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erst unser höchstes, seelenvollstes Leben hervorgehen muss. Ich habe mehr als einmal einer Anzahl trefflicher Sänger akkompagnieren müssen, plötzlich, unvorbereitet, nach einer Partitur einer Oper, die mir noch niemals vorgekommen war, und mein Auge und Sinn fand sich so schnell und sicher in dieser schwierigen Aufgabe zurecht, dass alles gelang, und dieses tollkühne Improvisieren zu den genussreichsten Stunden meines Lebens gehört."

"Wie oft", fiel der Sänger ein, "habe ich etwas ähnlich Halsbrechendes unternommen, die schwierigsten, mir fremden Sachen vom Blatte zu singen. Es ist eine Energie in uns, eine Allgegenwart des Geistes, eine Gabe der Prophezeiung, die nur alsdann hervortritt. Und sonderbar! wenn diese Zustände des Seelenrausches vorüber sind, bemerken wir, dass auch alles Zeitmass in uns aufgehört hat, denn wir wüssten nicht zu sagen, wie viele Stunden uns in dieser Anstrengung verschwunden sind, weil sie uns nur wie Augenblicke erschienen."

"Ebenso ist es aber auch", fiel Leonhard bescheiden ein, "wenn wir ein Kunstwerk geniessen und wahrhaft verstehen. Die knechtische Abhängigkeit von der Zeit verschwindet alsdann jedesmal."

Die beiden übermütigen Künstler hatten sich bis jetzt nur wenig um den jungen Meister gekümmert, sie sahen ihn jetzt mit grossen Augen an und suchten an seinen Blicken zu erforschen ob er ebenfalls zu ihrer Zunft gehöre, oder vielleicht Maler, oder Dichter sei. Doch Leonhard schlug seine Augen nieder und schien es zu bereuen, dass er an diesem verwegenen gespräche teilgenommen hatte, sein Freund aber nahm das Wort auf und bemerkte: "Wenn es also wahr sein mag, dass dieser unbeschreibbare Doppelzustand zu unsern allerbesten Lebensäusserungen gehört, sei es, um zu geniessen, oder hervorzubringen, so dürfte die Frage sehr wichtig sein, wie weit man nun, um jener höheren Kraft Raum zu geben, Bewusstsein und Nüchternheit einengen, und wieviel herrschaft jene bacchische Begeisterung ausüben dürfe."

"dafür oder dagegen", rief der Sänger heftig aus, "kann und darf es keine gesetz geben. Soll das Gebet aus jener Nüchternheit hervorgehen, die ja eben durch den Gott vernichtet werden soll? Glauben Sie mir, alle grossen Genien der Menschheit, seien es Helden, Dichter oder Künstler, haben ihre Schöpfungen nur, von diesem Taumel erst angerührt und dann beherrscht, hervorbringen können. Welche unbändigen Höllengeister waren es denn, mit lichten Engeln geschart, die unser Mozart vor seinen Siegeswagen spannte, um, ein zweiter Dionysos, seinen Triumphzug nach dem fernen, gottgeweihten Indien, dem Land der Fabel und der Poesie, zu feiern, von tanzenden Nymphen, gaukelnden Amoretten, lächerlichen Faunen, rasenden Mänaden und selig liebenden, ewig trunkenen Lieblingen der Aphrodite und des Eros begleitet? So stürmt sein Don Juan, sein siegprangendes Meisterwerk, dahin. In dieser heiligen Raserei haben alle Genien gedichtet und erschaffen. Ja erschaffen, wie der Herr, aus dem Nichts. Dies ist das Unbewusste, der Schlaf, der Tod in uns, wie es die blöden Menschenkinder nennen. Hier ist das Zeughaus der Phantasie, die geheimnisvolle Werkstätte des unsterblichen Geistes. Wer hier das pflegt und nährt, was späterhin als Gedanke, Ton, Bild und Gedicht in die Schöpfung heraustreten sollwer kann diese Ammen nennen, oder bezeichnen? Was ist dieses Nichts, dieses unbekannte Unerkannte, dieses Namenlose, aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt? O ihr Törichten, die ihr euer Leben damit zubringt, immer Unterschiede zu entdecken und diesen mit nüchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben! Stürzt euch, ihr von den Musen Begabten von der Gotteit Begeisterten, ohne zu forschen und zu zweifeln, in den Strom des bewegten Lebens; opfert, wie es das Geheimnis fordert, eure Vernunft und Nüchternheit, die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und Dämonen, die, wenn ihr dieses Entschlusses nicht fähig seid, euch sonst die Schönheit selbst entreissen, mit eurem Herzblut, wie Vampiren, die Begeisterung wegzechen, so dass ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen Langweile erwacht. Der Weinrausch ist ein Symbol dieses göttlich begeisterten Lebens, in der Wollust spricht mit Entzücken und Wahnsinn jener Tod uns an, der das echte Leben ist, hohnlachend und in süssester Wehmut wird hier jenes Bewusstsein begraben, das die meisten Menschen für das Leben halten. Wer sich also als echter Künstler dem Taumel weiht, der darf nicht rechts, nicht links, nicht rückwärts schauen, nur vor ihm liegt die Bahn, und Glück, Gefahr und Leben und Tod sind eins."

Auf einen stillen, bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das Zimmer schon verlassen, weil es dem Vater wohl unziemlich dünken mochte, dass ein weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhören sollte. Leonhard sagte nach einer kleinen Pause: "Aber, meine Herren, Sebastian Bach, Gluck, Palestrina- –"

"Still!" entgegnete der Sänger, "ich weiss, wo Sie hinauswollen. Ausnahmen gibt es, undwer weissman soll den alten Bach, unsern Vater und Meister, nicht lästern, – aber jener stürmische Geist ging ihm wohl ab, der unsere neue Kunstwelt treibt. Und Palestrinawir wissen so wenig von ihmaber erzählte er nicht, dass er die eine seiner berühmtesten Kompositionen Note für Note vollständig von einer Schar von Engeln vernommen und die überirdische selige Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe? – In der Musik strömt ein Geist, der, stärker als in allen anderen Künsten,