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er einen Geistlichen, der ihn zu ermahnen gesucht, gemisshandelt habe, worüber er im Nüchternwerden so erschrocken sei, dass er von diesem Augenblick an das Gelübde getan habe, nie, auch bei der dringendsten Veranlassung, und selbst auf Festen und Hochzeiten etwas anderes als wasser zu geniessen. Dieses Gelübde hielt er auch so strenge, dass ich die Kraft seines Willens bewundern musste."

"Ecce", rief der Magister, "das leuchtendste Exemplum, dass der Wille des Menschen allerdings frei sei und alles vermöge."

"Wenn er nur in der Tat durch diese Sinnesänderung gewonnen hätte", fuhr Leonhard ruhig fort. "Der Pater hatte dem reuigen Sünder, ich weiss nicht welches Erbauungsbuch, gegeben, das zum Unglück eins von denen war, die man die mystischen nennt, in welchen dem Menschen ausser der Vernunft und dem Glauben noch ein neuer Sinn aufgeschlossen werden soll, durch welchen er Gott und dessen Wesen erkennen mag, und durch die Anstrengung der Liebe und eines geheimnisvollen Willens fähig werden, das unbegreifliche Wesen in sich selbst vertraulich und fortdauernd aufzunehmen. Diese Vorstellungsart, so wenig er auch die meisten Bücher dieser Gattung begreifen mochte, hatte sich des schon gläubigen Menschen so bemeistert, dass er in Musse- und Arbeitsstunden las, und Luteraner und Katoliken zu seiner Meinung bekehren wollte; alles Geld, was er erarbeiten konnte, wandte er dazu an, mehr und mehr Bücher dieser Art zu kaufen; er las in den Nächten, er predigte in der Einsamkeit des Feldes, er glaubte sich zum Apostel berufen, so dass es schien, sein Lebenslauf sollte nicht eben und gerade ausgehn, sondern durch leidenschaft und Phantasie verwickelt und gestört werden. War er in frühern zeiten ausschweifend und töricht, so musste man ihn jetzt, wenn man es auch noch so gut mit ihm meinte, geradezu einen Narren heissen."

"Schwärmer oder Mystiker wäre richtiger gewesen", warf der Magister ein, "an dergleichen Irrlehrern hat die reine christliche Kirche von jeher viel zu leiden gehabt."

"Jetzt war sein Seelenrausch ununterbrochen", erzählte der junge Meister weiter. "Ich gedachte durch das Krain und Kärnten, durch Tirol hinauf nach Augsburg zu gehen, mehr um die herrlichen Gebirge zu sehen, als der Arbeit wegen, denn ich hatte Geld zur Reise zurückgelegt. Der Alte bot sich zu meinem Begleiter an. Es war im Spätsommer, das Wetter das vortrefflichste, die Gegenden, durch die wir zogen, die allerwunderbarsten und zauberreichsten, die ich noch gesehen hatte; aber der arme war nicht mehr fähig, die Schönheit der Schöpfung zu geniessen; er sah in den erhabenen Berg- und Felsenmassen nur das Werk der bösen Geister, einen Trotz gegen den Himmel; er redete sie manchmal in seinem Eifer an, und schalt sie wilde Riesen und Empörer gegen Gott. Den Verdruss hatte ich auf dem ganzen Wege, und mich gereuete oft, dass ich mit ihm gegangen war. Dazu kam, dass er unter der Last seiner Bücher keuchen und schwitzen musste, und doch konnte er nicht unterlassen, in jedem Städtchen sich nach andern Werken dieser Art umzusehn, und zu kaufen, wenn er etwas fand, das ihm erständig war. So übel ich auch auf seine Besessenheit zu sprechen war, so trug ich ihm doch den grössten teil seines Gepäckes, und bedung mir nur aus, dass er mir in den Ruhestunden nicht vorlesen durfte, worüber er wehmütig die Achseln zuckte. Wir kamen bei Botzen heraus. Nie werde ich dies herrliche Tal vergessen und den wundervollen Weg nach Brixen. Es ging schon gegen die Weinlese, allentalben konnten wir uns mit Trauben erquicken. Es war eine Vollmondnacht, und wir hatten beschlossen, von Brixen auszuwandern, die kühle helle Nacht hindurch, und am anderen Mittag irgendwo stille zu liegen, weil die Hitze in den Bergen dort auch um jene Jahreszeit in den Mittagsstunden drückend war. War mein Gefährte am Tage begeistert, so schien der Mondschein noch stärker auf ihn zu wirken: seine Schilderungen waren so grausenhaft, dass ich mich selbst, wenn der Mond hinter eine Wolke trat, zuweilen eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte. In der Hölle besonders war er wie zu haus, und genau beschrieb er die vielen Heerscharen; auch ihre verschiedenen Physiognomien und Gebärden, die von dort täglich und nächtlich auszögen, um seine arme Seele zu bestricken, bald durch Zweifel, bald durch Hochmut, ein anderes Mal durch falsche gesicht, oder auch durch ängstigende Herzensleere, bis dann im anhaltenden Gebet der Brunnen des Lebens wieder springe und von innen heraus alle seine Kräfte tränke und erfrische. So mochte es Mitternacht geworden sein, als wir zwischen Brixen und Sterzingen einen Hügel hinanstiegen; die Gegend war ganz einsam, kein Dorf in der Nähe, rechts ab vom Wege schienen in ziemlicher Entfernung einige Hütten zu liegen, doch mochten es auch Steine sein, denn nichts war im rätselhaften Schimmer des Mondlichtes genau zu unterscheiden. Sowie wir höher stiegen, hörten wir ein seltsames Rascheln oder Rauschen, und es war nicht anders, als wenn jemand eine grosse Tonne mit wasser schüttelt, um sie auszuspülen. Dies war es denn auch zu meinem grössten Befremden: denn als wir oben waren, sahen wir mitten auf der Landstrasse eine ziemlich beleibte, aber kleine menschliche Figur, die mit der grössten Behendigkeit ein grosses Fass hin und her bewegte. Mein Gefährte drängte sich dicht an mich; mir war, gesteh ich, etwas unheimlich: diese sonderbare Beschäftigung hier im einsamen