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nahm alle Empfindungen mit sich; dann spielte der blonde Virtuose ein Klavierkonzert mit einer Fertigkeit und einem Ausdruck, wie man es dort noch nicht gehört hatte, der Sänger, eine Bassstimme, sang unvergleichlich, und man wechselte noch mit einigen Musikstücken, die allgemeinen Beifall verdienten und das Publikum in der Tat entzückten, doch schämte man sich, seinen Beifall zu bezeigen, und hörte alles stillschweigend an.

Es war spät geworden, ehe die musikalische Unterhaltung beendigt war; der kleine Kassierer, der das empfindlichste Gemüt haben mochte, war schon lange vor dem Schlusse nach haus gegangen, nachdem er durch einen Violinisten den Reisenden die Einnahme übersandt hatte. Diese bezahlten sehr freigebig die begleitenden Instrumente; die Gesellschaft ging, selbst nicht wissend, ob ihre Zufriedenheit, oder ihr Missvergnügen überwiege, auseinander, und Elsheim bat die Fremden, mit ihm in seinem Gastofe zu essen, die seine Einladung auch mit heiterer Gleichgültigkeit annahmen.

Der Wirt hatte von seiner Tochter schon das Abenteuer vernommen, und er ging den Fremden mit einem Gefühl, aus Bewunderung und einem gewissen Entsetzen gemischt, entgegen, dass sie es gewagt hatten, die Häupter der Stadt, die ihm die der Welt waren, zu närren, und sie doch zugleich die berühmten grossen Virtuosen waren, die zu solchem Wagestück den kekken Mut in sich hatten finden können. Die Tafel ward bereitet, und die gebildete Tochter, sowie der Wirt selbst mussten auf Elsheims Ersuchen Platz daran nehmen, bei welcher der gute Wein das vorzüglichste Gericht ausmachte, weil die speisen in der Tat schlecht zubereitet waren.

Als der Wein heiter und vertraulich gemacht hatte, erzählte der Komponist, wie sie dem Bürgermeister entdeckt hätten, dass man sie, wenn das Konzert noch zustande kommen solle, frei machen müsse, und wie dieser ihnen nur Glauben beigemessen habe, als sie Briefe vorgewiesen, die an sie gerichtet gewesen.

"Wie kamen Sie nur auf diesen sonderbaren Einfall?" fragte Elsheim.

"Man hört ja", erwiderte der Komponist, "von Künstlern erzählen, die aus entusiastischer Zerstreuung während des Spieles vom Instrument aufgesprungen sind, um aus der Ferne die wirkung ihrer eigenen Musik zu erfahren, und so kamen wir neulich auf den Gedanken, dies hier in dem kleinen Städtchen auf eine ähnliche Art versuchen zu wollen, ob wir uns gleich den Ausgang des Abenteuers nicht so gedacht hatten."

"Mich wundert", sagte Leonhard, "dass Sie nicht verlegen waren; ich hätte um alles nicht Ihre Rolle durchführen mögen."

"Sie sind auch wahrscheinlich kein Schauspieler", antwortete der dunkelhaarige Bassist; "mir wurde erst etwas beklommen, als das unmässige Applaudieren entstand, und gewiss, man hätte uns nicht mehr beschämen und bestrafen können, als wenn dieser laute Beifall sich wiederholt bei jedem Musikstücke hätte hören lassen."

"Sie müssen freilich", fiel der Wirt ein, "in Ihrem stand mehr abgehärtet sein, als andere Menschen, denn es kommen wohl oft Fälle vor, in denen Sie Ihre ganze Fassung nötig haben."

Der Sänger sah hierauf den vorlauten Wirt mit einem Blicke an, wie ihn ein siegesstolzer Student etwa einem sogenannten Philister zuwirft, wenn dieser über Händel oder Duell-Angelegenheiten sein Wort abgeben will. Ohne den Wirt zu berücksichtigen, richtete der Schauspieler seine Worte wieder an den Edelmann, indem er so fortfuhr: "Es ist wahr, wer es in unserm stand nicht lernt, Fassung zu gewinnen, unvermuteten Störungen, oder Kabalen und Grobheiten mit einer gewissen festen Unverschämteit entgegenzutreten, der wird diese Tugenden niemals erringen. Mir und meinem Freunde hier ist aber das Talent angeboren, mit dergleichen Fährlichkeiten zu spielen, sie aufzusuchen und im wildesten Sturm und Drang den Kopf niemals zu verlieren."

Elsheim erwiderte: "Ich kann mich wohl, wenn ich es näher überlege, in Ihre Stimmung hineindenken. Geht es einem beim Reiten, wenn man ein wildes Pferd versucht, doch auf ähnliche Art. Indem man alle Kunst mit Bewusstsein anwendet, gerät man doch zugleich in einen Taumel und so wilde Unbesonnenheit, dass man sich der Gefahr erfreut, und vielleicht das wilde trotzige Ross nur durch diese Vereinigung von Tollheit und Vernunft gebändigt wird. Noch öfter tritt dieser lüsterne Zustand beim Fahren ein, wenn wir etwa vier kräftige Hengste regieren sollen. Es erwacht ein Heldensinn in diesem Taumel, und der Mensch ist nahe daran, die Gefahr herauszufordern. Vielleicht dass, wem von diesem verlockenden Reize gar nichts beiwohnt ein solcher nie etwas Grosses tun kann, er müsste denn, wie Fabius der Zauderer, durch seine unerschütterliche Kälte Verderben und Gefahr von sich und den Seinigen abwenden. Wie heroisch braucht Egmont dies als Gleichnis, um seinen Lebenslauf zu bezeichnen: 'Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefasst die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiss es? Erinnert man sich doch kaum, woher er kam.'" –

"Geehrter Herr", sagte der Klavierspieler, "alles Talent ist nur auf diesem Wege möglich. Noch keiner hat das Wunder, was mit diesem Worte ausgesprochen ist, erklären, oder nur begreifen können. Das ist ja das Rätsel, wie sich in uns der Zustand, den wir unser Bewusstsein nennen, so innigst mit seinem anscheinenden Widerspruch, dem Nichtbewusstsein, vermählen kann, und aus dieser Vereinigung