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fort.

"Es ist unter mir", sagte der angesehene Mann unwillig, und setzte sich sehr heftig nieder, "mit Menschen zu sprechen, die nur der schlechten Gesellschaft gewohnt sind."

"Gesellschaft ist Gesellschaft", riefen die Fremden, "vollends wenn man bezahlt, und dies Betragen schickt sich nicht."

So fuhren sie fort laut zu schelten auf die Umgebung, auf die Art, mit ihnen zu sprechen, vorzüglich aber über die Verzögerung des Konzertes, aus welchem nichts würde, und das sie gern genossen hätten, da sie doch vielleicht die einzigen wahren Kenner in dem kleinen unbedeutenden Orte wären, so dass man umher murmelte, schalt, sie drängte, von Ungezogenheit und Pöbel sprach, indessen sie sich mit Gewalt Platz zu machen suchten und bald mit Zorn, bald mit lachen antworteten, bis sich endlich der Bürgermeister, der indessen mit seinem gönner heimlich gesprochen hatte, in aller Würde erhob und laut sagte: "Meine Herren, Sie mögen Kenntnisse besitzen, oder nicht, so muss ich jetzt das deutlich wiederholen, was Sr. Exzellenz aus übertriebener Gute und Humanität Ihnen nur zu verstehen gegeben hat, sich nämlich aus diesem Zirkel zu entfernen, der offenbar nicht mit Ihrer Art und Weise sympatisieren kann."

"Herr Bürgermeister, denn der sind Sie, wie ich höre", sagte der blondhaarige Fremde, "Sie wollen also zwei Leute, die Sie nicht kennen, zweien musikalischen Vagabunden aufopfern, denn derentwegen ist ja nur unser Streit; ich sehe aber gar nicht ein, wie Sie das Recht haben, uns mit solchen recht empfindlichen Reden von hier zu entfernen."

"Ohne Umstände", rief ein alter Hauptmann, der sich dienstfertig herbeigemacht hatte, um auch als ein Vorsteher der Stadt seine Rolle zu spielen, "Sie machen sich davon, oder man wird Ihnen etwas anderes zeigen!"

Im Eifer fasste er den Schwarzkopf derb an, der, ohne auf seine Würde zu achten, ihn so kräftig zurückstiess, dass der Offizier gegen ein paar junge Herren flog, und der Puder seiner Frisur den halben Saal anfüllte! – "Wache!" rief der Hauptmann. "Man ist seines Lebens nicht sicher", schrien die Damen. "Das ist ein Skandal!" ächzte der Bürgermeister. Bei dem Getümmel war der Kassierer herbeigekommen, und diesem wurde von dem besternten mann, dem alles Platz machte, die Weisung gegeben, Wache herbeizuschaffen, die die Friedensstörer und Arrestanten, denn das verdienten sie zu sein, abführen könnte.

"Wenn es denn Ernst ist", sagte der Fremde mit den blonden Haaren, "so müssen wir uns wohl dareinfinden, aber es ist doch hart, dass wir unser gutes Geld darüber einbüssen sollen."

"Hier, mein Herr", sagte der kleine Kassierer, "empfangen Sie Ihre zwei Taler zurück, denn die berühmten grossen Virtuosen werden lieber die Gesellschaft nach Ohren, als nach Talern zählen."

"In die Wache?" fragte der Schwarzgelockte. – "So ist Ihr Schicksal", antwortete der Hauptmann. – "Woraus besteht diese?" – "Für jetzt aus Invaliden, aber künftigen Winter bekommen wir wieder wirkliches Militär." – "Gut", rief jener, "so hör ich auf der Wachstube vielleicht alte edle Volkslieder, oder biedre Liebesgesänge und kann dem musikalischen Charivari hier mit gutem Gewissen den rücken wenden. Wir weichen der Gewalt. Aber, wie ist man doch in diesem kleinen traurigen Städtchen noch zurück! Wie ist man doch in den Winkeln der Provinz so gar nicht mit dem geist der Zeit fortgeschritten! Wir arretiert, zu Invaliden geschickt, weil wir aus Entusiasmus die Künstler verwünschen, die uns den Genuss ihrer Kunst so lange vorentalten! Diese beklagenswürdige Barbarei verdient, dass Sie alle hier nie einen guten Sänger oder Komponisten hören, dass Sie heute umsonst und vergeblich auf jene Tausendkünstler warten, die uns diesen Verdruss zuziehen, dass Sie immer in der barbarischen Dunkelheit und dem skytischen Nebel verharren, denn Orpheus selbst würde hier alle seine Harmonieen vergeblich anwenden." – Das letzte sagten sie schon draussen, teils fortgedrängt und abgeführt und teils freiwillig den Saal verlassend. "Meine Damen und Herren", sagte hierauf der Mann mit dem Sterne in grosser Bewegung, "ich nehme Sie alle zu Zeugen, dass es keinesweges Barbarei oder Mangel an Humanität ist, was uns zu diesem Betragen gegen diese fremden Gesellen gezwungen hat, auch ist der Vorwurf dieser Ruhestörer gewiss ebenso ungegründet, dass wir zurückgeblieben und mit der Zeit nicht fortgeschritten wären. Geschähe in allen Teilen des deutschen Reiches für Kunst und Bildung so viel, wie in diesen friedlichen Gegenden, so würden wir bald noch schönere Früchte gewahr werden; dies unbestochene Zeugnis war ich dieser Stadt und Ihnen schuldig."

Alle verneigten sich, am tiefsten der Bürgermeister. Die gewöhnliche ruhige Verfassung einer Gesellschaft, die Musik erwartet hatte, hatte sich völlig aufgelöst, denn dieser Vorfall war zu ausserordentlich, um nicht allen Zuhörern eine ungewöhnliche Stimmung zu geben; selbst die akkompagnierenden Musiker, ja sogar die Lichterputzer hatten sich unter die Gesellschaft des Saales gemischt, um zu hören, oder zu erzählen, Meinungen zu vernehmen, oder Vermutungen mitzuteilen. So meinten einige, die unruhigen Fremden wären Bauern und Holzhändler von dem nicht zu entfernten grossen Strome, die auch einmal ein geistiges Vergnügen an sich hätten versuchen wollen und daran gescheitert wären; einige wollten Matrosen in ihnen erkennen, und andere waren noch unbilliger und