, auch wohl von der Geschicklichkeit und Klugheit des Schäferhundes, den er ganz wie einen verständigen Menschen schilderte. Da das Kind so was Apartes hatte, so liessen die Mutter und ich ihn gern gewähren, und seine Geschwister hörten nicht viel auf ihn hin, weil sie ihn nicht verstanden. Als die Zeit seiner Einsegnung herankam, liess er sich oft mit unserm Priester und Schulmeister in Disputationen ein, weil er die Bibelstellen anders wollte erklärt haben. – So was können die geistlichen Herren immer nicht leiden, ob es uns gleich, den Luterischen, wie wir es hier noch alle sind, aufgegeben ist, in der Schrift zu forschen. Das Forschen aber, und soweit haben die Priesterleute recht, ist ein missliches Ding, und ich habe darum von je an alles unserm lieben Gott anheimgestellt und bin ruhig dabei geblieben. Es traf sich, dass unser Schafhirt plötzlich erkrankte, und Daniel bot sich nun eifrig an, seinen Dienst zu versehen, bis sich ein anderer tüchtiger Knecht wieder gefunden habe. Und nun konnte er im einsamen feld so recht ungestört seinen Grübeleien nachhangen und brauchte keinen Menschen rede und Antwort zu geben. So ging der Sommer hin. Im Herbst kam er eines Abends ganz zerstört und verwirrt nach haus, er trieb die Schafe nicht ein, er lief in den Garten und sprach laut mit sich selbst, in der Nacht legte er sich nicht zu Bette, sondern rannte wieder nach dem wald hinaus, und als der Morgen da war, kümmerte er sich gar nicht um seine kleine Herde und war gar nicht einmal da, als wir alle zum Frühstück zusammenkamen. Als das Haus leer war, und ich schon ausgehen wollte, um ihn zu suchen, kam er ohne Hut und mit fliegenden Haaren von seiner Wanderung zurück. Sowie ich ihn nur ins Auge fasste, sah ich auch schon, dass er ein verwirrter Mensch war. Er stotterte und war ganz ausser sich, und als er endlich die Rede wiedergewann, erzählte er mir, dass er im feld bei den Schafen Bekanntschaft mit Engeln gemacht hätte, die so gütig gewesen wären, sich zu ihm herabzulassen. Diese hätten ihm die Schrift und die schwersten Stellen in derselben ganz zur Genüge erklärt, und er wisse nun mehr, als alle Schriftgelehrten im land. Von nun an war der liebe Junge ein verlorener Mensch, und der Doktor, den wir aus der Stadt hatten kommen lassen, sagte auch, ihm sei nicht zu helfen, denn er habe auf zeitlebens den Verstand verloren und würde ihn auch bis zum tod nicht wiederfinden. Nun lag er Tag und Nacht über dem Bibelbuche, er schlief wenig, und in den Nächten las er laut und predigte mit heftiger stimme, so dass er oft am folgenden Tage ganz heiser war. Weil er Daniel heisst so studierte er auf seine Art den Propheten Daniel am meisten und bezog dabei alles auf sich. Er sagte oft, dieser Prophet sei der grösste, und Ezechiel, vorzüglich aber die Offenbarung Johannis seien nur missverstandene Übertreibungen, das wahre Wort und Geheimnis sei im Daniel ausgesprochen. Dieser sei auch wichtiger, als das ganze Neue Testament, und wer diesen Propheten recht innehabe, könne die späteren Bücher und die Lehre Christi entbehren. Bei diesen Meinungen wollte er auch nicht mehr unsere Kirche drüben im grossen dorf besuchen, und wenn er ja einmal mit uns ging, so sass er während der Predigt murrend da und schüttelte zu allem, was der Priester sagte, den Kopf, so dass er oft grossen Anstoss gab. Da er hie und da welche aus der Gemeine hatte bekehren wollen und sich gegen diese nicht undeutlich merken lassen, er sei selber der Heiland und der wahre Erlöser in unserer neuesten Zeit, so verklagte der Pfarrer den Unglücklichen beim Konsistorium in der Stadt. Die Sache machte viel aufsehen, und etliche eifernde Geistliche wollten ihn mit Gewalt zum Widerruf, Pranger und Zuchtaus verdammt wissen. Der menschenfreundliche Arzt nahm sich aber der Sache an. Der Mann ging selbst zum Minister, und die Billigeren von der Geistlichkeit sahen nun auch wohl ein, wo es meinem armen Daniel fehle. So sprachen sie ihn denn los als einen Blödsinnigen, der über seine Reden nicht zur Verantwortung gezogen werden könne, und gaben ihm nur auf, sich alles Predigens und Bekehrens zu entalten. Das nahm mein Daniel anfangs sehr übel und noch mehr, als er erfuhr, dass sie ihn seit seinem Prozess hier und in der Umgegend nur den Dummen nannten. Doch forschte er so lange im Daniel und in den Briefen der Apostel, bis er sich überzeugte, ein solcher Ausgang wäre ihm schon vor allen zeiten prophezeit worden. So treibt er nun sein unschuldiges Wesen, und ich kann ruhig wegen meines Todes sein, denn die Brüder lieben, ja ehren ihn so sehr, dass sie gern einmal seinen Unterhalt und seine Verpflegung übernehmen werden."
Elsheim und Leonhard hörten dem Alten mit Vergnügen zu, und der Baron sagte: "Es ist nicht ohne Grund, dass uns eine Art von sonderbarer achtung in der Nähe solcher Wesen beschleicht; wir fühlen die gestörte Harmonie und vermuten dabei, dass irgendeine Geisteskraft, wenigstens für Augenblicke, um so höher gesteigert werde."
"Das kann wohl sein", sagte der Alte, "denn wirklich spricht der Kranke so in seinen Abwesenheiten manchmal recht nachdenkliche Sachen. Wenn er am Abend an seinem Tisch sitzt und liest, und wir sprechen dies und das vom Ackerbau, von Einrichtung und Verbesserung der und jener