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beim Abendessen schon ihr ganzes Herz gewonnen hast. Und es ist wahr, ich habe mich selbst darüber gewundert, wie du mit deiner stillen Bescheidenheit diese ungesuchte Aufmerksamkeit, mit deiner natürlichen Weise diesen feinen Ton verbinden konntest. Wir bilden uns so oft törichterweise ein, so etwas werde nur in unsern, oft so langweiligen Zirkeln errungen."

"Ich hoffe", erwiderte Leonhard, "dass mich bald diese ängstigende Verlegenheit verlassen wird, und ich mich in allen diesen Torheiten freier bewegen lerne."

"Lass nur erst", sagte Elsheim, "den Schwarm, die Gesellschaft, die Weiber kommen, so wirst du es so gewohnt, dass die Einsamkeit dir nachher vielleicht drückend wird."

Sie gingen hinab und fanden die Mutter, welche sie freundlich, aber mit einer gewissen Feierlichkeit begrüsste. Indem rief der Baron: "Ei, wer kommt da herangesprengt? Was ist das für ein dicker Mann?"

"Kennst du denn deinen intimen Freund nicht mehr?" erwiderte die Mutter; "er hat sich zwar in den fünf Jahren, dass du ihn nicht sahest, etwas verändert, aber er ist doch nicht unkenntlich geworden."

"Ist es möglich?" rief der erstaunte Sohn aus, "ja, ja, er ist es! Aber wie ist der Mann stark geworden! Er ist ganz verwandelt und nur mit Mühe wiederzuerkennen." Der Baron war schnell vom Pferde gestiegen, und sowie der grosse wohlbeleibte Mannlich in die tür trat, flog Elsheim in seine Umarmung und rief: "Oh, mein Adolph! sehen wir uns endlich nach so manchem Jahre wieder?"

Der Baron Mannlich, als der ältere, erwiderte die Begrüssung mit Herzlichkeit, aber gelassener, und beide Freunde betrachteten sich stumm; dann fragten und sprachen sie allerlei Unbedeutendes durcheinander, wie es bei dergleichen Szenen des Wiedersehens wohl zu geschehen pflegt. Es wollte in ziemlich langer Zeit kein eigentliches Gespräch in den gang kommen. Mannlich redete dann die Mutter an, und begrüsste auch den Fremden mit Teilnahe, welcher auch ihm als Architekt und Professor Leonhard vorgestellt wurde.

Leonhard begab sich so bald als möglich nach dem grossen Rittersaal, um ihn genau auszumessen und seinen Plan zu entwerfen, wie er am besten zu einem Teater eingerichtet werden möchte. Seine ehemalige leidenschaft für das Teater kam ihm Jetzt sehr zustatten, da er so manche Bühne gemustert, ausgemessen und sich alle Erfordernisse derselben genau eingeprägt hatte.

Als er aus dem Fenster sehend die beiden Freunde im Garten erblickte, ging er hinab zu ihnen, und sie wandelten in den belaubten Gängen unter heiteren Gesprächen lange auf und ab. Der Mittag war gekommen, und man setzte sich in behaglicher Stimmung an die Tafel. Man war noch beim Nachtisch, als Besuch in mehreren Wagen ankam. Ein Mann von mittleren Jahren half einer alten und zwei jungen Damen aus einem offenen Wagen, und begab sich, nachdem er mit Anstand seinen Dienst verrichtet hatte, zu dem zweiten Wagen, um auch dort zu helfen. Vom zweiten Fuhrwerk hüpfte ein ganz junges, übermütiges Mädchen lachend herab, indem sie die Hand des Helfenden zurückstiess; ihr folgte ein Kammermädchen, und nach diesem ein ältlicher schlanker Herr, der sehr vorsichtig prüfend auf den Tritt und von dort zur Erde sich begab, indem er die angebotene hülfe des Hülfreichen so sehr in Anspruch nahm, dass er sich von diesem fast mehr heben und tragen liess, als dass er mit eigner Anstrengung auf den Boden gelangt wäre.

"Da hätten wir ja fast unsere ganze Komödie beisammen!" rief Baron Mannlich, der ihnen entgegengeeilt war.

Nachdem die Begrüssungen im saal mit förmlicher Freundlichkeit, oder kürzeren Redensarten, nach der Eigenheit der Charaktere, vorüber waren, und alle Platz genommen hatten, begann der wohlbeleibte Mannlich mit einiger Feierlichkeit: "Vereinigt sind nun die Hauptstützen oder die Träger unsers beabsichtigten Schauspiels, des Lieblingsstückes meines Freundes Elsheim, mit welchem er sich schon seit vielen Jahren beschäftigt hat. Er hat es für uns eingerichtet, und ich werde noch einige Verbesserungen für die bequemere Aufführung vorschlagen; aber zugleich erbitte ich mir die Erlaubnis, es den Teilnehmern nachher in seiner originalen Gestaltung vortragen zu dürfen. Denn es ist natürlich, dass in unserer Umgestaltung und Abkürzung manche Motive, Andeutungen, Charakterzüge und dergleichen mangeln, die der Darsteller sich einprägen muss, um nicht vielleicht völlig in die Irre zu geraten. Wir haben nicht gewagt, aus eigener Erfindung dem grossen Dichter etwas zuzusetzen, und es ist daher um so nötiger, sich mit dem Original recht vertraut zu machen, um nicht vielleicht aus Unwissenheit der Absicht des Poeten geradezu entgegenzuarbeiten."

Er sah mit seinen grossen blauen Augen im Kreise umher; der ältliche umständliche Herr nickte ihm sehr lebhaft Beifall zu, die Damen schlugen die Augen nieder, und jener Hülfreiche, der Mann von mittleren Jahren, ein Herr Emmerich, fragte mit kurzem und bestimmtem Ton: "Und wie besetzen Sie das Stück, da Sie doch der Direktor der Anstalt zu sein scheinen?"

"Wir haben manche Rolle", erwiderte Mannlich, "wie Olearius, Liebetraut, den Abt von Fulda, ausgestrichen."

"O ewig schade!" rief das kleine mutwillige Mädchen, "so fehlt ja gerade gleich das Beste im ganzen Stück."

"Es lässt sich nicht alles, was wir etwa wünschen, vereinigen", erwiderte Mannlich sehr gesetzt: "Wunder genug, dass wir die Sache nur auf unsere Art zustande gebracht haben, es gehörte