nur danken, dass ich dich nicht für einen Reichsgrafen ausgegeben. Als solchen würden dich die alten Mütterchen und Bitterfeld so in Untersuchung und ins Gebet nehmen, dass deine Unwissenheit in Genealogie und Stammbäumen bald an das Tageslicht käme, in der Architektur kannst du es aber hier gewiss mit allen aufnehmen."
"Und morgen also?"
"Ja morgen, Freund Leonhard, läuft nun das grosse gewaltige Kriegsschiff vom Stapel. Ich habe mit meiner Mutter noch viele Kämpfe gehabt. Da hat sie die Schwester meines Vaters einladen müssen, die zwölf Meilen von ihrem Kloster herkommt, wo sie protestantische Äbtissin ist. Diese Dame hat eine Zeitlang in Paris gelebt, sie hat in der Jugend am hof eines Fürsten Racines Andromaque französisch deklamiert und gespielt, zum Erstaunen, wie man erzählt, aller Menschen. Wird also in ihrer Familie Komödie gespielt, so würde sie, wie meine Mutter sagt, es für die allergrösste Beleidigung halten, wenn man sie als Kennerin und ausgemachte Künstlerin nicht dazu beriefe. Sie bringt nun gar noch eine Fürstin mit, eine alte Dame, die wenigstens den Titel Durchlaucht verlangt. Diese furchtbare Fee geniert selbst meine Mutter. Ein Minister-Resident des benachbarten Hofes hat sich auch melden lassen, so dass wir, da das Haus schon besetzt ist, fast in Verlegenheit kommen, wo wir alle diese vornehmen Gäste einquartieren sollen. Ich hatte es mir anfangs so schön ausgedacht, dass wir alle diese Spässe so ganz unter uns treiben sollten, von allen Kritikern fern und unbeachtet, und nun drängen sich Auge und Nase aus den zeiten Louis quatorze in unsern Saal."
"Und dabei die Darstellung selbst", erwiderte Leonhard, "wie weit sind wir doch von unserer Absicht weg verschlagen! Wenn Goete während der Aufführung in den Saal träte müssten wir uns nicht schämen? Ist es doch, als habe man aus Bosheit sein Werk in das Komische übersetzen wollen."
"Ich gebe es zu", erwiderte Elsheim verdrüsslich, "dass es durch meine Schuld geschehen ist; gehen wir aber auch nicht zu weit. Die Hauptperson abgerechnet, macht sich das übrige sehr gut; manches sogar über meine Erwartung."
Aber eben die Hauptperson, meinte Leonhard, um die sich doch das ganze Gedicht drehe, wenn diese so völlig von aller natur und allem Menschlichen abweiche, so müsse ja, möchten die andern tun, was sie wollten, die Darstellung zur Farce herabsinken.
"Lassen wir der Galeere ihren Lauf", erwiderte Elsheim; "mag sie sehen, wie sie mit Wind und Wellen zurechtkommt."
Indem fuhren mehrere Equipagen vor; es