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Orleans und den Duc Conti nicht einmal gerechnet, so wird deine Verwunderung aufhören. Es ist seitdem als die Schwäche und Herablassung grosser Charaktere anzusehen. Darum wird er auch auf dem Teater mit dem geringsten Spielenden freundlich und fast vertraut umgehen, denn Bühnenverhältnisse lösen noch mehr als Badebekanntschaften die Fesseln der Etikette."

Leonhard fuhr fort: "Wenn sich mir deine Beschreibung des Baron Mannlich nicht bestätigte, so bin ich noch mehr an jener in Ansehung des Fräuleins Albertine irre geworden."

"Wieso?"

"Sie ist ja so liebenswürdig, innig und kindlich freundlich, dass deine Schilderung gar nicht auf sie passt. Und ihre stimme, ohne ihre anderen Vorzüge! Ich habe noch nicht leicht einen Ton gehört, der so unmittelbar zum Herzen spricht. Man braucht nicht einmal auf den Inhalt ihrer Rede hinzuhorchen, so erweckt der Silberklang dieses schönen Organs auch ohne weiteres poetische Vorstellungen in unserm Gemüt, eine anmutige Rührung, eine schöne Erhebung unsers Geistes."

"Still! mein Freund", rief Elsheim, "du bist ganz nahe daran, dich in dieses Gesichtchen und die klaren blauen Augen zu verlieben, wenn es nicht schon geschehen ist. – Nun, was werde ich über Charlotten hören?"

"Verliebt!" rief Leonhard, "sieh Freund, dies ist eins von den Worten, die in der Welt am allermeisten gemissbraucht werden. Ich werde einer solchen Gefahr nicht unterliegen. – Nun, Charlotte? diese ist eins von den Wesen, so scheint es mir nach kurzer Bekanntschaft und Beobachtung, über welche es unendlich schwer vielleicht unmöglich ist, ein wahres Urteil zu fällen. Sie ist ein tiefes, poetisches Gemüt, schweigsam, weil ihr der gewöhnliche hergebrachte Ausdruck nicht genügt, weil der gemeine Gegenstand der meisten Reden und gespräche ihr wohl zu gering sein mag. Sie scheint ganz leidenschaft und Entusiasmus. In ihrer Nähe und von ihren Worten berührt, ist mir gewesen, wie in der schönsten, ganz poetischen Einsamkeit. Wald und Fluss sprechen dann auch, aber in gereizter und erhobener Stimmung so innigst, dass jeder der rätselhaften Laute ebensosehr zum Schmerz als zur Wonne wird."

"Du bist in einer fatalen hyperpoetischen Stimmung", antwortete Elsheim. "Auf solchen Wegen wirst du die Menschen niemals kennenlernen. Ich sage dir, deine vergeistigte Albertine ist ein albernes Gänschen, und diese deine wundersame Charlotte eine recht eigentliche Kokette, nur auf ihre eigentümliche, etwas seltsame Art. Dich haben gewiss in früher Jugend auch jene Sterne, Sonnen und Blumen erfreut, die man aus dunkelroter, oder rubinfarbener, himmelblauer und glänzend grüner Folie und dünnen Blechen schneidet. Diese Zieraten waren einmal sehr Mode. Wie matt sieht gegen diese funkelnden Stücke jede Malerei aus! Selbst die natur kann in Laub und Blumen nicht mit diesen Prachtstücken wetteifern. Aber nur ein kindischer Sinn wird davon geblendet, der Maler kann diese Effekte weder hervorbringen, noch will er es. Die heilige Zarteit der natur zieht sich vor jedem Wettstreit mit diesen Dekorationen zurück. Zu diesen zauberischen Prunkflittern, diesen dunkelglänzenden Folieblumen gehört eben Charlotte."

"Du nennst sie Kokette", sagte Leonhard; "ist sie es, so muss man sie hassen."

"Warum das?" fragte der Freund; "nur nicht natur, Gesinnung, Gemüt und Wahrheit in ihr sehen wollen, oder die Begeisterung und Freude von ihr erwarten, die uns ein Kunstwerk zuführt."

"Du bist deiner Sache auch vielleicht zu gewiss", erwiderte Leonhard etwas empfindlich; "vielleicht wäre die Verbindung mit Albertinendu sagtest mir, dass deine Verwandten sie wünschtendein Glück."

"Wie bist du nur?" rief Elsheim aus, "ich kenne dich heute nicht wieder; du solltest doch deine Freude, die du an diesen törichten Mädchen hast, nicht mir anzwingen wollen. Suche jeder sein Glück auf seinem eigenen Wege."

Leonhard wollte eben antworten, als sie durch einen Bedienten unterbrochen wurden, der, weil er den jungen Baron schon allentalben gesucht hatte, keuchend in die Laube trat. "Was gibt's?" fragte dieser.

"Ach! gnädiger Herr", sagte der Diener, "hier ist der alte Förster Rudolf, der im haus und im ganzen Garten herumläuft, heulend und schluchzend, und der Sie mit aller Gewalt sprechen will."

Elsheim ging dem alten Jäger entgegen, und dieser lief schon mit den Zeichen des grössten Schmerzes auf ihn zu, die hände ringend und dann wieder mit seinem Tuch die Augen trocknend.

"Alter, um Gottes willen!" rief der junge Edelmann aus, "was ist Euch für ein Unglück begegnet? Fasst Euch, alter Mann!" Mit den Worten ergriff er die Hand des Alten und suchte ihn zu beruhigen, erschrocken, wie er selber war.

"Oh, gnädiger Herr", klagte der Alte, "dass mir noch in meinen allerletzten Tagen dergleichen begegnen muss! Ich dachte, nun bald mit Ehren in die Grube zu fahren, und soll noch solchen Schimpf vor meinem seligen Ende erleben!"

"Aber was ist Euch zugestossen."

"Man sagt ja", rief der Förster, "dass Sie es durchaus wollen, junger Herr. Der Heinrich ist zu mir gelaufen gekommen, ich soll einen Komödianten abgeben, und wenn es noch Kaiser, König, oder eine Art Herzog wäre, den ich aufführen soll! Nein, geradezu einen Spitzbuben, einen Mordbrenner! Und auch das würde ich