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uns gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug. Er schwärmte ganz von jenem grund der Wahrheit ab, auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte, und geriet in das Reich der Träume und der Willkür. Geht nicht Ordnung, Ruhe Selbstbeobachtung und nüchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen, so gibt es auch keine Kraft, diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten. Gewiss hat auch unser Liebling Mozart diese Kräfte nicht verleugnet. Denn das ist eben der Hauptirrtum, dass diese Bacchanten nicht sehen, oder nicht sehen wollen, dass in der Mässigkeit, Ruhe, in dem stillen Haushalt unserer einsamen Seele, in den Schranken der Ordnung und notwendigkeit, kurz in der scheinbaren Prosa, die man so oft voreilig der Poesie entgegenstellt, ebenfalls im gesänftigten Raum jene Himmelsblumen emporwachsen, und Begeisterung und Tatkraft auch aus diesen stillen Winkeln hervorschreiten mögen. Wie die alten Himmelsstürmer oder jene Erschaffenen bestellt gewesen sein mögen, die vor aller geschichte auf unserer Erde hausten, wissen wir nicht; seitdem aber der uns bekannte und verständliche Mensch Regent ist, müssen wir einsehen, dass in diesem die doppelte natur des Riesen und des sanft Gehorchenden, des Herrschers und des gern und freudig Unterwürfigen erst die natur in ihm ausbildet, durch welche er ein Recht hat, nach Blumen, Lorbeeren, Palmen und Sternen zu greifen. Der Rausch ist auch oft nüchterner, als wir uns gestehen mögen. Palestrina, der beseligte, sollte jemals haben rasen können? Und unser Sebastian Bach; wie beschränkt, wie bürgerlich, wie so ganz Ordnung, biedere Alltäglichkeit im Leben, wie klein, ruhig und unbemerkt in der Gesellschaft und unter den Schwätzern, und wie gross eben dadurch in seiner Wissenschaft und Kunst!"

Elsheim nahm die Hand seines gefährten und drückte sie recht herzlich, dann aber überliess er sich einem so lauten und ausgelassenen lachen, dass der bescheidene Fuhrmann sich einigemal umsah, um zu entdecken, was wohl dieses schallende Gelächter habe veranlassen können. Leonhard war sehr über diesen unerwarteten Ausbruch von Lustigkeit befremdet und erwartete mit einiger Spannung die Erklärung dieser Explosion. Endlich, nachdem er sich beruhigt hatte, sagte der Freund: "Siehe, das ist nun auch meine Eigentümlichkeit und Stimmung, die du mir nicht zu sehr kritisieren darfst. Deine Vorliebe für das Zunftwesen, dein Handwerksgeist geht in allen deinen Gedanken mit auf. Und du magst doch recht haben. Auch in der Kunst, in der geistigsten Beschäftigung, muss wohl neben Begeisterung und Anschauen nun auch das Handwerk mit seiner bürgerlichen Ordnung eintreten, um durch Regel und Beschränkteit dem Geist erst seine wahre Freiheit im Schaffen zu erringen. Du hast recht: ohne Widersprüche, die sich aufzuheben scheinen, und ohne Vermittlung dieser Widersprüche ist nicht Mensch, Kunst, Wissenschaft, Geist. Darum zeigt sich auch eine überraschend ähnliche Ohnmacht in den Gebilden des ganz phantastischen Schwärmers und des philisterhaft Nüchternen, der bloss mit Anstrengung Regel und Bewusstsein ein Kunstwerk hervorbringen will."

Die Hitze war so drückend geworden, dass sie es vorzogen, in einem kleinen dorf, das abseits von der grossen Strasse lag, haltzumachen, als sich mit ermüdeten Pferden noch nach dem grossen Gastofe der kleinen Stadt hinzuquälen. Der Stall war für die Pferde gross genug, und sie setzen sich unter der schattigen Linde in eine Art von Vorsaal, der durch den Baum vor dem haus gebildet wurde. Während die Mahlzeit zubereitet ward, erquickten sie sich am Duft der Blätter und Blüten, und Elsheim sagte: "Sieh einmal, mein Freund, wie gescheit unsere Vorfahren in einer Sache waren, die viele des jetzigen Geschlechtes nur lächerlich finden. Dadurch, dass man diese schöne alte Linde oben so stark und regelmässig beschneidet, entsteht hier unten dieser kühl dämmernde, dunkelnd grüne poetische Saal. Dieser gibt eine so liebliche duftende Kühle, wie sie kein Zimmer mit Vorhängen und Kunstanstalten hervorbringen kann; auch keine Gartenlaube ist so wohnlich und vertraulich. Man sieht von hier in das Haus und auf die Strasse und ist von beiden ganz ungestört. Oben, damit die Stuben nicht verfinstert und selbst feucht werden durch die Nähe des Baums, sind alle Zweige weggeschnitten, soweit die Zimmer reichen. Nun hat man in den höheren Zimmern mit dem ersten Frühlinge eine grüne duftende Decke unter sich, ohne von den Ästen gestört zu werden, und die Stuben sind hell und frei. Der schöne Baum ist freilich verdorben; dafür hat dieser Bauer aber auch einen grünen Sommersaal, wie kein Fürst mit allem seinem Prunke ihn aufweisen kann."

Leonhard erwiderte: "Auch in Städten habe ich oft diese Art, die Linden zu behandeln, wahrgenommen. Dort ist diese Erfindung, womöglich, noch zauberischer, als hier auf dem land, weil dieser unten entstehende Saal und die gerade Linie der grünen Wand oben, auf welche man aus den Fenstern niedersieht, im erfreulichen Kontrast mit den Häusern, sowie dem gewöhnlichen bürgerlichen Verkehr auf der Strasse stehen. Unsere Vorfahren liebten es überhaupt, Bäume aller Art in ihren Städten zu pflegen, und sie zieren oft eine hässliche Gasse und geben ihr ein wahrhaft trostreiches Ansehen; die Neueren fangen an diese Anstalt als etwas Abgeschmacktes zu verlästern. Es hat etwas Wunderbares, wie der Baum sich erziehen und verziehen lässt, vor allen buch und Linde. Das Gedicht des Wandsbecker Boten gegen diesen Schneiderscherz, wie er es nennt, ist recht getreu und biederherzig, aber es wird mir die Schönheit dieses Sommersaales, oder gar den Zauberreiz eines echten grossartigen französischen Gartens niemals aus der Seele singen können."