haben. Wörtlich sagt dasselbe auch Novalis, was du eben aussprachst."
"Novalis?"
"Dieses herrliche Buch will ich dir geben, du musst es lesen, es ist erst ganz kürzlich herausgekommen", antwortete Dorotea.
"Ach Kind", fuhr Albertine fort, "du wirst mich für ganz töricht halten. Erzähle wenigstens keinem Menschen, auch der Tante nicht, von dem, was ich dir eben anvertraut habe. Ist mir Elsheim gleich zuwider, so kann ich ihn doch nicht hassen. Oh, seine Blicke sind oft fürchterlich! In der Gemäldegalerie dort in der Stadt und noch mehr unter den Antiken und Abgüssen wusste ich mich, von seiner Gegenwart geängstigt, gar nicht zu lassen. Die Unschuld selbst, das Heilige und die Grösse der Kunst wird anstössig und zum Frechen, wenn er erst diese nackten Bilder und dann dich mit jenem kritischen forschenden Auge mustert. Ich hätte mich so gern dort unter den Götterbildern recht ergangen und mein Gemüt in dieser Schönheit erhoben, aber diese Säle wurden mir durch seine schuldvollen Blicke ein Aufentalt der Sünde. O welche Verschiedenheit unter den Männern! Dieser Leonhard mit seinen redlichen, unschuldigen Augen könnte selbst dem Zweideutigen Reinheit geben. Er war in diesen beklemmenden Stunden mein einziger Trost. Mit ihm könnt ich allentalben sein, ohne mich gestört zu fühlen. In seinem Wesen herrscht das vor, was ich das Weibliche, das Jungfräuliche nennen möchte. Wie glücklich muss die Gattin und die Geliebte sein, die er sich auserwählt! Ich bilde mir ein, dass es nur wenige Männer gibt, wie diesen."
"O mein Kind! mein armes Kind!" rief jetzt Dorotea aus, "dachte ich es doch, dass dein Leidwesen aus einer ganz andern Gegend herstammen müsse. Wie soll das endigen? Was soll daraus werden?"
"Nun?" fragte jene erstaunt, "und was ist es denn, das mir fehlt?"
"Du hast dich", war die Antwort, "in diesen fremden Menschen, in diesen Leonhard sterblich verliebt. Oh, du Unglückselige! mich dünkt, ich habe gehört, er sei schon verheiratet."
Die beiden Mädchen waren jetzt aufgestanden. "Verliebt?" sagte Albertine nachdenkend – "und in Leonhard? Nein, liebste Freundin, das kann ich doch unmöglich glauben."
"Alle Merkmale sind da", sagte Dorotea seufzend, "es ist so klar, dass du es nur nicht mehr leugnen solltest."
Es war ganz finster geworden, und ein Bedienter, welcher sie schon allentalben gesucht hatte, rief sie zur Gesellschaft ab, die sich im Komödiensaal versammelt hatte, um die eben fertig gewordene Walddekoration zu betrachten, die dort aufgestellt war. Sie gingen hinüber und fanden die Freunde und Bekannten, die bei angezündeten Lampen das neue Kunstwerk beurteilten und sich daran freuten. Am lautesten sprach der Maler selbst, ein kleiner dicker Mann, der in einem nahe gelegenen Städtchen ansässig war. Er setzte die Richtigkeit, die Perspektive und die Schönheit aller einzelnen Teile weitläufig auseinander, und der Professor Emmrich schien ihm mit der grössten Aufmerksamkeit zuzuhören. Die Wand, sowie die Kulissen waren ziemlich grell gefärbt, und es war augenscheinlich nur guter Wille der Anschauenden, wenn sie dem Lobredner in keiner seiner Behauptungen widersprachen. Als sich der Künstler entfernt hatte, sagte Emmrich: "Es ist für mich fast rührend, einen schwachen Handwerker dieser Art zu sehen, wenn er in seiner Mittelmässigkeit meint, ein Meisterwerk verfertigt zu haben. Wer könnte so grausam sein, den von seiner Kunst Entzückten auch mit dem gegründetsten Tadel zu Boden zu schlagen? Lassen wir ihm das Glück seiner Einbildung, denn für das, was uns sein Machwerk nutzen oder bedeuten kann, ist es immer gut genug. Grün ist der Wald wenigstens, das kann niemand leugnen, und das können manche wirkliche Wälder in der Mark und auch anderswo nicht zu allen zeiten von sich rühmen."
"Als wenn er es besser machen könnte!" sagte Graf Bitterfeld zu Elsheim und Leonhard, die etwas entfernt standen. "Der gute Mann", fuhr der Graf fort, "will in allen Dingen den Kenner spielen, und das ist recht bequem und leicht, wenn einer, wie der Professor, kein eigenes bestimmtes Fach hat, in welchem er sich auszeichnen könnte."
Als der Graf sich entfernt hatte, sagte Elsheim zu Leonhard: "Mit diesem Emmrich musst du nähere Bekanntschaft machen. Er ist ein tüchtiger Mann, ein Original, wie sie immer seltner bei uns werden, selbständig bis zum Eigensinn, dabei aber billig und freundlich. Er ist hart und tadelt oft scharf diejenigen als Schwächlinge, die sich beim Frost zu sehr beklagen, und verachtet geradezu alle, die in der Hitze verschmachten wollen. Und doch ist kein Mensch auf Erden in einem Punkt so schwach, ja lächerlich empfindlich, als er selbst. Dieser Punkt betrifft den Zug. Er kann heftig bis zur Grobheit werden, ja selbst tyrannisch, wenn irgendwer durch übereilte Öffnung eines Fensters oder einer Tür plötzlich Zugwind erregt. Er behauptet, dieser sei eigentlich das gefährlichste Gift in der Welt, und Tausende von Menschen stürben an diesem Arsenik; doch sei für einen solchen offenbaren Giftmischer in den Gesetzen keine Strafe festgestellt, was eine Barbarei der Zeit beweise und eine gefühllose Unachtsamkeit der meisten Menschen, die doch sonst für Leben und Gesundheit so übermässig ängstlich besorgt wären. Die Ärzte schilt er, was diesen Punkt betrifft, Ignoranten