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hatten in ihnen Mitglieder einer Räuberbande entdeckt, die damals im südlichen Deutschland viel von sich sprechen machte. Nur nach und nach beruhigte sich das tobende Meer, und man hatte im Eifer der Verhandlung nicht bemerkt, dass es darüber in der Tat schon spät geworden sei dass es schon dämmerte, und dass der Fluch der Fremden in Erfüllung zu gehen drohe.

Die Ruhe und das feinere Gespräch hatte sich indessen wieder hergestellt, als man wegen der Dunkelheit gezwungen war, die Lichter anzuzünden, und nun fiel es der Gesellschaft, vorzüglich den Damen, auf, wie lange sie schon vergeblich gewartet hatten. Einige der Herren, die spazierengegangen waren, kamen auch aus dem Garten zurück und wunderten sich, dass die Sache noch immer nicht vorgeschritten war; am ungeduldigsten aber waren die begleitenden Musiker, welche laut murrten und wegzugehen drohten. In dieser Verfassung zog der Bürgermeister Nachrichten ein, und es ergab sich, dass keiner im saal wusste, wo die Virtuosen abgestiegen waren, dass keiner sie noch gesehen, denn sie hatten nur schriftlich um die Erlaubnis nachgesucht; und da sehr viele schon längst ihre Augen auf den unbefangenen heitern Elsheim geworfen hatten, der, obgleich ein Edelmann, das Ärgernis gegeben, sich zur Tochter des Gastwirtes zu setzen und sie zu unterhalten, noch mehr aber dadurch, dass er bei dem lauten Streite gelacht und gewissermassen die Partei der Fremden genommen hatte, sich auch jetzt unverhohlen freute, dass man so spasshaft und trocken wieder auseinandergehen müsse: so fand der Einfall eines witzigen Kopfes sogleich den grössten Beifall, dass dieser fremde junge Herr vielleicht die Bitte um Erlaubnis geschrieben, dann die Ankündigungen habe drucken lassen und dann selbst angekommen sei, um die Verwirrung und den Verdruss der Kunstfreunde schadenfroh zu geniessen.

Diese Meinung lief bald durch den ganzen Saal; alles erhob sich, um verachtende oder zornige Blicke auf den Unschuldigen zu werfen; es schien, als wolle man einen Sprecher wählen, der die Vorwürfe der beleidigten Versammlung in einer lauten Rede vortragen solle, und Leonhard fing an, um seinen Freund, dessen heftige Reizbarkeit er kannte, besorgt zu werden, als man einen Invaliden sich eifrig durch den Saal drängen sah, der den Hauptmann aufsuchte, um ihm etwas in das Ohr zu raunen. Der Hauptmann sah mit einer sehr wichtigen Miene empor, schüttelte den Kopf, winkte dem Bürgermeister und begab sich mit feierlichem Anstande zu diesem. Nachdem beide eine Weile leise miteinander gesprochen, nahm mit einem tiefen Seufzer der Amtsbürde und mit hoher Röte der Bürgermeister Hut und Stock und sagte: "Ew. Exzellenz und meine Damen und Herren verzeihen, wenn ich mich auf einige Zeit entferne; die beiden Arrestanten lassen mich dringend und eilig auf die Hauptwache zitieren, indem sie mir sehr wichtige und notwendige Dinge in grosser Eile zu eröffnen hätten. Vielleicht ist dies für unsere Stadt ein hochwichtiger Tag, denn mir ahndet, dass Entdeckungen unterwegs sind, die wohl zum Glück des ganzen Landes gereichen mögen."

Ein Beifallsmurmeln begleitete den Patrioten, die grösste Neugier und Spannung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt es schien nun, vorzüglich den Damen, ausgemacht, die Gefangenen könnten nur Mörder und Strassenräuber sein und gewiss die Anführer der Bande, denen das Gewissen plötzlich erwacht sei, um die ausserordentlichsten Entdeckungen zu machen. Die Scharfsinnigsten hielten zugleich ein wachsames Auge auf Leonhard und Elsheim, damit diese sich nicht unvermerkt entfernen könnten, und man sprach laut von Verkleidungen und vielfältigen Masken, unter denen sich so oft die grössten Bösewichter unkenntlich in die beste Gesellschaft zu schleichen suchten. Diejenigen, die in der Literatur der Räuberromane bewandert waren, führten davon merkwürdige Beispiele an, und einige von den Mädchen rückten näher aneinander, sahen scheu nach der Tür, oder auf Leonhard und Elsheim, in der bangen Erwartung, dass plötzlich ein grauses Wunder unter dem Signal von Pistolenschüssen sich entwickeln, oder die Befreiung der Gefangenen unter Aufruhr und Brand erfolgen werde. Die Tochter des Bürgermeisters weinte unverhohlen Tränen, weil sie ihren Vater schon verloren gab, als dieser zur Befriedigung ihrer und aller keuchend zurückkam und mit verdrüsslichem Kopfschütteln alle stummen und lauten Frager, die sich an ihn drängten, zurückwies, bis er wieder zu seinem Sitze gelangt war. "Exzellenz", stotterte er, "es war ungegründet, aber die Musik wird vor sich gehen."

Und zugleich traten zum allgemeinen Staunen durch die Tür gegenüber zwischen Notenpulte und Musiker mit etwas veränderter Kleidung die beiden arretierten Fremden herein, näherten sich anständig der vordern Reihe der Zuhörer und wollten eine Entschuldigung stammeln, doch liessen sie die Ausrufungen der Verwunderung, das Aufstehen, das fragen und Sprechen der Zuhörer untereinander nicht zu Worte kommen, und Elsheim, der jetzt wieder unter den vordern stand, sich an der Verlegenheit der Gesellschaft und der Schadenfreude der Virtuosen ergötzend, fing laut an zu applaudieren, und alle, die beim erscheinen von Künstlern dieses Geräusch zu erregen schon gewohnt waren, folgten ihm nach, so dass ein lautes Beifallklatschen wie ein durchbrechender Strom alle anderen Töne in sich aufnahm und verschlang, indessen nur der Graf mit hoher Röte vor sich niedersah und beschämt und missbilligend das Haupt schüttelte. Da dies die bemerkten, die ihm am nächsten waren, so hörten sie auf, und so verlor sich das Applaudieren wieder decrescendo, welches Elsheim einsam endigen musste, indem sich jeder zugleich besann, wie unpassend man hier den Beifall Leuten erteilte, die jedermann nicht auf die feinste Art zum besten gehabt hatten.

Eine der schönsten Symphonieen erhob sich jetzt mit ihrem Flügelschlage und