aber es kam nicht zur Ausführung der Tollheiten, die jedoch die grössten Plane sind, zu denen ich mich verstiegen habe."
"Ich kann von mir nichts anführen", sprach Leonhard, "als dass ich in meiner Jugend, ohne bestimmtes Talent dazu, einmal Schauspieler werden wollte."
"Das ist mehr eine Kinderei gewesen", sagte der Baron. "So sitzen also," fuhr er mit ernster stimme und bedenklicher Miene fort, in diesem kleinen Wagen zwei der vernünftigsten Männer des deutschen Reichs, welche, ungeachtet sie noch jung sind, doch dem ehrbaren Wandel tugendhafter Altvordern nachgeahmt und nachgeschritten; nur hält man es für möglich, dass gerade jetzt das Schicksal mit einem Blicke herunterschaut, welchem Kenner eine gewisse Ironie zuschreiben wollen, und daraus schliessen möchten, aber vielleicht voreilig, dass sie jetzt auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen sind, die jeder gute Muselman wenigstens einmal getan haben muss, um sich auch mit der grünen Binde schmücken zu dürfen, und wie andere von wunderbaren Dingen erzählen zu können. Ja, wenn uns nun gar jener Tollheits-Geist erschiene, um uns mit dem verfluchten Versprechen anzuschnauzen: "Bei Philippi wirst du mich wiedersehn!" möchten wir ihm so kaltblütig wie Brutus antworten: "Nun, so werde ich dich wiedersehn!"
"Wahrlich, Freund", rief Leonhard, "dein ängstlich gesuchter Scherz könnte mich ängstlich machen, dass uns so was bevorstehen möchte, wenn ich nicht an meinen guten Dämon glaubte."
"Wie, wenn derselbe nun", fuhr Elsheim fort, "nur auf ein Stündchen etwa zu den Ätiopen, den frömmsten der Menschen, wanderte, um sich auch einmal einen guten Tag zu machen? Doch, ernstaft gesprochen, findest du es denn nicht auch, der alles Alte verteidiget, von unsern Vorfahren gut und recht getan, dass sie beizeiten zugriffen, um nicht das erste Feuer verrauchen zu lassen, und in früher Jugend ihre tollen, oder dummen, oder Narrenstreiche abzumachen? Wozu auch, vernünftig gesprochen, das Zaudern, das Hin- und Hertreten, das unnütze Händereiben und zweifelnde Umschauen? Da gilt's kein Bartwischen; opfre dein schwaches Selbst, so ruft die Pflicht, dem hohen Beruf, lass fahren die falsche Scham, zu früh weise sein zu wollen, stirb wie Codrus für dein Vaterland, und komm, bist du in den Strom gesprungen, der dich mit seinen Wirbeln einzieht, besser, richtiger und verständiger jenseit wieder zum Vorschein! Das heisst doch noch Haushaltung und Sparsamkeit, statt dass wir jetzt die Sache auf den Kopf stellen."
"Wenn es sein müsste", sagte Leonhard, "so lass unser Bestreben sein, uns auch darin mit Anstand zu fügen; ich glaube aber für mich an keine Gefahr, doch scheint mir unter deiner Warnung davor eine Lust darnach verborgen zu liegen."
"Nein, mein Lieber", rief der scherzende Freund, "ich käme ebensogern wie jedes Mädchen mit Ehren unter die Haube, um dann mit Seelenruhe unter den Pantoffel zu kommen; aber in der gestrigen Nacht schien mir eine so seltsame Konstellation am Himmel, dass ich wenigstens auf alles gefasst bin. Doch schau umher, wie wunderbar diese Bäume und Felsen unser Geschwätz anhören, wie lächelnd die fernen Berge herüberschauen, und wie heilig der Glanz der Landschaft uns dräut, dass wir dem Tempel nicht mit würdigern Gedanken huldigen. O verzeiht uns, meine Freunde, ihr habt freilich den Terenz nicht gelesen, und könnt daher auch nicht sprechen: Homo sum, humani nil a me alienum esse puto, eine Stelle, die mancher Affe oder Hund seitdem sehr gemissbraucht und abgenutzt hat."
"Wie kömmst du nur zu dieser seltsamen ausgelassenen Laune?" fragte Leonhard.
"Vielleicht", rief der Freund, "weil wir uns schon mehr und mehr den Weinländern nähern, und weil durch dieses Schütteln und Rütteln auf den Steinen dieses holprigen Weges mir so manche Erinnerung, manche Empfindung losgemacht wird, die ich ganz vergessen hatte, weil sie schon so fest eingewachsen war, und die nun wieder in mein Gedächtnis und meinen Wörtervorrat hineinfällt. Ausserdem habe ich heute morgen des guten Weines etwas viel genossen, der jetzt erst nachwirkt. Doch auch dieser Moment geht vorüber, in dem mir wohl war, und ich sehe schon immer deutlicher und wie im Zusammenhange eines Gemäldes die herrliche Landschaft vor mir. Du musst damals so ziemlich diesen nämlichen Weg gemacht haben, als du das erstemal Franken besuchtest; in jener Zeit, nachdem du so kürzlich erst über die Schwelle des Jünglings geschritten warest, hätte ich wohl mit dir sein mögen, da du vorher noch gar keine Gebirge kanntest, um deine Entzückungen mit dir zu teilen."
"Die erste Reise", erwiderte Leonhard, "hat viele Ähnlichkeit mit der ersten Liebe, und um im Bilde zu bleiben, so geschah in den gesegneten Fluren Frankens das Geständnis zwischen mir und der natur. Man reiset auch nachher wieder, man ist wieder entzückt, man sieht und lernt, und kann wahrhaft glücklich sein, aber jener erste Jugendzauber ist doch auf immer entflogen. Ich hatte manches über Deutschland und seine schönen Gegenden vorher gelesen, vorzüglich hatte ich mich mit den alten Bergschlössern und ihren Schicksalen bekannt gemacht, aber am gewaltigsten trieb mich, wie du es weisst, der Götz von Berlichingen, um sein Bamberg, ja töricht genug, Weislingens Schloss und Götzens Heimat aufzusuchen. Bei Eisenach auf der Wartburg erschien