im Menschen; meine Stunde hat noch nicht geschlagen, die rechte Mittagssonne hat mich noch nicht getroffen, soll es sein, so wird sie mich schon auch zu rechter Zeit finden."
"Wir sollen aber immer ernstaft wollen", sagte Leonhard: "dasein, in uns, gesammelt, damit uns diese Sonne treffen und durchwürzen könne."
"Liebster, Bester", rief Elsheim halb scherzend, halb im Eifer: "nur verlange ums himmels willen nicht von mir diese steifen, rechtwinkligen und aufgezimmerten Zurüstungen zur Bildung, mit denen sich so viele unserer gutmeinenden Landsleute abquälen, und munter wie die Eichhörnchen in dem Sparrwesen auf und nieder klettern. Oder sie holen, wie die Kanarienvögel, an der Kette selbst ihren Glasbecher mit wasser und Hanfsamen abgerichtet herauf, oder pikken wechselnd religiöse Stimmung und Geschichtsansicht heraus, und saufen dazu ein Schlückchen Poesie und Mystik, und recken den Hals in die Höhe, um es hinterzubringen, wetzen dann scharrend den Schnabel am Draht, um in Scharfsinn und Kritik nicht zurückzubleiben, und knuspern an Festtagen mit besonderm Bewusstsein am Zucker der Liebe. Das Schauspiel ist aber nur für den, der es ansieht, auf einige Minuten spasshaft, nicht für den gelangweilten Vogel selbst. Nein, Lieber, dieser Schnupfen der Zeit, der nichts tut, als sich im wohlriechenden Tuch der Bildung mit Zierlichkeit schneuzen und selbst das Unsichtbarste, Fernste und Glücklichste, das dem Sterblichen nur in blitzenden Momenten der Entzückung wie eine sondre Gabe der Göttin gegönnt ist, als Nektar, den sie im Obermut herunterschütten, und wovon man wohl einmal, indem man fast dumm in den blauen Frühlingshimmel schaut, ein Mäulchen aufschnappt, diese Dumpfheit, wie gesagt, dass sie auch diese Lebensmomente im Eisenkäfig ihres Bewusstseins auffangen und festalten wollen, dieses missverstandene Wesen wolle mir nicht ankurieren, wenn ich dich nicht für einen Wunderdoktor halten soll."
"Wer spricht davon", sagte Leonhard lachend, "nur-"
"Ich verstehe dich", rief der andere aus, "und freilich- bei alledem – indes – denn wenn – und so weiter, mein Freund, die wahren Minister-Vertröstungen der Altklugheit, wenn sie nichts geben mag und sich abzuschlagen scheut, um nicht an Ansehen einzubüssen. Bist du imstande, ein Butterbrot zu essen, und in jedem Augenblicke zu wissen, jetzt schmeck ich die Butter, jetzt wieder das Brot, so will ich dir vollkommen recht geben. Und nun gar Braten hinaufgelegt! Bester, wie kompliziert, verwickelt, geheimnisvoll ist dann das Wesen, und keiner Auseinandersetzung fähig. Käue! schluck! rufe ich nur, und es wird dir bekommen; beim Grübeln möchte es gar in die unrechte Kehle fallen, und ein erschreckliches moralisches Husten veranlassen." – Sie lachten, und damit war das Gespräch geendigt.
Nach einer Pause fing Elsheim wieder an: "Du siehst also, dass ich in Hoffnung stehe, bald Früchte zu tragen, oder ein solider Mann zu werden, welches eben deshalb sehr wahrscheinlich ist, weil ich bisher meinem Leichtsinn etwas zu viel nachgegeben habe; aber wie ist es denn mit dir, mein Bester, der du schon seit so vielen Jahren in dem Wagen des Ernstes und gründlicher Bürgerlichkeit ziehst? Wirst Du denn nicht vielleicht zur Abwechselung einmal ausspannen, und ohne Zügel und Zaum nackt ins Feld laufen, um vorn und hinten auszuschlagen? Es ist dieselbe Wahrscheinlichkeit wie bei mir, da dies Umändern die natürlichste Sache von der Welt ist. Überhaupt, du Gründlicher, hast du noch nie in deinem Leben einen recht eigentlich dummen Streich gemacht?"
"Was wollen wir so nennen?" fragte Leonhard.
"Die Definition ist schwierig", sagte der Baron, "jeder Stand, jedes Alter, jeder Mensch denkt sich etwas anders dabei. Der vornehme, wenn jemand eine Mesalliance schliesst, der Bürgerliche, wenn einer sich ohne grosses Vermögen adeln lässt, der Geistliche, wenn ein Kandidat früher Vater als Pfarrer und Ehemann wird, und der Bauer, wenn ein Sohn ungezwungen unter die Soldaten geht. Den einzelnen Menschen charakterisiert es sehr, was er damit bezeichnen will, er sucht gegenüber die verständigen Streiche auszuführen, wie der Wucherer, der jemand ohne Zinsen Geld leihen einen ausgemacht dummen Streich nennt. gehen wir also lieber zu den tollen Streichen über, zu den recht bizarren, wunderlichen, auffallenden, und frage dein Gewissen; denn das Wort 'dumm' ist wirklich ein dummes Wort, und man wird dumm, wenn man sich etwas dabei denken will."
"Ich kann mich nichts entsinnen", sagte Leonhard, "sosehr ich auch suche; der Gedanke kommt mir wirklich heute zum ersten Male, dass man in eine solche Gefahr geraten könne; wie sehr ich alles, auch das Seltsamtste, an Fremden begreiflich und verzeihlich fand, so wäre mir alles der Art an mir unbegreiflich und unverzeihlich vorgekommen."
"So bist du hierin wieder viel besser als ich, denn ich habe lange an mir mit diesem tollen Egoismus kämpfen müssen, dass ich vieles Auffallende und Unregelmässige an Fremden unverzeihlich fand, und mir selbst die widersinnigsten Dinge in Gedanken für erlaubt und sogar edel hielt, weil ich mir so viel besser als die andern vorkam. So wollte ich einmal für einen Bekannten einem schlechten Mann seine Frau entführen; ein andermal wollte ich mich sogar mit der Tochter eines stolzen adligen Hauses verheiraten, um mich gleich wieder scheiden zu lassen und sie einem verliebten Freunde abtreten zu können;