mir zuerst die hohe Jungfrauengestalt der vaterländischen Naturschönheit. Dieser blick in die grüne Taleinsamkeit, in die Unendlichkeit der Eichen- und Buchenwälder, diese schöngeschwungenen hohen Hügel, vom tiefen Fenstersitz oben im alten Zimmer rief mir alle Erinnerungen und Rührungen zurück; ich horchte auf die Legende von der Elisabet, und besuchte ihren Brunnen unten am Berge, auch Luters Zimmer, was mich aber nicht so erfreute, weil er mir in keinem poetischen Lichte erscheinen konnte, dort, in der Umgebung der alten Ritterwelt. Zwar war ich ein eifriger Luteraner, und mein Vater, der es noch mehr war, hatte für den Doktor die ungemessenste Hochachtung, aber eine desto grössere Geringschätzung gegen den Teufel, so dass er seinem Patron den nachgiebigen Glauben an diesen nie vergeben konnte, und gern die oft erzählte geschichte mit dem Dintenfasse ganz aus dessen Leben gestrichen hätte. Daher sah ich den schwarzen Fleck an der Wand auch ohne alle Andacht. Aber in Rausch der Entzückung versetzte mich die Höhe des Türinger Waldes mit seinen herrlichen Tannen, die von oben wie unübersehbar sich immer weiter und höher auf dem herrlichen Bergrücken ausbreiten. So kam ich durch Hildburghausen und Coburg, und näherte mich nun dem vielgeliebten Bamberg.
Herz und Brust wurden mir erweitert, als ich die langersehnte Grenze betrat. Die Gläubigen, die zum heiligen grab wallfahrten, müssen eine ähnliche Empfindung haben, wenn sie sich dem geweihten Boden nähern. Es war kurz vor dem Frohnleichnamsfeste, als ich in die katolische Stadt eintrat, die unter ihrem geistlichen Fürsten einen ganz andern Charakter, wie die sie umgebende Welt hatte. Mein gutmeinender Vater hatte mich vor meiner Reise ermahnt, ja nicht bei gelegenheit der Feste in katolischen Städten zu lachen, weil ihm dies, als einem reinverständigen Mann, der seinen Anteil an der damals entstehenden Aufklärung schon frühe genommen hatte, nicht unnatürlich vorkam. Es war aber gut, dass er nicht zugegen sein konnte, denn gewiss hätte er über meine Rührung und Erhebung bei den Prozessionen, der Musik, den Posaunen und den singenden Chören, bei diesen auf den Strassen geschmückten Altären, bei der betenden Volksmenge, welches alles mich bis zu Tränen begeisterte, seinen Zorn gegen diesen Götzendienst, wie er dergleichen nannte, und noch mehr gegen mich ausgelassen. Ich nahm Arbeit in dieser Stadt, und blieb lange dort, denn die Menschen, die Gegend, die alte Ruine, der Dom, die Spaziergänge umher, alles gefiel mir so sehr, umgab mich mit solcher eignen Rührung und Anmut, dass ich manchmal wünschte, mein Leben dort zu beschliessen."
"Wie dir Bamberg", sagte Elsheim, "so ist mir Heidelberg eine der liebsten Erinnerungen meiner Reisen. Es gibt Gegenden, bei denen uns ist, als hätten sie schon seit Jahren mit rechter sehnsüchtiger Liebe auf uns gewartet, oder als sei seit lange unser Geist schon dort einheimisch gewesen, so bekannt, so lieb ist uns alles; dieser schöne Ort mit seiner herrlichen Ruine, Baden-Baden und die Neckartäler, vorzüglich die Gegend um Hornberg sind nächst den Rheinufern das Lieblichste, was ich in Deutschland kenne, denn auch das warme Klima gehört dazu, um eine Gegend wahrhaft schön zu machen."
"Ja wohl die Neckartäler", sagte Leonhard, "denen ich meines geliebten Götz wegen nachreisete, wohl sind sie so poetisch wechselnd, so schön geschwungen, so lieblich von dem herrlichen Strome durchfrischt, dass man dort so recht von süssen Empfindungen und Erinnerungen eingewiegt und eingesungen wird. Erinnerst du dich gleich hinter Heidelberg der schönen Täler bei Neckarelz mit ihren kleinen Wasserfällen und rinnenden Bächen; des sonderbaren Dilsberg; am Neckar hinunter kommt man dann nach Hirschhorn, einem sehr alten schloss, und Eheheim, dann nach Hornberg, wo der alte treuherzige Götz eigentlich lebte, und in dessen Ruine, die noch leidlich erhalten ist, ich mich einige Tage aufhielt man hätte damals mit wenigem Geld das alte Haus gegen Wind und Wetter bedecken können. Hier herum sind herrliche Wälder, auf der einen Seite nach dem Flusse die Weinberge; von da ging ich nach Heilbronn, wo ich den Saal des Ratauses anders fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte; ich sah und las dort einige Briefe des Ritters, die er dem Rat mit seiner linken Hand geschrieben hat, und die freilich anders lauten, als unser Dichter ihn mit diesen Herren sprechen lässt. Von hier ging ich über Mergenteim, und suchte an den zerrissenen kiesigen Ufern der Jagst das unten beschränkt liegende Jagstausen auf, wohin Goete die vorzüglichsten Szenen seines Gedichtes verlegt hat, obgleich der Ritter nur in seiner frühen Jugend dort lebte. Hier sah ich seine eiserne Hand, die in einem neuen haus seine Nachkommen aufbewahren. Das Kloster Schöntal hat eine frische grüne Einsamkeit um sich her, und im Kreuzgange steht auf dem grab des Ritters sein ungeschickt ausgehauenes Bildnis, nach welchem, wenn es irgend treu ist, sein Gesicht ein ziemlich unbedeutendes muss gewesen sein."
"So sonderbar oder rührend, schaurig oder sehnsüchtig", sagte der Baron, "uns die Eindrücke der Landschaften auch bleiben mögen, und so individuell, wie du vorher sagtest, wie wirkliche Menschen, so sind die Gegenden doch wohl mit dem schönsten Glanz umgossen, sehen am meisten mit winkenden Blicken nach uns zurück, wo ein kleines Abenteuer, eine Szene der Zärtlichkeit, eine anmutige Bekanntschaft, oder ein freundlicher Kuss uns begegnet sind. Hast du diese Bemerkung nicht auch gemacht?"
Leonhard wurde rot und wollte antworten; aber sein