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"dass es nur so wenige selbständige Menschen gibt. Zu diesen schwachen wollen wir aber nicht gehören. – Dieser Baron Mannlich, von dem ich dir sagte, ist eine schöne, schlanke Gestalt; sein blick ist frei, sein Betragen edel; er hat in einem gewissen Zeitraum den allergrössten Einfluss auf mein Wesen und meine Bildung gehabt. Wenn ich oft verwirrt mich umtrieb, so zeigte er sich immer klar und fest. In meinen Ansichten über Literatur und Kunst hat er mir vorzüglich fortgeholfen und mich in meiner Liebe zur Poesie gekräftigt. Denn oft ist ein Fingerzeig eines stärkeren Geistes hinreichend, um uns auf lange Zeit in der richtigen Bahn fortzuhelfen."

"Wohl dem", sagte Leonhard etwas kleinlaut, "dem das Schicksal solche Freunde zuführt; es kann nichts Kläglicheres geben, als in seiner Umgebung immer der Klügste zu sein, und leider war das unter meinen Zunftgenossen nur zu oft mit mir der Fall. Man lernt auch wohl einmal vom Geringsten, aber das Schulgeld ist dann zu teuer. Der Verlust an Zeit und Stimmung in schlechter und mittelmässiger Gesellschaft ist ein Kapital, welches die meisten Menschen viel zu gering anschlagen."

"Auf meinen Mannlich", fing Elsheim wieder an, "habe ich bei unserm Komödienspiel am allermeisten gerechnet. Er besitzt ein herrliches Talent zur Darstellung, und seine stimme ist die schönste, die ich jemals gehört habe; darum ist er auch der beste Vorleser, den man finden kann, und die kleine Eitelkeit ist ihm zu verzeihen, dass er nicht leicht, wenn er zugegen ist, jemand anders in der Gesellschaft etwas laut vortragen, oder deklamieren lässt. Von den übrigen Menschen, die du wirst kennenlernen, will ich dir jetzt noch keine Beschreibung machen, du wirst sie selber zu würdigen wissen. Zwei schöne Mädchen finden wir, die fräulein Charlotte Fleming und Albertine Fernow: die letzte wirklich, wie ihr Name, etwas albern. Sie sind uns weitläufig verwandt und wohnen im Sommer mit einer alten Tante oft bei meiner Mutter. Diese Albertine, so wünscht meine Familie, habe ich schon im vorigen Jahre heiraten sollen, und man ist mir böse, dass ich so bestimmt ausgewichen bin. O über die Ehen und über die Sucht so vieler guten Menschen, sie zu stiften! Wer einem andern zu einer misslichen Spekulation riete, und jener scheiterte daran und würde bankerott, der würde es bereuen und sich Vorwürfe machen; darum hüten sich die Klügern, hierin zu überreden; aber zu dem noch grösseren Wagestück, die Menschen in die Ehe hineinzuschwatzen, sind so viele, besonders ältere Frauen, unermüdlich."

Als es Abend geworden war, rief Elsheim plötzlich: "Nun, siehst du, Kind, da liegt das Nest vor uns, in dem ich geboren bin und die ersten Kinderspiele trieb!"

Leonhard sah ein grosses Gebäude vor sich, das mit grossen Linden umgeben war, aus welchen die einzelnen Teile hervorschienen. Waldbekränzte Hügel zeigten sich in der Nähe; die Häuser der Bauern waren geräumig, und Reinlichkeit schien Wohlstand zu verkünden. Man hielt an; Bediente öffneten den Wagen, und ein kleiner alter Mann mit entblösstem weissgepudertem Kopf folgte ihnen; er war in grauem Rock, schwarzseidenen Unterkleidern und weissen seidenen Strümpfen; die zierlichen Manschetten hoben die Feinheit der kleinen Händchen noch auffallender hervor. Er verbeugte sich tief, als der Baron ausgestiegen war, und Leonhard, der nach dem Freunde den Wagen schnell verliess, erwiderte die Begrüssung mit einer ebenso tiefen Verneigung. "Ja", sagte Elsheim, "das ist mein guter Joseph, ein altes, liebes Inventarienstück unseres Hauses, der Kammerdiener meiner Mutter." – Leonhard folgte mit einiger Beschämung, weil er den netten geputzten Alten für einen Baron oder Grafen gehalten hatte.

Dritter Abschnitt

Leonhard sass am anderen Morgen angekleidet am Fenster und schaute über den Garten hinaus in das grüne Feld und zu den benachbarten Hügeln hinauf. Er war früh erwacht und fühlte sich wohl und erheitert, den erquickenden Duft des Morgens einzuatmen. Es freute ihn, einmal so ganz auf dem land einige Wochen zubringen zu können, und indem er nach dem nahen Franken hinüberblickte, erwachten alle seine jugendlichen Erinnerungen mit frischer Kraft, und alle Jahre, welche dazwischen lagen, entschwanden seinem Gedächtnis.

Er ging dann in dem geräumigen hohen Zimmer gedankenvoll auf und ab, als der alte Joseph, zwar im Oberrock, aber doch nett frisiert und mit der frischesten Wäsche hereintrat, um ihn zu fragen, ob er das Frühstück auf sein Zimmer befehle, aber ob er es in Gesellschaft der gnädigen Frau und des jungen baron einzunehmen gedenke. Leonhard entschied sich für das letzte, und Joseph empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung, indem er sagte, dass man den Herrn Professor also unten in einer Viertelstunde erwarten werde. Leonhard war wieder, so wie gestern abend beim ersten Eintritt in das Haus, rot geworden. Sein junger Freund störte die beschämenden Betrachtungen, denen er sich eben hingeben wollte, indem er ihn umarmte und sich teilnehmend und herzlich nach seiner Nachtruhe und seinem Befinden erkundigte. "Meine teure Mutter", sagte er dann, "darf dich auf keine Weise genieren; sie ist die beste Frau von der Welt, gönnt jedem alles Gute und liebt ihren nächsten ohne Ausnahme von ganzem Herzen. In ihrer achtung, Hochachtung, Verehrung und Ehrfurcht macht sie jedoch natürlich verschiedene Abteilungen aber nur, wenn es die Not und Etikette erfordert. Ich kann dich versichern, Geliebter, dass du gestern