Ihnen sehr zufrieden sein. O die Männer! die Männer! Liegt nicht in jedem blick eine Satire auf unser Geschlecht, und in jeder Schmeichelei eine Verachtung unserer Schwäche?"
"Woher in dieser Jugend diese feindselige Gesinnung?" fragte Leonhard; "und woher bei so viel Schönheit solcher Mangel an Selbstvertrauen?" fügte er etwas schüchtern hinzu.
Sie wandte schnell das Haupt, und er blickte ihr in die dunkeln Augen. "Ihr Ansehen", sagte sie dann, "ist recht ernstlich; wenn Ihr blick auch, wie bei den meisten, Unwahrheit wäre, so hätten Sie es in der Verstellung weit gebracht."
Leonhard wusste nicht recht, was er aus dieser Rede machen sollte. Es war ihm fast angenehm, dass man sich jetzt vom Tische erhob, obgleich ihn seine Nachbarin anzog, und ihr Wesen ihm wunderbar und rätselhaft erschien. Elsheim war so ausgelassen, dass er alle seine Gäste, die älteren und jungen Damen, keine ausgenommen, umarmte und küsste. Seine Mutter, die ihm warnende Vorstellungen machen wollte, drückte er mit so starker Herzlichkeit an sich, dass sie sich lachend und klagend von seinem Ungestüm befreite. Die Tante und die jungen Nichten, sowie Dorotea, gingen auf ihr Zimmer; Mannlich schloss sich ein, um seine Rolle zu studieren; die übrigen Herren fuhren spazieren, und Leonhard eilte mit seinem Freunde Elsheim in den Garten, um sich mit ihm in einer kühlen, einsamen Laube in Gesprächen zu ergötzen.
"Nun?" fragte Elsheim nach einer Pause, in welcher er den jungen Meister etwas schelmisch angeblickt hatte, "– wie gefällt es dir denn bei uns? Du siehst oft so nachdenklich aus."
"Gesteh ich es dir nur", erwiderte Leonhard, "ich bin verwirrt, zerstreut, ich kann mich gar nicht so fassen, bin nicht so sicher und ruhig, wie es mir zu haus so natürlich war. Ich mache Erfahrungen, auf die ich nicht vorbereitet sein konnte, ich werde irre an meinen nächsten Überzeugungen, ich schwanke so hin und her, dass ich fürchte, ich möchte dir und mir unrecht tun, wenn ich in diesem Zustande etwas sagen, oder behaupten wollte."
"Schon jetzt bist du so konfus?" rief Elsheim, "ich dachte, das alles sollte erst viel später kommen. Aber um so besser; deine Ruhe und Sicherheit können also auch früher wieder eintreten. Aber was kann denn deinen Sinn so erschüttern?"
"Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen, lieber Freund, um dich nicht zu erzürnen. Vielleicht findet sich bald eine Stunde zu meinen Bekenntnissen. Ich habe wohl schon erlebt, dass aus einfachen Missverständnissen und Irrtümern sich Entzweiung, selbst Feindschaft entwickelte. Sprechen wir von anderen Dingen." – Alles dies sagte Leonhard fast wie verstimmt und furchtsam.
"Und ich lasse dich nicht", rief Elsheim laut lachend, "diese Stunde ist zu schön, wir sind hier auf lange ungestört. Und wenn ich fast errate, was dir im Herzen steckt, oder wo dich der Schuh drückt – wie kannst du denn so lange auf dem Anstand bleiben und nur zielen und zielen, ohne loszudrücken?"
"So sei es denn gewagt!" sagte Leonhard mit einem komischen Seufzer. "Du sprachst mir unterwegs fast begeistert von einem Freund, der auf deine Bildung eingewirkt, der dir in Sachen des Geschmacks zur Richtschnur gedient, der dir beinahe als Ideal erschien, dessen stimme du rühmtest, seinen Vortrag bewundertest, der-"
Eslheim sprang auf und umarmte den Redenden heftig, indem er wieder laut lachte. "Über diesen, liebster, allerliebster Junge und verehrungswürdigster Freund, geniere dich gar nicht! Rezensiere ihn, brich über ihn den Stab! Er soll dir völlig preisgegeben sein, denn wie du über ihn scherzest, oder ihn ernstaft verurteilst, das kann mich nicht im mindesten beleidigen."
Er hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt, und Leonhard sagte etwas empfindlich: "Der Wein hat dich heute so stürmisch und ausgelassen gemacht, dass mir bange wird. So schonungslos du diesen alten Freund jetzt aufopferst, so kannst du mich auch vielleicht in einer ähnlichen Laune irgendeinmal wegwerfen."
"Sei gescheit", rief Elsheim, "sei nicht kindisch, verständiger Aufgeklärter. Das ist ein ganz anderer Fall. Ich werfe ja diesen trefflichen Mannlich nicht so unbedingt weg; ich kann aber mit einem wahren Freunde, wie du es mir bist, wohl frei über einen jugendlichen Irrtum sprechen und dreist bekennen, dass damals ein Star auf den Augen meiner Seele gelegen haben muss, eine blendende Kraft, ich habe den Brill gehabt, wie es unsere guten Vorfahren nannten. Das begegnet ja wohl in der heftigen Jugend, dass man sich irrt; man sieht dies und jenes am sogenannten Freunde, das uns stört, man hält es aber für gottlos, es in Rechnung zu stellen, ja es selbst zu bemerken. So taumelt man hin in einer sonderbaren Selbsttäuschung, bis man denn später erwacht."
"Gewiss", sagte Leonhard, "soll man aber seine Freunde nicht kritisieren; hat man aber auf Treu und Glauben jemand in zeiten, in denen man noch nicht beobachten kann, als Freund angenommen, so ist es auch nichts Unerlaubtes, wenn man in reiferen Jahren Vertrauen und Liebe beschränkt, oder zurückzieht."
"Sehr gesetzt gesprochen", antwortete Elsheim, "und so will ich dir denn gern