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Freund fuhr fort: "Gewiss, mein Freund, denn alsdann ist es, als stiege die Seele der Landschaft sichtbar zu uns empor, und ich kann mir vorstellen, dass wenn ich einmal wahrhaft liebte, mir jeder Strauch, jeder Baum, jedes Gräschen eine heilige Stelle, ein ewiger Frühling, ein Orient und Land der Wunder und der Religion werden würde. Fast, du Zurückhaltender, muss ich glauben, dass in oder bei Bamberg, wenn auch nichts Leidenschaftliches, doch etwas recht Zärtliches vorgefallen ist. Erzähle; es ist eine so schöne, heitre Beichtstunde, und es kann sein, dass mir nachher auch etwas beifällt."

Leonhard sagte nach einigem Zaudern: "Warum sollte ich es dir verschweigen, da diese Erinnerung meiner Jugend mir so wohltut, ohne mich zu beschämen? Schon am Tage der Frohnleichnams-Prozession fiel mir eine junge weibliche Gestalt auf, von einer Schönheit, wie man sie wohl zuweilen auf alten Gemälden zu sehen pflegt. Sie war gross und stark, aber doch schlank gewachsen, ihr Gesicht oval, ihr Haar dunkelbond, von einem rötlichen Goldschimmer durchzogen, die Augen gross und dunkelblau, und die Farbe von der durchsichtigsten Zarteit. Sie war unter dem betenden und singenden volk, und ging neben einem bejahrten Mann und einer ältlichen Frau, die Handwerker oder Landleute, und ihre Eltern zu sein schienen. Ihre Andacht und Rührung hatte etwas so Mildes, das so lieblich gegen die meisten Gesichter umher auffiel, dass ich mit dem zug ging, und meine Augen sie unfreiwillig immer wieder aufsuchten. Einigemal schien mich ihr heller blick zu treffen. Ich folgte ihr in den grossen Dom. Hier ergriff mich die Musik noch gewaltiger, die Messe und der Pomp der Priester dünkten mir etwas sehr Ehrwürdiges; ich stand in ihrer Nähe. Wundersam ergriffen ward ich hier von ihren Augen, und meine Gedanken wurden Gebet und Liebe; die Gemeine kniete nieder, sie sank in einer himmlischen Stellung demütig hin, und ein streifender blick glitt an mir vorüber, der mich ebenfalls niederzog. Ich war erschüttere. Plötzlich reichte sie mir einen Rosenkranz, indem sie unten das Kreuz küsste, weil sie meine hände leer sah, und ich beschämt und unwissend verstand nur ihre freundliche Meinung, aber nicht, den Zeremonien auf die gehörige Art zu folgen. Als der Gottesdienst zu Ende war, ging ich mit dem Strom des volkes aus der Kirche, aber in dem Wellenschlag des Gedränges verlor ich sie aus den Augen, und als ich auf die Strasse trat, war sie nirgend mehr zu sehen. Es war mir, als wenn mir plötzlich alles fehlte, ich suchte sie in allen Gassen, vor den Toren, in den Kirchen, wo ich nur Leute wahrnahm oder vermuten konnte, aber sie war mir entschwunden."

"Und der Rosenkranz des frommen Kindes?" sagte Elsheim.

"blieb natürlich in meinen Händen", antwortete Leonhard; "ich konnte ihn nicht ohne Rührung betrachten, und liess ihn niemals von mir kommen." – Er öffnete ein kleines geheimes Fach seiner Brieftasche, und überreichte ihn seinem Freunde. "Dieser nämliche", sagte er lächelnd, "ist es, mein Friedrich."

"Dieser", sagte Elsheim, "und den trägst du noch jetzt nach zwölf oder dreizehn Jahren bei dir? Du bist zum Sammler geboren. sonderbar! Aber die geschichte ist doch damit noch nicht zu Ende?"

"Freilich nicht", fuhr Leonhard fort, "denn sonst hätte ich doch den Paternoster schwerlich so sorgfältig aufgehoben. Es waren wohl sechs Wochen verflossen, als ich an einem Sonntage durch die einsame Gegend streifte. In der Nähe des kleinen Flusses, von schönen Hügeln umgeben, liegt ein Dörfchen, aus dem ich gegen Abend Tanzmusik herschallen hörte. Ich folgte dem Ton und fand eine frohe Gesellschaft von Landleuten, und die Jugend um die Linde im Tanz sich schwingend. Schon wollte ich mich vom Getöse wieder entfernen, als ein Gezänk mich aufmerksam machte; ein halbtrunkner junger Mensch stritt nämlich mit einem andern um die Tänzerin, auf welche jeder Ansprüche machte; der Gegner war schwächer und blöder, und der Trunkene schien stark und von den Anwesenden gefürchtet; mit einer heftigen Gewaltsamkeit stiess er den zweiten Tänzer zurück und fuhr auf das Mädchen schreiend los, die ihm auswich. Jetzt erst erkannte ich sie wieder, sie war es selbst, die ich so lange vergeblich gesucht hatte. Fast ohne zu wissen, was ich tat, sprang ich in den Kreis, und riss den Störenden zurück, der nicht wenig verwundert sich zur Wehre setzte. Wir rangen miteinander, und er bot im Zorne alle seine Kräfte auf, aber da ich gewandter war, gelang es mir endlich, ihn niederzuwerfen, worauf denn der Friede so geschlossen wurde, dass er die Gesellschaft verlassen musste. 'Wir sind Euch', sagte der alte Vater des Mädchens, 'grossen Dank schuldig, junger Mann, dass Ihr Euch als ein Unbekannter meiner Tochter so wacker angenommen habt, und der Raufer wird nun gedemütigt sein, dass er doch endlich seinen Stärkern gefunden hat, da er uns mit seiner Unverschämteit jedes fest und jeden Tanz verstört.'- Ich war ermüdet und man reichte mir Getränk, das Kunigunde, so hiess die Tochter, mir selber freundlich einschenkte. nachher ward ich mit in den Tanz gezogen, und die übrigen Bursche schienen mir ohne Neid das schöne Mädchen zur Gefährtin zu überlassen, weil ich mich durch die Besiegung