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, ihre Haare flogen aufgelöst, ihre Kleider waren zerrissen, sie stemmte sich besonnen seiner Übermacht entgegen, hätte aber wahrscheinlich seinen Kräften erliegen müssen. Ich stürze auf ihn los, befreie sie, und er, in grimmiger Freude, den Gegenstand seines Hasses vor sich zu sehen, fällt mich wie ein Rasender an. Ich suchte seinen Schlägen auszuweichen, und endlich gelang es mir, ihn zu unterlaufen und ihn fest in meine arme zu pressen. Er biss, er brüllte, er wandte alles an, sich loszumachen, oder mich zu verletzen. Aber ich warf ihn nieder, und er war so ermattet und zerschlagen worden, weil ich mich im Zorne über seine Misshandlungen völlig vergessen hatte, dass ihn zwei vorüberfahrende Fischer in ihren Kahn aufnahmen und nach seinem haus zu bringen versprachen.

Alles dies war so schnell geschehen, dass ich mich kaum hatte besinnen können. Jetzt fand ich sie auf der Anhöhe auf dem Rasen im Schatten der Bäume sitzend, wie sie bemüht war, Tuch und Kleider wieder in Ordnung zu bringen. Ich hatte noch nicht gewusst, wie schön sie sei, und als ich jetzt zu ihren Füssen kniete, und der erste Sonnenstrahl an diesem trüben Tage durch die Wolken brach, Wald, Berg und Fluss vergoldete, am herrlichsten aber auf ihrem himmlischen Gesicht erglänzte, da dünkte ich mir im Paradiese zu sein.

Sie sank mir mit Tränen in die arme, und indem wir uns eng umschlossen hielten und ich alles andere vergass, wandte sie ihr lockiges Haupt ein wenig von meinem gesicht weg und sagte: 'Ja, ich bin dein! es gibt keine Macht auf Erden, die unsere Herzen trennen könnte, ich kann dir nun nicht widerstreben, tue mit mir, mein Liebster, was dir recht dünkt und dein Gewissen dir erlaubt; ich kann zu nichts mehr nein sagen. Nur bedenke, dass ich dir nie nach deinem land folgen kann; das wäre der Tod meiner Eltern, mich in der irrgläubigen Fremde zu wissen. Du kannst und willst nicht hierbleiben, wie ich von dir weiss, am wenigsten aber die Gemeinschaft meiner Kirche suchen. Wir sind also für die Einrichtungen der Welt getrennt, aber in Liebe bin ich dein, was dich glücklich macht, vollbringe oder lasse, mein Herz soll nur die stimme des deinigen widerhallen.'

Es gibt Augenblicke im Leben, die seltensten, wo alles verschwindet, was wir noch eben wünschten und begehrten, ja wo sich alles in uns umwandelt, und in unsern Sinn, wie ich es ausdrücken möchte, eine Geistererscheinung steigt, die so unser Gemüt und Herz anfüllt und überfüllt, dass wir fühlen, als wolle es vor Seligkeit brechen; weh ist uns vor Freude, und doch ist es nichts, was wir nennen könnten, was uns beseligt, es ist kein Besitz, kein Errungenes, nur die seligste Ruhe im Aufruhr und der Vernichtung aller unserer Kräfte. Dies erlebte ich jetzt. Ich wandte mein Auge in ihres, und traf in einen blick, der in einer überirdischen Wonne glänzte. Ich musste weinen, und konnte erst nach einiger Zeit in diese Worte ausbrechen: 'Geliebteste! mit diesen Worten hast du mir mehr als alles geschenkt; denn auch das Höchste, die innigste Gunst ist ja auch nur ein Zeichen der Ergebung, der Vereinigung; ich will dich und mich nach diesem heiligen Augenblicke nicht den Verwirrungen der Welt übergeben und vielleicht ein dunkles Schicksal aufregen, dass wir einst beide diese himmlische Minute hassen müssten.' Ich begleitete sie nach haus, nahm Abschied, trug ihr die herzlichsten Grüsse an ihre Eltern auf, und verliess die Stadt, ohne sie wiederzusehn."

Elsheim sah den Freund mit einem langen Blicke an, nach welchem sich eine leichte Röte auf seinem Gesicht zeigte. "Ich bewundere dich", sagte er endlich: "ich wäre dessen nicht fähig gewesen."

"Schätze mich nicht", sagte jener, "um eine Tugend, die ich nicht besass; wäre es ein Opfer gewesen, das ich hätte bringen sollen, so wäre ich vielleicht erlegen, aber ich hatte nichts zu bekämpfen, sondern das Gefühl, dass sie mir so ganz und unbedingt gehöre, dass sie, möchte ich sagen, mit Seele und Körper in meinem Herzen sei, verlöschte alle Wünsche. Ich kann dir nicht aussprechen, wie seltsam und wunderlich mir nach diesem Augenblick Welt und Menschen, Liebe und sehnsucht, Leib und Geist vorkamen. Es war, als sei ich auf eine Minute vom Leben erwacht, und als wirke in dem neuen Traum die Erinnerung der Wahrheit noch eine Zeitlang fort."

"Ich verstehe dich nicht ganz", sagte Friedrich, "manches muss man wohl erlebt haben, um es zu begreifen. Es gibt aber Menschen, die das, was mich in deiner Erzählung rührt, nur lächerlich finden würden."

"Mögen sie doch", seufzte Leonhard, "die Erde hält sie eben zu gewaltsam fest, ich bin ihnen immer aus dem Wege gegangen."

"Aufrichtig, Freund", fing Elsheim wieder an, "hat dich selbst niemals dieser verlorne Augenblick gereut?"

"Bin ich was anders als ein Mensch?" antwortete jener; "wenn aber die Disputiersucht unserer Leidenschaften manchmal die Oberhand über mein Herz gewann, so habe ich mich nachher um so mehr verachtet."

Das Gespräch wurde hier geendigt, denn der Fuhrmann, der anfangs ebenso rasch als vorsichtig gefahren war, hatte sich, da er