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die Reisenden in so tiefsinniger Unterhaltung sah, dem Schlummer ergeben, und so fuhr er jetzt mit einem Ruck an einen Prellstein, dass der Wagen heftig erschüttert wurde und die Achse zerbrach. Man stieg ab, der Postillion schüttelte den Kopf, besah den Wagen von allen Seiten, noch mehr den Stein mit zornigen Augen, fluchte, und tat nicht anders, als wenn Weg, Pferde, Wagen und die Reisenden, oder ein unbegreifliches Verhängnis, auf keinen Fall aber er selbst, an diesem Ereignis schuld wären.

"Ich lasse ihn gewähren", sagte Elsheim beiseite zu unserm Freunde, "ich mag ihn in dieser Fuhrmannsreligion nicht unterbrechen. nennen doch die meisten Menschen auch das Schicksal, was sie mit einiger Achtsamkeit vermeiden konnten, und den unnützen Zorn, den ich gewöhnlich bei dergleichen Gelegenheiten wahrnehme, habe ich nie begreifen können. Wir hätten ihn nicht sollen einschlafen lassen."

Der Fuhrmann band und flickte, so gut es sich tun liess, und Elsheim ermunterte ihn freundlich, und half, um nur den Wagen wieder von der Stelle zu bringen. "Am meisten verdriesst es mich", sagte er endlich, "dass wir wenigstens heute in dem Städtchen hier liegenbleiben müssen, das mir immer unausstehlich gewesen ist. Es leben hier verschiedene Adlige und reiche Bürgerliche, die in der Einsamkeit der Provinz den langweiligsten und unerträglichsten kleinen Hof mit einer lächerlichen Etiquette haben einrichten wollen. Sie selbst sind die Langeweile gewohnt und sie gibt ihnen eine gewisse Haltung, aber ein Fremder, der unter sie gerät, ist verloren, weil weder Talent, noch Witz, noch Geselligkeit oder wirklich feines Betragen hier Eingang findet."

Die Stadt war nicht mehr weit, alle drei gingen zu Fuss und der Wagen ward hineingeschleift, den der Fuhrmann unter lautem Schimpfen in den Torweg des Gastofes zog und gleich fortging, um Stellmacher und Schmied aufzusuchen.

Gleich am Tor war den Freunden ein grosser Zettel aufgefallen, welcher ein Konzert auf heute ankündigte. In der grossen und eleganten Wirtsstube fanden sie die Tochter des Hauses, ein Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, die beim Klavier sass und eben zu spielen aufhörte; nach der ersten Begrüssung gab sie Leonhard sogleich die Einladung zum Konzert, welches sie als höchst merkwürdig rühmte. "Wir freuen uns alle hier in der Stadt", beschloss sie ihre Rede, "auf den heutigen genussreichen Abend, besonders diejenigen, die etwas von der Musik verstehen." Mit den letzten Worten machte sie ihr Notenbuch ernstaft zu.

"Sie haben freilich hier wenig gelegenheit Musik zu hören", sagte Elsheim.

Dergleichen Virtuosen, wie heute auftreten, freilich nicht antwortete das Mädchen; "aber sonst sind wir nicht so ganz barbarisch, als Sie vielleicht glauben, denn seit einigen Jahren herrscht ein besserer Geist hier, so dass wir uns alle bestreben, mit der Zeit fortzugehen. Es ist im adligen Zirkel ein concert spirituel eingerichtet, und wir haben dasselbe getan; wöchentlich kommen wir einmal zusammen und musizieren oder deklamieren, ein andermal lesen wir gute Schauspiele, indem jeder eine einzelne Rolle rezitiert, oder üben uns in kleinen Aufsätzen, die wir uns mitteilen."

Der Vater kam hinzu, und freute sich, dass seine Tochter die Fremden so anständig unterhalte. Als beide wieder hinausgegangen waren, rief Elsheim aus: "Ich wette, dass wir heute das elendeste Abendessen geniessen müssen, wenn wir es uns nicht vielleicht beim Klavier und Mozart versüssen lassen. Wie es mich immer ärgert, dass die Menschen nach und nach alle ihren Beruf verlassen und sich dessen schämen. Sahst du wohl, wie unentschlossen sie war, den Mägden und dem Hausknecht zu befehlen? Zu gut zur Wirtin und zu schlecht zur Dame liegt sie unaufhörlich auf Prokrustes' Bett, und wird in dieser Minute schmerzhaft verlängert und in der nächsten noch qualvoller verkürzt. Es gibt nichts so Schreckliches und was dem Menschen so alle Haltung raubt, als dies verletzbare Leben der Eitelkeit. Wie freue ich mich jedesmal, wenn ich noch irgendwo die Reste der Bürgerlichkeit finde. Zufrieden mit seinem stand, stolz auf seine Arbeit und feststehend auf seiner Stelle im Leben hat ein solcher Mensch Ehrfurcht vor dem Höhern, das er nicht kennt, sei's vornehme Welt, Religion oder Gelehrsamkeit, beneidet keinen, sondern weiss, dass er auch seine notwendige Stelle füllt, und am Abend ein verständiges Gespräch, eine heitere Erzählung beim Glase Wein, ja Schwänke und anstössige Spässe und plumper Scherz, von denen die Ergötzungsbücher unserer Vorfahren so viel und zu viel entalten, sind mir ehrwürdig gegen dieses Aufwimmern falscher Bildung, und ich kann mich wohl zu jenen setzen, wenn ich dieser verbleichten Lüge, die sich nicht einmal mehr der Unwahrheit bewusst ist, auch Meilen entfliehen möchte."

"Nun bist du menschenfeindlich und kränklich verstimmt, wie du mir neulich vorwarfest", sagte Leonhard.

"Ich weiss nicht", sagte jener, "ob es das ist, oder ob ich oder die Welt so sehr irren. Aber so wie es in alten zeiten, und selbst nahe bis an unsere jetzigen hinan, die Aufgabe aller Gesetzgeber und Religionen war, die Menschen zu mildern und zu zähmen, ihnen Sanftmut, Ruhe und Ergebung annehmlich zu machen, da alles nur gegeneinander tobte und sich biss und schlug, so möchte jetzt ein Lykurg nötig sein, um sie nur wieder zum Leben zu zwingen, sie gegeneinander zu empören, ihre Leidenschaften aufzureizen und sie bei Verbannungs- und Todesstrafe für Lustigkeit empfänglich zu machen