ist kaum möglich, mehr Talente in sich zu vereinigen. Hat er uns nicht das ganze grosse ungeheure Stück so in einem Anlauf vorgelesen, dass man erst recht fühlt, wie das Ganze ein einziger Guss, ein mannigfaltiges vielstimmiges Konzert in schönster Harmonie ist? Wie gross allein die körperliche Anstrengung, und was muss nun erst in seiner Seele alles vorgehen! Solche Männer, wie unser Baron, sollte der Staat benutzen. Aber daran denkt niemand."
Elsheim gab dem redseligen mann vollkommen recht, und nach einem so bewegten Abend begaben sich alle zur Ruhe.
Doch konnte Leonhard lange nicht einschlafen, so lebhaft bewegten sich vor seiner Seele die mannigfaltigen Bilder und Erinnerungen von dem, was er am Tage gesehen und erlebt hatte. Und wie es zu geschehen pflegt, dass von verschiedenartigen zerstreuenden Eindrücken, von allerlei Vorfällen und Reden, die wir nicht vergessen können, überwältigt, wir uns selbst verlieren, so geschah es Leonhard, dass er sich, sein Gemüt und Wesen, und seine längst eingewohnten Überzeugungen nicht wiederfinden konnte. So nahe war er in seinem bisherigen Lebenslauf den höheren Ständen noch niemals gekommen, so frei und ungezwungen hatten die Menschen dieser Art ihre Gesinnungen noch niemals vor ihm entfaltet. Sollte er seine Gefühle Lügner schelten, oder sollte er seine Beobachtung sich selber ableugnen! Die wunderlichsten Traumgestalten erlösten ihn endlich von diesen quälenden Betrachtungen.
Als man sich am folgenden Tage an die Tafel begeben wollte, sagte der Baron Mannlich zu Elsheim: "Freund, welchen Schatz hast du an diesem Architekten Leonhard in dein Haus geführt! Mir ist noch niemand vorgekommen, der einen so auf das halbe Wort verstände. Das Teater gerät durch seine Einsicht ganz vortrefflich, und wir werden acht Tage früher fertig werden, als ich es dachte, denn er scheut sich nicht, selber mit Hand anzulegen, wenn deine dörflichen Tischler sich oft sehr ungeschickt benehmen. Der Mann hat gewiss Italien mit grossem Nutzen besucht. Aber warum vermeidet er, Französisch zu reden, obgleich sein Akzent nicht der schlechteste ist? Ich würde bei seinen Talenten und Kenntnissen in meinem Benehmen und Sprechen nicht so schüchtern und bescheiden sein."
Elsheim war bei Tische sehr vergnügt und neckte sich mit der muntern Dorotea, neben welcher er seinen Platz genommen hatte. Leonhard sass neben fräulein Charlotte und war erstaunt und ergriffen, sooft sie sich in die gespräche mischte und laut eine Meinung äusserte. Denn meistenteils sass sie schweigsam und in sich gesammelt und schien kaum das zu beachten, was in ihrer Nähe vorging, oder gesprochen wurde. Wenn sie aber in die Rede einfiel, oder einen Gedanken mitteilte, so schien dem verwunderten Leonhard alles so originell und von der gewöhnlichen Art und Weise abweichend, dass er es nicht begriff, wie diese Art zu denken nicht weit mehr aufsehen erregte und als etwas Merkwürdiges von allen beachtet wurde.
Man sprach natürlich viel vom Teater, von den Einrichtungen desselben, den Proben und von der wirkung, welche man von allen den Anstrengungen zu erwarten berechtigt sei. Es ward manches Glas auf das glückliche Gelingen des Abenteuers geleert, und Elsheim, der schon heiter gestimmt war, fing an ausgelassen zu werden. "Ihr Freund", sagte Charlotte zu Leonhard, "ist heute in einem Humor, der ihm fremd sein muss, weil er sich so sehr von ihm hinreissen lässt und in seinen Scherzen übertreibt."
"Ich versichere Sie, mein fräulein", antwortete Leonhard, "dass ich ihn schon sehr oft in dieser Manier gesehen habe, selbst in ganz nüchternem Mute. Diese poetische Trunkenheit bemeistert sich seiner in vielen Stunden, so dass er leicht von Altklugen, oder Moralisierenden missverstanden wird."
"So sollte er immerdar so sein", erwiderte Charlotte, "denn dies Wesen kleidet ihn viel besser, als jene Altklugheit, mit der er sonst auf andere Sterbliche herniedersieht."
"Ist das Ihr Ernst, fräulein? halten Sie ihn für hochmütig?"
"Für zu weise wenigstens. Ich habe gestern beobachtet, dass er auf einige allerliebste Torheiten gar nicht einging, ja sie nicht zu bemerken schien. Und wie behandelt er meine Muhme Albertine! Er lässt es zu sehr heraus, dass er sie für ein Gänschen hält, und dass er in diesen Irrtum hat fallen können, beweist eben, wie wenig Menschenkenntnis er besitzt."
Leonhard erinnerte sich der Geständnisse seines Freundes, und da ihm deutlich war, weshalb diesem Albertine unangenehm erschien, konnte er auch im Augenblick diesen Tadel und Vorwurf nicht beantworten oder widerlegen; Charlotte sah ihn von der Seite an und lächelte etwas boshaft. "Ich wette", sagte sie dann, "ich weiss, was Sie jetzt denken."
"Dass Sie eine Zauberin sind", antwortete Leonhard, "braucht mir nicht erst daraus klarzuwerden. Doch erzählen Sie mir meine Gedanken, weil ich so vielleicht erfahre, wie ich denken sollte."
"Sie denken im stillen", flüsterte Charlotte, "die Frauenzimmer halten gut zusammen und stehen sich redlich bei; wenn beide ihren Verstand so gegenseitig vertreten, so bilden sie eine Assekuranz, die doch am Ende, wenn Misswachs zu oft eintritt, bankerott machen muss."
"Sie sind sehr unbillig", antwortete Leonhard, "und Sie halten mich auch weder für so boshaft, noch so einfältig, dass Sie im Ernst so törichte Gedanken in mir argwöhnen könnten."
"Denken Sie nichts Schlimmeres von mir", erwiderte sie etwas scharf, "so werde ich mit