aber seitdem bin ich aus der Übung, ich habe den Mut, oder Übermut, der dazu gehört, völlig verloren. Und hätten Sie mir wenigstens von Ihrer sonderbaren Zumutung etwas geschrieben, damit ich mich hätte vorbereiten können."
"So wären Sie uns gewiss gar nicht gekommen, Vortrefflichste", erwiderte Mannlich, "und daher bediente ich mich dieser kleinen Kriegslist und dieses Überfalles, um Sie für uns zu gewinnen. Ich habe in früheren zeiten Ihr Talent kennengelernt, Sie werden Ihr Gedächtnis nicht ganz verloren haben, und wenn Sie erwägen, dass ohne Ihre gütige Beihülfe alle unsere Anstalten zusammenbrechen müssen, so werden Sie sich uns gewiss nicht entziehen."
Da die beiden Nichten auch schmeichelnd und liebkosend ihre Bitten vortrugen, so ergab sich endlich die freundliche Tante darein, die Rolle der Elisabet zu übernehmen.
"Und was", fragte der Professor Emmrich, "haben Sie mir bestimmt?"
"Sie sind Sickingen, Professor", erwiderte Mannlich, "und wenn Sie Ihrem edlen Gesicht einen etwas freundlichern Ausdruck geben, so wird der brave Rittersmann sich in Ihrer Darstellung uns sehr lebhaft vergegenwärtigen."
"Ich will das mögliche tun", antwortete der Professor, "aber nun fehlt noch Selbitz, Lerse und eine grosse Anzahl von Nebenpersonen."
"Es ist nicht zu vermeiden", antwortete Mannlich, "dass mancher von unserer ungeübten Gesellschaft in diesem so reichen Lebensschauspiel wird zwei, vielleicht sogar drei Rollen übernehmen, wie es ja auch wohl früher mit diesem Stücke auf unseren grossen, gut eingerichteten Teatern geschah. Unser Professor Lorenz hier zum Beispiel –"
"Wen meinst du?" fragte Elsheim.
"Deinen jungen Freund, den du unserm Zirkel zugeführt hast, den Architekten."
"Ah! Du meinst meinen Freund Leonhard."
"Nun also", fuhr Mannlich fort, "dieser junge treffliche Mann eignet sich ganz zum Lerse; auch bin ich überzeugt, dass er den Bruder Martin vortrefflich geben wird. So spielte ja auch der grosse Schröder vor jetzt ungefähr dreissig Jahren, als er das Stück in Hamburg auf die Bühne brachte, diese beiden Personen und den Abt von Fulda obenein."
"Sehen Sie", rief Dorotea, "dass Schröder die hübschen Geschichten und Spässe mit Liebetraut, Olearius und dem Abte nicht ausgelassen hat. Der verstand die Sache. Wir kriegen gewiss nach Herrn von Elsheims Abkürzungen nur das Erbärmliche der geschichte, und das Lustige geht uns verloren."
"geben Sie sich zufrieden, fräulein", sagte Elsheim, "wir können die Szene noch einschieben, wenn Sie uns den dicken Abt darstellen wollen."
fräulein Dorotea lachte und meinte, wenn es sein müsse wolle sie sich doch lieber in den anständigen Bischof von Bamberg hineinstudieren.
"Nein", sagte Mannlich ganz ernstaft, "das ist der teil, der unserm würdigen Freunde da, dem Grafen Bitterfeld, zugefallen ist, und der ihn auch gewiss würdig repräsentieren wird."
"Ein Priester!" rief der Graf aus, "so ein abergläubischer Pfaffe? Es ist eigentlich gegen meine Grundsätze; indessen da er doch ein Bischof ist und, soviel ich mich erinnere, nicht vielen katolischen Fanatismus auskramt, so will ich mich für diesmal zu diesem Opfer bequemen. Nur, bitte ich, soll es mir zu keinem Präjudiz gereichen, als wenn ich etwa, wie so manche guten Köpfe unserer Tage, zum Katolizismus hinüberneigte."
"Sie können ja noch den Anführer der Reichsarmee übernehmen, oder den Kaiser Maximilian, um jenen Verstoss gegen die Rechtgläubigkeit wiedergutzumachen!" sagte Elsheim.
"Va! es gilt!" rief der Graf, "ich bitte mir aber lieber den milden, menschenfreundlichen Kaiser aus, der meinem Gemüte mehr zusagt."
"Es passt zum Stück", sagte Mannlich sehr vergnügt, "und Sie können gewiss auch noch eine Gerichtsperson von Heilbronn übernehmen, denn solche Talente, wie die Ihrigen, müssen wir recht gewaltig in Requisition setzen."
"Nun fehlt aber immer noch der bedeutende Selbitz", warf Emmrich ein.
"Still, Professor!" erwiderte Mannlich mit schlauer Miene, "es ist für alles gesorgt. Wir haben im nächsten Dorf einen Schulmeister, der früher Korporal war, und dem im Kriege das linke Bein weggeschossen wurde. Dieser, wenn er sich seiner ehemaligen Husarenlaune nur etwas erinnert, wird uns den rauhen Kerl ganz herrlich hinstellen, wozu noch der Vorteil und Verzug kommt, dass er ein echtes wahrhaftiges hölzernes Bein mit sich führt. – Den Zigeunerhauptmann, lieber Elsheim, wird dein alter treuherziger nussbrauner Förster vorstellen, und zum Gesindel, den Reichstruppen, Knechten und so weiter müssen wir dann freilich noch die Klügsten der Dienerschaft aussuchen, denn so ein Privatteater macht mehr noch, als die Revolution, alle Stände und Menschen gleich."
Man lachte, und die Frau des Hauses, die Mutter des baron Elsheim, entfernte sich jetzt, weil sie der Vorlesung des Stückes nicht beiwohnen wollte. Da es ihr ganz unbekannt war, zog sie es vor, sich durch die Darstellung überraschen zu lassen und der Neugier und Spannung freien Raum zu geben.
Die Vorlesung währte länger, als drei Stunden. Der Rezitierende hatte viele Not, wasser, Zitronen und Zucker einzurichten, um in den Pausen seine ermüdete stimme neu zu beleben. Als er geendigt hatte, nahm der Graf Bitterfeld den jungen Elsheim beiseit und sagte: "Es ist ein ausserordentlicher Mann mit den wunderbarsten Gaben! Es