1836_Tieck_097_6.txt

du es erfährst", erwiderte sie etwas unwillig, "er hat Projekte mit dir, er will dich auf eine Reise mitnehmen, du sollst ihm ein Schloss einrichten helfen und was dergleichen mehr ist, was mir gar nicht sonderlich hat gefallen wollen; er ist überhaupt fatal mit seinem herablassenden vertrauten Wesen, und hindert dich nur; ich kann es gar nicht leiden, dass er mich immer liebe kleine Frau nennt." – "Du bist unbillig", antwortete der Mann, "er will gegen uns nicht den Vornehmen spielen, ich kenne ihn seit lange, wir waren Schulkameraden." – "Ich bin aber nie sein Schulkamerad gewesen", erwiderte sie etwas spitzig; "und wie klein bin ich denn? doch gross genug, dass er mit mir etwas mehr Umstände machen könnte; ich kann es nicht leiden, wenn die Vornehmen gar zu bürgerlich tun wollen; ich fürchte nur, du lässest dich beschwatzen, weil ich deine Lust am Reisen kenne."

"Ja, das muss wahr sein", rief Krummschuh aus, "in meinem Leben hab ich noch keinen Menschen gesehen, der so versessen auf das Wandern ist. Er konnte es nie satt werden, und ich werde zeitlebens an das Jahr gedenken, in dem ich mich mit ihm herumgetrieben habe. Wenn andere Menschen müd und matt in die Herberge kommen, so richten sie sich ein, sehen nach der Küche bestellen sich ein Essen, setzen oder legen sich nieder; nicht so er. Gleich fragt er nach den Merkwürdigkeiten der Stadt und der Gegend, meistens kennt er sie auch schon, oft besser als die Leute selbst, und da ist nun entweder ein alter Turm, den er besehen und auf die Spitze mit Lebensgefahr hinaufklettern muss, oder Mauerwerk von einem schloss oder Kloster ist eine halbe Meile davon, dahin wird nun gewandert, ohne fast nur einen Trunk Bier getan zu haben. Und was hat er nachher von dem allen? Ich begreife es jetzt selbst nicht, wie er mich damals durch seinen Umgang so hat behexen können, dass ich alle die Torheiten mitmachte."

Alle lachten, und der Erzähler fuhr fort: "Jetzt ist es mir selber lächerlich, aber damals war ich oft verdrüsslich genug. Weisst du noch, Gevatter, wie wir miteinander das Fichtelgebirge durchstrichen? In der Ebene war er noch erträglich und ziemlich vernünftig, aber sowie er nur in Berge geriet, war er wie wahnwitzig, und ich glaube auch, dass es eine Krankheit in ihm gewesen ist, die jetzt wohl ausgetobt hat. Da musste immer noch ein Berg erstiegen werden, und dann noch ein höherer und wieder ein anderer, und das hatte dann niemals ein Ende! Dabei konnte er unsereinen so schön persuadieren, dass man immer nachkletterte; er konnte wunder was versprechen, goldne Berge und Luftschlösser, es blieben aber immer nur neue Felsenberge. Ich hatte von frühester Kindheit die Anlage, einen Bauch zu kriegen, wie es denn auch jetzt geschieht; seit ich denken kann, ist mir beim Bücken das Blut ins Gesicht gestiegen, und ich kann nichts tun, ohne in starken Schweiss zu geraten. Aus dieser Komplexion ergibt sich nun von selbst, dass ich kein sonderlicher Fussgänger bin, was er bei seiner schlanken Statur niemals begreifen wollte, sondern meinen Widerwillen nur für Faulheit erklärte. Da liegt in Franken ein finsteres Nest, Wunsiedel genannt, unter dem Fichtelgebirge; eine halbe Meile oder Meile davon sind im Buschwerk die wunderlichsten tollsten Felsenmassen über-, unter- und durcheinander geworfen, wie man es nur im Traum sich vorstellen kann, da musst ich nun hin, und springen, kriechen, klettern und stöhnen, um das Wunderwerk in Augenschein zu nehmen. Der höchste und verwirrteste Punkt dieser Gegend, wo man verrückt werden möchte, heisst die Luchsburg. Von hier sieht man aus der schwärzesten Tannen-Einsamkeit rund umher in die Zerstörung hinaus, von allen Seiten nur Wälder und wilde Steinklumpen unter sich, Waldrauschen und wildes Vogelschreien, alles zum Entsetzen. Da war er nun glücklich und wie betrunken vor Freude. Wir mussten aber weiter, wir sollten auf den Gipfel des Gebirgs gelangen, den sie dort den Ochsenkopf nennen. Er wusste meine Ambition so in Tätigkeit zu setzen, dass ich richtig mitging; den Abend vorher hatte ich geschworen, es nicht zu tun. Es liegt ein tiefer langer Morast unten am Gebirge, über welchen Stangen gelegt sind, um nur festen Fuss fassen zu können, da hinüber mussten wir uns quälen. Dann ging es in den dicksten Wald, neben grossen Steinwänden, Eichen und Tannen vorbei; er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen, und glaubte nicht fehlen zu können. Aber es geriet uns dennoch anders, denn nachdem wir einige Stunden bergauf gewandert waren, hatten wir jede Spur eines Weges verloren. Nach vielem Hin- und Hertappen gerieten wir auf eine alte Strasse, die aber seit lange schon musste verlassen gelegen haben, nämlich auf eine Art von Knütteldamm über morastigen Boden. Hier war es Kunst zu wandern. Oft brach der Baum, indem man auftrat, oder tauchte unter, und man musste behende auf den zweiten steigen, wo es oft noch schlimmer ging; an vielen Stellen fehlten die Bäume ganz, und wir mussten zum Springen unsere Zuflucht nehmen, wobei es doch nicht zu vermeiden war, dass wir nicht einmal ums andere tief in den Sumpf hineinfielen. Ich fing an zu heulen und zu weinen; der böse Mensch aber