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gestehen, dass ich in meinem Leben noch nicht so getäuscht worden bin, als in dem Augenblick, in welchem ich diesen meinen Mannlich wiedersah. Ich möchte sagen, dass er seit lange schon seine natur und sein Wesen ausgezogen und irgendwohin, wie alte unbrauchbare Kleider, verkauft hat; so hat er sich nun eine Maske angeschafft, die sein Wesen vorstellen soll, eine treuherzige Biederkeit, die tapfer und gutmütig aussehen muss, eine Herablassung, wie wenn er alles am besten wisse und den andern nicht immerdar beschämen wollte. Man fühlt es ihm an, dass er nur mit Leuten umgeht, unter denen er stets der Klügste ist, oder es sich wenigstens zu sein dünkt. Nichts verdirbt den Mann so sehr und erniedrigt ihn nach und nach zum alltäglichsten Philister. Da hören wir nur lauter Phrasen, umständlich ausgesprochen, Dinge, die sich von selbst verstehen, oder die als ausgemachte Wahrheiten mit kalter Unumstösslichkeit gesagt werden, aber erst tausendfache Erörterungen verlangen, ehe sie uns für wahr oder verständlich gelten können. Enfin, er ist ziemlich unausstehlich."

Leonhard musste lachen. "Wie mundet dir denn sein Vorlesen?" fragte er dann.

"Du hast vollkommen recht", fiel Elsheim schnell ein, "wenn du diese Art vorzutragen völlig unausstehlich nennst. Diese hohle, gemachte stimme, die in trockener Affektation das Edle und Natürliche ausdrücken will. Er schenkt uns keine, auch der allerkürzesten Silben, er dehnt sie vielmehr auf fühlbare Weise. Unser sogenanntes stummes E wird zwar dadurch nicht beredt, aber wenigstens vorschreiend und langweilig. So entsteht, indem freilich nichts verlorengeht oder dunkel bleibt, eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags, dass von leisen oder geistigen Übergängen, von einem feinen, zarten Schwinden und Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann. So hat ja auch seine Vorlesung gegen vier Stunden gedauert."

"Und wie wird erst sein Spiel ausfallen", sagte Leonhard, "wenn seine Gebärden ebenso umständlich sind, wie seine Aussprache! Dann muss diese hohle Feierlichkeit einen merkwürdigen Effekt machen. Und so dürfte denn unser Lieblingsgedicht zu einer Parodie herabgewürdigt werden."

"Man muss ihn nun schon gewähren lassen", antwortete Elsheim; "es geht ja oft so im Leben, dass entusiastische Plane zum Lächerlichen ausschlagen."

"Nur", fing Leonhard nach einer Pause wieder an, "hättest du an mir nicht einen kleinen Verrat begehen sollen, und mich ihm gewissermassen opfern, da du selbst ihn ganz anders ansiehst, als vor einigen Jahren."

"Was kannst du meinen? lieber Leonhard."

"Er weiss ja, dass ich ein Tischler bin, und von wem kann er es erfahren haben, als von dir?"

"Er weiss es, sagst du –"

"Nun ja, denn er sprach gestern höhnisch von Tischlergleichnissen und dergleichen."

"O mein Freund", rief Elsheim aus, "deute nur nicht gleich jede Zufälligkeit so, wie einer, der kein gutes Gewissen hat. Ich schwöre dir, er lässt sich dergleichen von dir nicht träumen; er bewundert dich im Gegenteil als einen ausserordentlichen Architekten und gelehrten Professor. Er hat dich höchlich gelobt, und erstaunt nur darüber, dass du selbst mit dem Hobel so gut umzugehen weisst. Die eigentliche Handarbeit solltest du daher auch lieber unterlassen."

"Du kannst es dir nicht denken", erwiderte Leonhard, "wie es einem tüchtigen Arbeiter in die hände fährt, wenn er diese Meister vom dorf und diese Gesellen aus den kleinen Städten so ganz ungeschickt hantieren sieht. Man kann nicht lassen zuzugreifen, und dem linkischen Volk einige Griffe zu zeigen. Die Glieder sind bei vielen Menschen ebenso dumm, wie der Kopf. – Gibt es denn aber, mein Freund, viele solcher vornehmen Leute, wie dieser Graf Bitterfeld einer zu sein scheint?"

"Guter Leonhard", erwiderte der Baron, "dieser Mann ist eigentlich der wahre einfache Typus unserer Klasse, und was drüber oder drunter ist, ist nur als Abweichung zu betrachten. Von allem etwas wissen und von nichts etwas Gründliches, Gründlichkeit und Tiefsinn, wo sie sich zeigen, zu verlachen und in demselben Augenblick eine ernste Miene, ja eine andächtige der Verehrung ziehen zu können, wenn man merkt, dass ein Höherer, oder Fürst diese Eigenschaften an diesem und jenem hochschätzt. Spricht er dann in seiner Familie, oder zu den Vertrautesten über den Fürsten, so ist die achtung, welche er jenen Kenntnissen zollt, nur als Krankheit anzusehen; darüber sind denn auch alle Genossen einig, und zwar mit der festesten und kältesten Sicherheit. Alles ist ihm nur Erscheinung, vorübergehend aus Mode, ausser dem Begriff des Adels, der Etikette an den Höfen, der Uniformen und des Ranges, den jeder bei Tafel, oder in den Assembleen einzunehmen hat. Alle Mesalliance bei Heiraten, vertrauter Umgang mit Bürgerlichen, Studium einer Wissenschaft, Absonderung und Meiden der grossen Gesellschaft, alles dies erscheint ihm ebenso als Schwärmerei und Fanatismus, wie die sekte der Wiedertäufer oder Adamiten."

"Und doch lässt er sich herab, Komödie zu spielen?" warf Leonhard ein.

"Wenn du erfährst", antwortete Elsheim, "dass einer der berühmten Kaunitze, ein Kobenzl ein entusiastischer Komödiant war, der sich mehr als einmal durch diese leidenschaft lächerlich machte; wenn du dich erinnerst, dass die unglückliche Königin von Frankreich und der Comte d'Artois auch gern Komödie spielten, den Herzog von