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"Was ist denn das? Was soll ich denn damit? Er ist nicht an mich und auch nicht an meinen Sohn. 'An den Meister Leonhardabzugeben auf dem schloss bei –' Meister! Was heisst denn das?"

"Meister?" wiederholte die Tante, Mannlich und am lautesten der Graf Bitterfeld. Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein. Er hörte den Ausruf, sah den Brief und bemerkte, wie Leonhard rot geworden war, auf den sich aller Augen sogleich prüfend richteten. Er ging schnell zu seiner Mutter, nahm den Brief ihr aus der Hand und sagte: "Ach! ich wette, Leonhard, das kommt von deiner grossen Beschützerin, der italienischen Gräfin Manfredoni. Du erlaubst mir doch, das Schreiben zu erbrechen? – Richtig, sie mahnt dich ziemlich dringend an die versprochenen Baurisse zu ihrem Sommerpalais; höre nur, mein saumseliger Freund, wie dringend sie es macht." Er las: "Mio caro Maestro, Ich habe Ihm schon, ehrenwerter Professore und auch grosser Maestro in Architettura, vor'gegen Jahreszeit sehr ersucht und angeflehentlich erbeten, mich zu helfen von wegen meiner Bau-Entousiasme für mein schön Gartenhaus. Aber Ihr, sehr angebeteter Maestro, scheint Dolce far niente zu sehr zu exercire auf Unkost meiner Gartenanlagenheit. Caro amico, bedenk Du doch, dass ich sehr alt Weib bin, eine Donna von die sechsundsechzig, und habe nicht mehr viel Zeit zu verpasse und Maul aufzusperre, denn die Dringlichkeit will, wenn nicht vorher in mein Erbgräbnis spatzir soll, dass Er, Maestro, Meister oder Professore, schnell mach und auch geschwind und cito citissime, weil ich in die andre Welt dort nichts von Ihm kann baue lasse; denn warum? ist nichts dort von Zimmerleut und Mauermann anzutreffen, als die armselig Totengräber. Hat Er also, Carissimo, christlich commiseratione und amore zu mich oder amico mir verbleiben will, so tu Euer Hochgeborn Professore und Meister sich über eine alte person erbarmen. Eure Riss haben mir, die Er mir dargestellt, sehr wohlgefallen; tu mir nun, liebster Mann, die complaisance, mit Ausführung nachzukommen. Wenn aber kleine Landstreicher wird, ein vagabundo, so kann freilich Architettura in mein Garte nicht gedeihe. Will Ihm nur sagen, Meister dass meine türkische Generation von die bunte hübsche Ente, die Er so gerne füttern tat, abgestorben und verschieden sind, konnte Klima hier und Kultus nicht vertrage; das nun, mit mein Alter zugleich, und auch Schmerze in die Hüfte, so da genannt und tituliert wird Sciatica, hat mich denn auch an mein selig Ende erinnert. Die ich übrigens verharre con l'estimazione, wie sich dem, Meister auf deutsch, auf mein besser Sprach Maestro gebührt,

l'amica sua Contessa Carolina Elisabeta Manfre

doni.

Post Scriptum. Bitte mir gute Bleistift von Seiner Reise mitzubringen, hier brechen alle ab, wenn sie schreiben sollen. Sonst lebt hier noch alles und ist, bis auf mich, ziemlich gesund." Die Zuhörer erfreuten sich dieses verwirrten Briefes, und Leonhard war beschämt, denn er wusste wohl, dass sein Freund diesen halbdeutschen Galimatias nur improvisiert hatte, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen. Mannlich erging sich in weitläufigen Beweisen, wie sich eine verwöhnte italienische Dame auch in solchem kleinen Briefe nicht verleugnen könne, und wie die Fremden doch niemals, wenn sie auch noch so lange in unserm vaterland wohnten, zu Deutschen würden. Indem nun dieses Kapitel erörtert ward, zog sich Leonhard mit seinem Briefe nachdenklich auf sein Zimmer zurück und las dort unter mancherlei widersprechenden Empfindungen den wirklichen Brief seiner Frau. Lieber Leonhard! Ich sehe, dass es Dir gut geht, und wünsche, dass dies so bleiben möge. Mir bleibt es noch ungewohnt, Dich nicht hier in unsern Stuben zu sehen. Alles ist mir so öde, und unser kleiner Franz kommt sich auch so verwaiset vor. Der Meister Krummschuh kommt öfter zu uns und gibt mir und Deinem ältesten Gesellen, dem Hannoveraner, guten Rat. Ich kann dem kleinen dikken Mann unmöglich böse sein (denn er meint es so gut mit uns), wenn er immerfort auf dich stichelt, und sagt, Du würdest noch ganz zum Edelmann werden in Deiner hochadligen Gesellschaft; denn Du hättest Dich schon als wandernder Handwerksgeselle mit Deinesgleichen nicht viel eingelassen; Du wärest immer zu stolz und hochmütig gewesen, und dergleichen mehr. Er hat, so gut er ist, doch immer einen kleinen Neid auf Dich, dass Du Dich ansehnlicher ausnimmst und in jeder Gesellschaft Deine person so ziemlich vorzustellen weisst. Denn das muss wahr sein, guter lieber Wilhelm, dass ich Dich noch fast nie mit den Vornehmen so verlegen gesehen habe und so linkisch oder grosstuerisch, wie so manche Bürgersleute, die dann auch oft so kuriose Redensarten gebrauchen, dass die Ausgelernten heimlich, oder auch öffentlich darüber lachen. Der Hannoveraner hat einen grossen künstlichen Schrank für den Herrn von Heimbüttel übernehmen müssen, der die Arbeit eilig eilig haben will. Krummschuh tat sich damit gross, dass er Rat geben musste; er schmunzelte viel, wurde aber dunkelrot, wie er das an sich hat, bis in seinen fetten Nacken hinein, wo ihm dann, wie Du weisst, die Ader so dick aufschwillt. Er war nämlich so verlegen und wusste eigentlich nicht links, nicht rechts, so dass es ihm unser Hannoveraner Gottfried immer wieder anders auseinandersetzen musste, der das Ding gleich weghatte, während der Kleine