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mir noch gefallen lassen, wenn der Mensch noch ein ehrlicher, ordinärer Spitzbube wäre. Aber einen Zigeuner soll ich agieren! Ich werde vor allen meinen Jägerburschen zu Schimpf und Schanden, denn es sind noch nicht zehn Jahre her, als sie drüben, jenseits, über der Grenze einen solchen verruchten Zigeuner aufknüpfen taten, wie er es auch verdiente. Damals ist die ganze Landschaft von hier, und ich selber mit, hinübergelaufen, um den Skandal anzusehen. Und nun soll ich einen solchen giftigen heidnischen Hund vor meiner herrschaft und allen Dienern und den Fremden vorstellen. Das überleb ich nicht."

Elsheim nahm den alten Mann, der ganz ausser sich schien, beiseit und ging in der Lindenallee lange mit ihm auf und ab, um ihn durch gütliches Zureden zu beschwichtigen. Leonhard beobachtete aus der Ferne ihr lebhaftes Gespräch, und als sich die Freunde am Abend wieder trafen, sagte der Baron: "Nun fängt das Leiden der Komödie auch schon an, dass die Menschen nicht mit ihren Rollen zufrieden sind." Es vergingen nun mehrere Tage unter mancherlei Zerstreuungen und verschiedenen arbeiten. Das Teater war unter Anleitung Leonhards und des baron Mannlich schon bedeutend vorgeschritten; man hatte die Leseprobe gehalten, zu unendlicher Ergötzlichkeit der kleinen mutwilligen Dorotea. Denn bei Abschrift und Austeilung der Rollen hatte es sich erst erwiesen, dass man eine der hauptsächlichsten bis dahin völlig vergessen hatte, den muntern, herrlichen, treuen Georg nämlich. Nun bat man dringend und freundlich, dass Dorotea diesen, statt ihrer Zigeunerin, übernehmen möge, und sie liess es sich endlich gefallen, in der Tracht eines Knaben aufzutreten. Beim Lesen ihrer Rolle wendete sie manche Stellen höchst mutwillig so, dass es wie Verspottung der zerstreuten und vergesslichen Direktoren klang.

"Da flog das Meislein auf ein Haus und lacht den dummen Buben aus", klang, von ihrem Gelächter akzentuiert und durch ihre Blicke kommentiert, für den Baron Mannlich fast etwas zu anzüglich. Indessen liess sich seine ehrenfeste Haltung von dem kleinen Schadenfroh, wenn auch einige mitlachten, nicht aus der gesetzten künstlerischen Fassung bringen.

Leonhard hatte auch schon einen Brief von seiner Frau durch seinen Freund erhalten, nachdem er ihr sogleich nach seiner Ankunft auf dem Gute geschrieben hatte. In seinem haus stand alles gut, und so war er jeder sorge entoben.

Ein teil der Gesellschaft hatte sich bei dem schönen Wetter auf die Reise begeben, um einige teatralische Vorstellungen in einer namhaften Stadt, wo sich derzeit eine gute Schauspielertruppe befand, anzusehen. Der Ort war zwar eine ganze Tagereise entfernt, indessen bestand diese Sommergesellschaft, die sich auf dem Landhause versammelt hatte, aus Menschen, die mit der Zeit etwas grossmütig umgehen konnten, weil sie, Leonhard abgerechnet, alle ohne Beruf und Beschäftigung waren. Elsheim vorzüglich betrieb diese Reise, da er sich von der Langeweile und Anstrengung erholen wollte, die ihm die gerichtliche Übergabe des Gutes verursacht hatte, wobei die Förmlichkeiten, die Gerichtspersonen, das Zeremoniell und alles, was zu dergleichen Akten gehört, ihn wirklich sehr verstimmten und ihm in diesen Tagen für sein Teater und die poetischen Ergötzlichkeiten keine Zeit übrigliessen.

Als die jungen Leute nach vier Tagen etwas ermüdet zurückkamen, so wendeten sie sich wieder zu ihren teatralischen Belustigungen. Es war jetzt auffallend, wie oft man Leonhard mit Charlotten im eifrigen gespräche sah, und wie die Schweigsame eilig in fragen und Antworten war. Elsheim beobachtete sie lächelnd aus der Ferne und wendete sich zuweilen an Dorotea, um mit dieser über das Bündnis zu scherzen, welches jene beiden auf dieser Reise geschlossen zu haben schienen. Dorotea selbst aber war unterweges der schwermütigen Albertine viel nähergekommen, und es bildete sich schnell eine vertraute Freundschaft unter den beiden jungen Mädchen, von denen jedermann bisher geurteilt hatte, da ihre Art und Weise so völlig verschieden war dass sie sich niemals einander nähern würden.

Unter den Männern verbanden sich, sowie Elsheim den Baron Mannlich mehr vernachlässigte, dieser und Graf Bitterfeld mit jedem Tage inniger. Der Graf bewunderte die ausgebreiteten Kenntnisse seines neuen Freundes, so wie er immerdar von seiner Biederkeit gerührt wurde. Mannlich war gegen diese Anerkennung sehr dankbar, und übersah mit Freundlichkeit die Unwissenheit seines Genossen, dessen edles Herz und Menschenkenntnis er um so höher stellte.

Am einsamsten schien sich der Professor Emmrich in diesem bunten Zirkel zu befinden. Er studierte viel in seiner Gartenwohnung, die ihm Elsheim, weil er des Freundes Launen kannte gern eingeräumt hatte. In diesem abgelegenen Pavillon sah die Dienerschaft noch oft Licht, wenn im schloss schon längst alles zur Ruhe gegangen war. Emmrich hatte es sich schon früh angewöhnt, in der Nacht fast mehr als am Tage zu leben; er bedurfte nur wenigen Schlafs und weniger Nahrung und hielt in seiner bizarren Laune das meiste von dem, was andere Menschen Naturbedürfnisse nannten, nur für Angewöhnung und Nachgiebigkeit gegen Schwächen. So konnte er lange fasten, viele Meilen dabei zu Fuss gehen, ohne sich ermattet zu fühlen, und er gestand, dass er fast niemals Hunger oder Durst empfinde und sich ebenso ohne Anreiz, nur mit willkürlichem Vorsatz an die Tafel begebe, wie er sich zum Schlafe endlich niederlege, ohne sich jemals überwacht zu fühlen. Diese seltsame Lebensweise war auch die Ursache, dass sich viele Menschen vor ihm fürchteten, welche unheimliche Furcht sein klarer Verstand und unbestechliches Urteil noch vermehrten. Denn viele Menschen mögen mit sich selbst und ihren sogenannten Freunden nur in einer gewissen Dämmerung leben, wo nichts bestimmt gesehen und unterschieden, wo nichts scharf ausgesprochen wird. Um so