1836_Tieck_097_62.txt

fühlbar ist, will ich jetzt gar nicht einmal sprechen. Aber, wer hat es nicht einmal, in der Krankheit wenigstens, erlebt, dass aus einer dicken, festen Mauer eine Luftzug strömt, fühlbar, unverkennbar? Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gespürt, auch scheine es dort unmöglich. Es muss Strömungen der Atmosphäre geben, die auf unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen, oder die Luft reflektiert zuweilen auf ähnliche Art, wie Licht und Sonnenstrahlen; der Stoss und Widerstoss erzeugt sich plötzlich aus Ursachen, die wir nicht entdecken können. Man hat mich oft verspotten wollen, indem meine Freunde mich fragten, ob ich keinen Zug verspüre, indem ein Schrank, oder eine Schieblade geöffnet wird? Ich scheue mich gar nicht, zu behaupten, dass ich allerdings etwas Ähnliches empfinde; es ist die abgestorbene Luftmasse, die sich mit der Zimmerluft plötzlich mischt, wenn der Schrank leer ist; und wenn es ein Behältnis der Wäsche ist, so quillt aus der feinsten und reinsten eine widerwärtig erkältende Strömung, der ähnlich (freilich nur im geringen Grade), die uns so trostlos befällt, wenn wir einem Trockenplatze vorübergehen."

Der Graf sagte: "Darin ist aber etwas Wahres, sosehr unser Herr Professor auch übertreibt; darum muss man auch, wie ich es halte, immer Wohlgerüche zwischen die Wäsche legen und sie selbst im Sommer vor dem Ankleiden wärmen und durchräuchern." Nun fingen die Damen, die jüngern, wie die älteren, an, sich lebhaft in das Gespräch zu mischen; plötzlich aber sprang Albertine eilig auf und rannte mit einem Freudengeschrei einem hübschen, aber noch sehr jungen mann in die arme. Dieser war ihr Bruder, der Cadet, der von der entfernten grossen Stadt gekommen war, um an den ländlichen Festen und Teaterspielen teilzunehmen. Es war natürlich, dass die Freunde das Gedicht vom Berlichingen sehr zusammengezogen, verschiedene Szenen verlegt und vereinigt und alles so eingerichtet hatten, dass es mit nicht gar vielen Dekorationen und einer bescheidenen Anzahl von Mitspielern dargestellt werden konnte. Es ist übrigens nicht unbekannt dass bei Liebhaberkomödien die Proben eigentlich das ergötzlichste sind. Alle erstaunten, mit welcher Wahrheit und innigen Rührung Albertine die Maria spielte und sprach, in der Sterbeszene Weislingens war sie und Elsheim so tief erschüttert, dass beide mit lautem Schluchzen den Auftritt endigten, und das fräulein sich nachher unwohl fühlte. Am meisten war der alte Schulmeister, der invalide Husar, welcher mit grosser Freude den Selbitz auswendig gelernt hatte, beseligt, dass er mit hohen Herrschaften durch diese Kunstübung in ein so vertrautes Verhältnis trat. Es war ein Glück, dass dieser Raubgesell keine Szene mit dem edlen Bischof von Bamberg hatte, denn Graf Bitterfeld, der Vertreter des geistlichen Herrn, nahm es dem jungen Baron doch sehr übel, dass er diesen Invaliden aus einem fremden dorf herübergeholt hatte, um in Goetes Dichtung mitzuwirken. Dass des baron Förster und andere Dienstleute in kleinen unbedeutenden Rollen auftraten, verzieh er und fand es zulässig, weil er auch dafür entschuldigende Beispiele in der Teatergeschichte hoher Aristokratie fand, aber ein unheimischer Diener war ihm unerträglich. Dazu kam, dass dieser Selbitz sich sehr breit machte und sich mehr hervordrängte, als es seine Rolle eigentlich zuliess, so dass selbst Mannlich, als Götz, etwas empfindlich wurde, und nun, um jenen zu strafen und zurückzustellen, in den Szenen mit ihm noch gedehnter, langsamer und akzentuierter sprach, woraus aber der lahme Selbitz den Vorteil zog, dass man sein Spiel besser und natürlicher fand, als das der Hauptperson. Mannlich war aber auch glücklich, da er in jeder probe seine tapfere Gesinnung und seine Biederkeit so recht breit, und sicher, nicht gestört zu werden, auseinanderwickeln konnte. Indem er nun den Platz der Szene ganz allein einzunehmen strebte, kam es, dass er auf die mit ihm Sprechenden kaum hinhörte und in die Weise, wie er diese anblickte, eine unendliche Verachtung legte. Dies geschah aber nicht vorsätzlich, sondern unbewusst und in aller Unschuld; denn nicht allein seinen Gegner Weislingen, sondern Frau und Schwägerin, sowie Georg, behandelte er ebenso, bloss von dem Gefühl geleitet, welches er über sich selbst und seinen hohen Wert empfand. Elsheim sah dies alles mit einer gewissen Schadenfreude an und vergass darüber ganz, dass er bedeutende Kosten, Zeit und Anstrengung darauf verwandt hatte, das herrliche Werk seines hochverehrten Dichters zu parodieren, und in ein komisches Licht zu stellen.

Leonhard war in jedem Augenblick hinter der Szene mit Einrichtungen, Verbesserungen und Ratgeben so beschäftigt, dabei von seinen eigenen Rollen so hingerissen, dass er von diesen Nebensachen, wie von wichtigern Vorfällen wenig bemerkte. Er spielte wirklich den Bruder Martin und in den spätern Akten den Lerse. Wenn ihn etwas zerstreute, so war es die Aufmerksamkeit, welche er, selbst wider seinen Willen, Charlotten widmen musste. In jeder Bewegung, in der Art zu sprechen, in der Manier, mit welcher sie oft aus der Rezitation ihrer Rolle in die gewöhnliche Sprache, um etwas zu fragen oder anzuordnen, überging, fand er neue Reize. Er begriff es jetzt nicht mehr, warum sie nicht jene Lebhaftigkeit und vornehme, ja höchst edle Schalkheit, mit welcher sie die Adelheid so meisterhaft vortrug, auch in ihrem wirklichen Leben annehme, denn ihm schien, als wäre ihr diese Sprechweise und ihre Gebärde viel natürlicher, als jene schweigsame Ruhe und fast tonlose Kälte der Rede. Indem nun alle sich mehr oder minder mit ihren Rollen abmühten,