. Wo hört man jetzt noch, wie ehemals, Leute auf den Tisch schlagen und ineinander hineinjubeln und schreien? Wenn sich zwei Bauerbursche einmal bei der Kirms prügeln, so möchten sie sechs Meilen rundum den Moses vom Sinai herunterrufen, um das ungeheure Wesen unter fünfzig neuen Gesetztafeln zu begraben. Denn auch bei dem Bauer, der unmittelbar an der natur wohnt und Leid und Lust aus der ersten Hand empfangen soll, möchten sie die grosse Cur einführen, und ihm die vornehm sittige Langweile anbilden, die keine Hand mehr rührt, ohne auf den Effekt zu denken, den es auswärts macht. Wenn unsre Bauerweiber erst an Nervenschwäche leiden, dann steht wohl jenes gepriesene goldene Alter echter Humanität an der Ecke lauernd, auf welches wartend die Herren nun schon lange aus dem Fenster geguckt haben."
Die Tochter kam jetzt herein, mit Blumen auf dem kopf und übertriebenem Putze, um in das Konzert zu gehen; sie verneigte sich sehr zierlich und wandelte am Arm eines jungen Menschen, der beständig auf seine seidenen Strümpfe und Schnallen hinuntersah, um zu beobachten, ob alles noch in gehöriger Ordnung sei. "Wirst du nicht auch hingehen?" fragte Elsheim.
"Nein, mein Freund", antwortete Leonhard, "obgleich ich eigentlich noch nicht weiss, wie ich meine Zeit zubringen werde; denn mir sind die meisten musikalischen Unterhaltungen dieser Art so abscheulich, dass ich ihnen jede Langweile vorziehe. Sie haben eine Kraft, mir den Kopf zu verwirren und mich auf lange für Geschäfte und Gedanken unfähig zu machen; aber wahrlich nicht dadurch, dass sie mich zu sehr über dieses Leben erheben." –
"Kindereien!" unterbrach ihn der Baron; "und vorzüglich heute passt deine Furcht nicht, da du gelegenheit haben wirst, einen der vorzüglichsten Klavierspieler, einen wahrhaften Virtuosen zu hören, sowie die stimme eines ausgezeichneten Sängers. Wir mögen in manchen Dingen den Alten nachstehen, aber die Wunder der Instrumentalmusik gehören ausdrücklich unserm Zeitalter an. Man soll sich nicht eigensinnig gegen das Edle und Wundervolle verschliessen, weil es, wie so vieles, vom Haufen gemissbraucht wird und der Eitelkeit dient."
Er zog den Freund mit sich. Die Versammlung war in einem geräumigen Saal, aus welchem man sogleich in den Garten kommen konnte. Da es hoher Sommer war, hatte man zwar die Lichter aufgesteckt, sie brannten aber noch nicht. Die Gesellschaft war schon ziemlich zahlreich; vorn prangten die edleren Damen der Stadt, unter diesen ein untersetzter Mann mit einem Stern, den alle mit grosser Devotion Exzellenz nannten; hinter diesem sass der Bürgermeister, die hände über den Bauch gefaltet und auf jede Bewegung des Mannes vor ihm aufmerksam, der ehemals in Diensten eines benachbarten Staates gestanden und sich hieher zurückgezogen hatte, um als der Vornehmste verehrt zu werden. Elsheim beobachtete mit Leonhard die Eintretenden. Unter den Damen fehlte es nicht an reizenden, auch musste man gestehen, dass die meisten die neueren Moden kannten; aber zugleich war eine gewisse Übertreibung bei allen sichtbar und eine steife Ängstlichkeit, denn jede trat mit dem Bewusstsein herein, sie sei auf die rechte Art geschmückt, jede sitzende musterte sogleich kritisch die wandelnde und verbeugende, und diese betrachtete nach dem Gruss sich selbst, um Vergleichungen mit den schon anwesenden anzustellen, so dass es fast scheinen konnte, die feinen und reichen Kleider führten mehr ihre Besitzer herum, als dass sie von diesen getragen würden. In dieser Kunstausstellung war die Tochter des Wirtes, die abseits an einem Fenster sass, denn freilich nur ein kleines Blumenstück aus der niederländischen Schule, das in der Nähe der grossen Altarblätter kaum bemerkt wurde. Noch unscheinbarer verschwand ihr Begleiter, der sich abwechselnd an andere junge Leute machte, laut sprach und sich zum lachen zwang und dann mit steifer Leichtigkeit zu seiner Dame zurückkehrte. Ein Elegant näherte sich beschützend ihrem Fenster, und sie blühte sichtbar auf, wechselte aber um so auffallender mit verlegener Blässe, als dieser auf einen befremdenden blick vornehmer Damen, die hereinrauschten, sich etwas zu schnell gehorchend von ihr entfernte.
"O des Elends!" flüsterte Elsheim, "unsre gute Adelaide, Selma, oder welchen idealischen Namen sie führen mag, möchte vor Neid, Missbehagen und Eitelkeit vergehn! Sei wechselt im Herzen mit einer übertriebenen Ehrfurcht vor diesen geputzten Herrschaften und einer erzwungenen Verachtung aller höhern Stände; sie schämt sich ihres Daseins, und im Ringen dieser Verzweiflung wird die Musenkunst umsonst der matten Seele aufhelfen wollen. Wie, wenn sie nun daheim, wie ihre guten Voreltern, behaglich bei der Insel Felsenburg sässe, oder beim lustigen Besuch von Verwandten und Bürgermädchen, jene alten Lieder singend, oder sich in wohlgemutem Tanze umschwenkend, mit Dirnen flüsternd und dem Liebsten winkend: wie höher würden ihre Lebenspulse schlagen!" – Er verliess die Mitte des Saales und setzte sich vertraulich schwatzend zu der Verlassenen, was einige der Damen als ein Wunder bestaunten und dann verhöhnten, die ihm wegen seines Kreuzes schon unter den vordersten Sesseln einen Platz zugedacht hatten.
Leonhard stand im Haufen neben zwei Männern, die schon seine und die Aufmerksamkeit vieler in der Gesellschaft auf sich gezogen hatten. Sie fielen auf, da sie in gelblichen Überröcken und bestaubten Stiefeln nicht nur die Fremden, sondern selbst Kosmopoliten etwas zu gleichgültig darstellten, die den Putz der übrigen Gesellschaft, sowie die ängstlich feinen Sitten nicht beachteten, oder vielmehr geringschätzten; denn, anstatt sich im Hintergrunde bescheiden und still zu verhalten, waren sie gleich vorgedrungen und hatten das grosse Wort geführt, indem sie