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ihren Bekenner der Besonnenheit entebt. Der Sänger, mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes, der Kapellmeister, wie der Komponist, alle leben dem Augenblick, ohne an morgen zu denken. Der Genuss der Kunst, so gut wie des Weins und der Liebe, reisst sie über Zeit, sorge und Ordnung hinweg, denn in keiner andern Kunst ist das unmittelbare Gelingen, das Improvisieren so notwendig. Maler, Dichter und Bildhauer mögen sich bedenken; wenn der Musiker es wollte, so wäre der auflodernde Augenblick schon entflogen. Der Grübler nun gar müsste auf lächerliche Weise zuschanden werden. Darum, meine ich, muss man in der sogenannten Moral auch beim Musiker einen ganz andern Massstab anlegen, wenn der Sittenprediger nicht gegen ihn ungerecht, ja grausam werden soll. Mozart steht höher, als seine Sittenrichter."

Der musikalische Freund bekräftigte alles, und so, nachdem man noch manche paradoxe Sätze ausgesprochen, die den muntern Elsheim sehr ergötzten, begaben sich alle auf ihr Lager, als der Morgen schon graute.

In der heitern Landschaft fühlte sich Leonhard wieder frei und wurde fröhlich. Elsheim hatte die Verstimmung wohl bemerkt, die seinen Freund am Abend quälte, und sagte jetzt, nachdem sie lange stumm nebeneinander gesessen hatten: "Warum, Freund, bist du oft so schwerfällig und widerstrebst der Laune, die mich mit sich nimmt? Man kann nicht immer weise sein, und dein Gemüt ist selbst oft zur Fröhlichkeit gestimmt, ja, ich habe selbst gesehen, wie Albernheiten und Kinderein dich ergötzen können."

"Schilt mich nur", antwortete Leonhard, "denn freilich ist es wohl eine Anlage zur Pedanterie, die mich in manchen Stunden so missmütig und mürrisch macht. Der ganze gestrige Tag war mir nicht recht. Dass der Wagen zerbrach, machte mich erst ganz verdrüsslich. Nun gar das verwünschte Konzert. Ich begriff deine ausgelassene Heiterkeit nicht. Das ganze Wesen, Zuhörer, vornehme, Bürgermeister, Männer, Frauen und Mädchen, alles war melancholisch. Diese Ungezogenheit der Musiker war wunderlich genug, aber auch dieser Vorfall konnte mich nicht ergötzen. Wir haben uns mit den andern närren lassen, weil wir eben nichts Besseres zu tun hatten. Und das mag wohl oft, auch im Leben der bessern Menschen, eintreten, dass solche Lückenbüsser und Ausgeburten der Langeweile für Ergötzung gelten müssen. Es sind die Butterküchlein aus wasser der Schildbürger. Und nun gar das Hymnen-Gespräch am Abend bei den schlechten speisen. Die haben mir erst Magen und Geist verdorben."

"Ei, du Allerweltskrittler!" rief Elsheim überlaut und erhob sich vor Erstaunen etwas vom Sitze, um seinem Freunde in die Augen sehen zu können, " – das ist mir denn doch neu, dass diese erquicklichen gedachten und phantasierten gespräche dir auch zuwider sein können! Mir haben sie so sehr gefallen, dass ich die beiden landstreichenden Musiker dringend auf mein Schloss eingeladen habe, und ich hoffe, dass sie recht bald dort als mir sehr liebe Gäste erscheinen werden."

"In dein Wesen", sagte Leonhard etwas empfindlich, "mag diese übertriebene Genialität nicht so zerstörend hineinreissen, wie in meine Brust. Erinnerst du dich denn nicht, dass mir dergleichen von früher Jugend zuwider war, und ich es immer zu bekämpfen suchte?"

"O ja", sagte Elsheim, "und oft mit einer andern Genialität sogar, die manchen Nüchternen wohl auch erschrecken durfte. Weiss ich doch, dass der eine unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu, als wärest du ein Gottloser, betrachtete."

"Lassen wir das", unterbrach ihn Leonhard; "es ist gar zu betrübt, dass sich so oft selbst die allernächsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht verstehen."

"Besonders", sagte der Edelmann, "wenn der eine oder der andere von einer Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt. Stimmungen können niemals über Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fällen."

"Diese Stimmungen aber", widersprach der Freund eifernd, "wenn sie nicht Grillen und eigensinnige Launen sind, entspringen ja nur aus dem wahren Charakter und der Tiefe des Gemüts; sie sind es ja, die der Mensch nicht vernichten kann und soll, denn sie sind der Boden, in welchem Überzeugung, Tat und Leben aufwachsen."

"Nun meinetwegen", sagte der Baron, "so sprich denn aus, was dich quält oder stört; denn freilich, zu viel sollen wir auch nicht an uns selber mäkeln, oder uns das peinvoll abgewöhnen, was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist, und wodurch wir erst Individuen werden."

"Liebster Friedrich", sagte der junge Meister jetzt ganz weich, "alles, was uns reizt, belehrt, fördert und begeistert, ist immer nur unter Bedingungen und bis zu einer gewissen Grenze hin wahr; überschreite ich beide, so wird das Beste nur Torheit und die höchste Weisheit Wahnsinn. Deshalb ist die Konsequenzmacherei zu fürchten, der logische Zwang, der uns so oft veranlasst alle Lücken zu überspringen, oder nicht zu erkennen, die zwischen den Wahrheiten liegen, oder die geistige, unsichtbare Scheidelinie zu überschreiten, auf welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln muss, wenn er nicht immer wieder aus dem wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie, oder die abergläubige Schwärmerei stürzen soll."

"Ich glaube dich zu verstehen", sagte Elsheim.

"So versteht sich aber jener Musiker nicht", fuhr der Freund fort, "der