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Ein grosser Mann von mittleren Jahren war schon einigemal durch die Haustür aus- und eingegangen. Er trug ein grosses Buch unter dem Arm, welches eine Bibel zu sein schien. Er setzte sich an einen anderen Tisch und fing an zu lesen, verschloss aber den Band gleich wieder und ging durch die Haustür in den Garten. Jetzt kam er wieder herein, sah sich scheu um und legte sein Buch auf den Tisch der Reisenden, indem er mit heiserer stimme fragte: "Meine Herren, lesen Sie auch wohl die Bibel?"

"O ja", sagte Leonhard.

"Und welches Buch", fragte er weiter, "ist Ihnen in diesem grossen heiligen Werke das allerliebste?"

"Das lässt sich wohl nicht so schnell entscheiden", erwiderte Elsheim; "bald wird unsere Seele von diesem, bald von jenem mehr gereizt, und es hat mir immer wohlgefallen, wenn manche Geistliche es nur als ein einziges, innig zusammenhangendes Buch haben ansehen wollen."

Der Bauer schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass ihm die blonden Haare in das Gesicht fielen. Er nahm den messingenen Kamm und strich sie wieder nach hinten hinüber, indem sich plötzlich in seinem finsteren Gesicht ein helles, aber ironisches Lächeln auftat. "Da sind Sie noch nicht weit gekommen", sagte er dann. "Die verhüllte Wahrheit sucht sich vorsätzlich in manchen der Bücher zu verbergen; die versteht man nur und findet das Korn der Weisheit heraus, wenn man das rechte Buch aufgefunden hat und Tag und Nacht in diesem studiert. Für jeden Menschen, in welchem nämlich das Licht aufgeht, ist es aber ein apartes, denn unsere Sinnesarten sind sehr verschieden; Gott steht allentalben, einer darf ihn aber nur schräg, der andere von der Seite, und manche nur ganz von weitem ansehen. Wechseln sie nun ihre Stellung und kommen sie in eine unrichtige, so können sie gar nichts von ihm verstehen. Denn unser Herr ist ein wunderliches Wesen, er ist liebreich und sanft in seiner Allmacht und Hoheit, aber er macht sich nicht gemein. Wir reden ihn alle mit du an, und das verlangt er sogar, aber mit Grobheit und so von ungefähr angesprochen, lässt er sich nicht antreffen, sondern immer verleugnen."

Ein hoher Greis trat jetzt zu ihnen, eine von jenen mächtigen Gestalten, die sich, in welchem stand sie auch sein mögen, eine unwillkürliche achtung erzwingen. "Sohn Daniel", sagte er mit tönender stimme, "du fällst ja den fremden Herren zur Last."

"Gewiss nicht!" rief Elsheim, aber der Sohn entfernte sich schnell mit jenem scheuen blick im zugedrückten Auge, der den Reisenden gleich anfangs aufgefallen war. "Verzeihen Sie", sagte der alte Vater, ich kann es nicht immer verhindern "dass mein unglücklicher Sohn fremden Leuten beschwerlich fällt. Er meint es gut, und es ist kein Arg in ihm, aber wer ihn nicht kennt, trägt wohl Scheu, oder fürchtet sich vor ihm."

Da Elsheim neugierig geworden war, lud er den alten Bauer ein, sich zu ihnen zu setzen, und dieser willfahrte ohne Verlegenheit, als ein Mann, dem Menschen und Welt nicht unbekannt waren. Er erzählte von sich, seinen Schicksalen und seiner Familie. Er hatte, sonderbar verschlagen, einen Feldzug in fernen Weltteilen mitgemacht, hatte bei seiner Rückkehr unvermutet einige wohlhabende Verwandte beerbt und war nun durch Tätigkeit, und dass er seine Grundstükke zu verbessern verstand, zu einem gewissen Reichtum gelangt. "Ich bin", fuhr er fort, da er sah, dass sich seine Zuhörer für seine Rede interessierten, "wohl ein glücklicher Mann zu nennen, wenn ich so um mich her die meisten meiner Nebenmenschen betrachte. Wir leben hier in einer angenehmen Gegend, ich erzeuge selbst meinen Wein und was ich sonst noch brauche, mein Garten liefert mir den Bedarf für meinen Haushalt, und ich baue, so alt ich geworden bin, noch selbst mit Freuden meinen Acker und halte meine grosse Wirtschaft in Ordnung. Drüben wohnt mein ältester Sohn, der schon seit lange Schulze dort ist, und durch den ich schon seit lange Grossvater und nun seit kurzem auch Urgrossvater bin. Mein Martin und Friedrich werden nächstens heiraten, meine Tochter ist auch versorgt in einem anderen dorf, und so kann ich mich als den Stammvater eines zahlreichen, gesunden und lebensfrohen Geschlechtes ansehen."

"Und dieser Sohn, der eben von uns ging?" fragte Elsheim.

"Ja, meine Herren", fing der Alte wieder an, "in diesem Sohne könnte ich mich auch unglücklich nennen, denn in jeder grossen Haushaltung muss etwas sein, das mit dem übrigen nicht aufgeht. Der Mensch muss eben auch immer etwas zu klagen haben. Als Kind war mein Daniel so klug, wie es niemals einer meiner anderen Söhne gewesen ist. Er lernte fast von selbst lesen, er sprach sehr früh und zwar ganz vernünftig. Er war gern allein, und lautes Geschwätz, wie es denn doch oft Bauersleuten vorfällt war ihm zuwider. Weil das Kind nun gern tätig war, so half er, so klein er war, allentalben. Es machte ihm grosse Freude, den Hirten zu begleiten, wenn dieser meine Schafe austrieb. Wenn er am Abend nach haus kam, hielt er manchmal recht nachdenkliche Reden über alles das, was er da draussen im Freien beobachtet hatte. Bald erzählte er von den Wolken, von wunderlichen Tönen im wald