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hofmeistert er oft andere über Dinge, die diese doch viel besser wissen. Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme, aber in diesem Wohlwollen ist so viel bewusste und absichtliche Herablassung, dass es den Unschuldigen, dem er sich auf diese Weise nähern will, weit mehr verletzen, als erfreuen muss. Und sein lachen, sein höhnisches lachenmeist über Dinge, die ihm nur deswegen komisch vorkommen, weil er sie nicht versteht. Ist nicht ein recht hochadliger Hochmut in seiner Art, wie er mit seinem bürgerlichen Freunde Leonhard umgeht, der ihn doch, sogar in Gesellschaft, du nennen darf?"

"Kind", sagte Dorotea, "du tust dem Vetter unrecht. Er ist ein ganz gutmütiger und, wenn ich es recht überlege, ein allerliebster Mensch. So gefällig, so nachgiebig, der beste Wirt; gegen seine Mutter, die er doch so sehr übersieht, so ganz kindlich, so dass er es sie nie merken und empfinden lässt, wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfältig spricht. Er muss dich einmal eigen beleidigt haben, oder ein Fremder hat dich gegen ihn aufgebracht, sonst ist mir alles dies unerklärlich."

"Sind doch andere Männer", fuhr Albertine fort, "ganz anders beschaffen. Betrachte nur diesen bescheidenen, wahrhaft verständigen Leonhard. Möchte ich diesen doch das Muster eines gebildeten Mannes nennen, so ruhig und fest steht er auf sich selbst und bedarf keiner Bestätigung von aussen oder von andern. Er hat auch gar nicht das männlich Männliche, was mir schon als Kind so anstössig und ärgerlich war."

"Ich verstehe dich wieder gar nicht", sagte Dorotea.

"Das ist ja mein Leid", fuhr Albertine fort, "dass ich so ganz anders empfinde, und nichts davon –, noch dazutun kann. Ist es dir denn nicht schon einmal im Leben recht empfindlich zuwider gewesen, wenn Männer beisammen sind und etwa im Preisen einer Pastete, oder eines delikaten Weines sich ergehn? Hast du denn noch niemals bemerkt, dass dann dieser und jener auf eine recht widerliche Art den Mund verzerrt, schielt und lächelt und mit den Augen blinzelt? Mag das Gespräch vorher gewesen sein, welches es wolle, von Religion, natur oder Kunst, wobei sie sich oft recht erhaben vorkommen: – nun wird dieser Ton angeschlagenund das Tier, das gleichsam künstlich untergeschoben, an den Ketten der Förmlichkeit und Heuchelei festgebunden lag, springt nun plötzlich hervor. Viele finden dergleichen an solchen Männern liebenswürdig, und ich schwöre dir, mir ist schon oft ein Grausen darüber angekommen. Und wenn ich mir dann denke: dieser, der bei Erinnerung an einen sinnlichen Genuss so widerwärtig grinsen kann, so garstig lachendieser soll sich irgendeinmal einbilden, er könne lieben, oder werde es einem armen getäuschten weiblichen Wesen vorlügenoder gar ich selbst könnte seiner Falschheit unterliegenso muss ich schaudern. – – Siehst du, Dorotea, nun bist du selbst nachdenklich geworden."

Es war wirklich so. Die Kleine hatte den Kopf in die Hand gestützt und machte eine Miene, wie sie Albertine noch niemals an ihr bemerkt hatte. "Du hast wohl nicht unrecht", sagte sie nach einer Pause recht schwermütig, "es kann oft im besten Menschen etwas sein, was eigentlich, wenn man es genau nimmt, recht unmenschlich ist. Ich habe nur niemals darauf achtgegeben, oder, wenn ich es einmal bemerkte, und es mir widerlich auffiel, habe ich es nicht so wichtig genommen."

"Und nun gar", fuhr Albertine mit unterdrückter stimme fort, "wenn sie von Mädchen und Frauen sprechen, und man, ohne es zu wollen, ihre Erzählung zufällig anhört, wie sich wo unversehens eine Schulter, oder ein Busen entüllt, oder gar ein Knie entblösst hat: – plötzlich dann jene Satyr-Larven, jenes Faunen-Gelächter, an dem sich die Brüderschaft erkennt und ohne Worte sich zuruft: Lassen wir die Maske fallen, zwingen wir uns nicht, da wir uns doch alle gegenseitig als Tiere und Vieh längst kennen!"

Die Mädchen sanken sich weinend in die arme. "Ja, ich bin krank", sagte Albertine dann, "am Leben krank, und der Tod ist vielleicht meine Heilung. Wie oft träumte ich in meinem kindischen Sinn, dass der echte Mann zugleich das Wesen einer Jungfrau haben müsse."

"Manche von uns", erwiderte Dorotea kleinlaut, "sind aber auch nicht viel besser. Und viele Bücher in Prosa, wie in Versen suchen ja auch alles das, worüber wir hier klagen, lächerlich zu machen. Ach ja, man muss sich eben, um leben zu können, in alles finden."

"Ich will aber nicht!" rief Albertine mit der grössten Lebhaftigkeit, "– hörst Du? ich will es nicht! Und sieh, der Elsheim, den du vorher so verteidigen und loben wolltest, ist in allen diesen Punkten einer der Schlimmsten. Nicht wahr, ich werde den meisten rasend vorkommen, wenn ich verlange, dass Mann und Frau, Vater und Mutter auch in der Ehe noch unschuldig bleiben sollen, dass den Geliebten nach dem höchsten Genuss ein Händedruck seines Mädchens noch so beglücken soll, wie beim ersten scheuen Begrüssen?"

"Ach, Liebe, Liebe", sagte Dorotea und schmiegte sich an die Freundin, "du sprichst da etwas Göttliches aus, worüber wir vielleicht alle unsere schönen Träume