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nach den Virtuosen, der Stunde des Anfangs und dergleichen die vornehmsten Nachbaren rechts und links ohne Unterschied gefragt hatten. Der Minister hatte sich bei dem Geräusch erhoben, sie mit kurzem blick gemustert und sich ernst wieder niedergesetzt, und der Bürgermeister, von diesem stillen Missfallen belehrt, hatte durch einen Bekannten den anstössigen Fremden eine gedruckte Ankündigung des Konzerts übersandt, um dem zu lauten Schwatzen und fragen nur ein Ende zu machen. Jetzt aber nahmen diese den Zettel und lasen ihn nicht nur laut ab, sondern kritisierten auch unter lachen und Spott jedes Wort. "Ist es nicht zu arg", fing der eine an, der, weil er blond war, ein etwas sanfteres Ansehn hatte, "dass in Deutschland Menschen, die sich für Virtuosen ausgeben, nicht eine Zeile richtig in ihrer Muttersprache schreiben können?" – "Weil sie", erwiderte der Braune, dem dicke schwarze Haare tief in seine dunklen Augen hingen, "in Faulheit nichts lernen und genug zu tun glauben, wenn sie die Finger behende rühren können." – "Und solches Volk", fing der andere wieder an, "will einen solchen Zirkel gebildeter und feiner Menschen, wie ich hier versammelt sehe, nicht nur unterhalten, sondern ihren Geist erheben und alle zu den höchsten Genüssen der Entzückung und Andacht stimmen, da sie selbst, wie der gemeine Mann zu sagen pflegt, weder lesen, noch beten können."

Bei diesem lauten gespräche waren die Damen enger zusammengerückt, um sich so viel als möglich von der verdächtigen Nähe zu entfernen, der untersetzte Minister hätte gern alles ignoriert, wenn man nicht zu laut gesprochen hätte, er flüsterte daher seiner Umgebung von rohen und gemeinen Menschen zu, und der noch dickere Bürgermeister erhob sich, um den Fremden einen drohenden blick zu senden.

"Sehen Sie nur, mein Freund", fing der Schwarzköpfige wieder an, "wie unruhig die verehrungswürdige Gesellschaft schon wird; alles sieht umher, kein Mensch kann begreifen, wo die Kerle nur bleiben, die gewiss wo in einem Weinhause sitzen; und doch steht hier: der Anfang präzise um sechs Uhr, aber die dummen Teufel glauben gewiss, präzise heisst auf deutsch eine Stunde nachher. Und doch sollten sie ja eilen, die armen Schlucker, um so viel als möglich Wachslichter zu sparen."

Der andre sagte hierauf mit verhaltnem Zorn: "Wir müssen hier alle wie die Narren warten, als wenn wir nicht mehr zu tun hätten; mich gereut schon mein gutes Geld, das ich den Windbeuteln draussen habe erlegen müssen."

"Wer mag nur der Krüppel sein", sagte der Schwarzäugige, "der so genau unsere Taler besah, als wenn wir falsche Münzer wären. Wohl gar das gute Schaf von Komponisten selbst, der dem Gelde die stimme probiert, ob es den gehörigen Diskant singt."

"Meine Herren, die ich nicht zu titulieren weiss, da ich nicht die Ehre ihrer Bekanntschaft habe", fing hierauf der Bürgermeister, der sich nicht länger halten konnte, fast stotternd vor Ärger an, "der brave Mann, der Ihnen die Billette gegeben hat, ist unser Kassierer vom rataus, der sich aus reiner Liebe zur Kunst, und um die beste Ordnung zu erhalten, diesem Geschäfte unterzogen hat. Man muss ihm dafür danken, und er ist nichts weniger, als ein Krüppel. Ich habe die Ehre, hier Bürgermeister zu sein, und ich sowohl, wie der ganze Magistrat können einen solchen Ausdruck übel empfinden."

"Wir wollen ihm nicht weiter zu nahe treten", sagte der Schwarze, "aber über die Schlingel von Musikanten dürfen wir uns doch ärgern, die für ihr Geld, das sie uns ablocken, die Stunde nicht besser in acht nehmen. Wir haben mehr zu tun, als hier zu warten."

Lange hatten die Damen schon gezischelt, um die ungezogenen Fremden war ein leerer Raum entstanden, und mit einer Protektionsmiene gegen seine Umgebung, da der Bürgermeister das Eis schon gebrochen hatte, erhob sich nun der Mann mit dem Sterne und sagte: "Es scheint Ihnen zu entgehen, meine Herren, vielleicht weil Sie bisher nur wenige Gesellschaft frequentiert haben, in welcher man sich etwas genieren muss, dass Sie diese Damen und uns alle mit beleidigen, indem Sie so ohne Rücksicht auf die beiden Künstler schelten, die heute unsere Stadt beglücken wollen. Der Ruhm dieser Männer ist über jede Lästerung erhaben, und da Sie weder warten wollen, noch auch Kenner und Freunde der Musik zu sein scheinen, so war Ihre Bemühung in diesen Saal ein kleiner Irrtum."

"Es sind halt doch nur Musikanten", rief der Blonde unwillig aus, "und wenn ich nicht die Ehre hätte, mein Herr Baron oder Graf, dadurch mit Ihnen in Gespräch und Bekanntschaft zu geraten, so würde ich glauben, dass alles, was Sie sagen, diese nachlässigen Menschen zu entschuldigen, unpassend sei."

"Ja wohl", rief sein Gefährte mit mehr Ungestüm, "für unser Geld sind wir hier! die ganze Gesellschaft hier in Ehren, und ich mache jedem mein Kompliment, aber die Musikanten, denn wir sind doch hier alle gleich, erkläre ich für wahre Taugenichtse."

"Und der Herr Graf von hat uns hier nichts zu befehlen, und wir können es sehr übelnehmen, dass er uns zu verstehen gibt, wir wären hier nicht an unserer Stelle, ja uns gleichsam die tür weiset", fuhr sein Begleiter