Handwerk treiben wollen und können, diese sind es, die den freien Adel dieser edlen Ausübung immer noch hindern."
"Sie lieben die Kunst sehr, wie es scheint", sagte der Baron. – "Ich bete sie an", rief der Fremde, "sie ist das Leben selbst, und alles übrige ist nur Schein, Flachheit, trüber Nebel. Darum eben habe ich mich mit jenem elenden Direktor entzweit, der ausserdem, dass er fast nie richtig bezahlte, mir auch meine Rollen schmälerte, und dieselben Darstellungen von Stümpern verhunzen liess, in denen ich den allgemeinsten Beifall einzuernten gewohnt war. – Herr Wirt, der Wein ist aber sauer!"
"So?" sagte dieser, der durch die stube ging, ohne sich umzusehen, und seine Mütze schon wieder hoch auf dem kopf trug.
"Ja", fuhr der Künstler fort, "ich zeige ihm nun schon seit geraumer Zeit, dass ich auch ohne ihn leben kann, und, meine gnädige Herren, ich bitte um die Vergünstigung und die Ehre, dass ich denenselben eine kleine probe meiner Kunst und meines wahren Talents zeigen darf; ich würde untröstlich sein, wenn so ausgezeichnete Männer, von diesen Kenntnissen und der hohen Bildung, diese meine dargebotene Huldigung verweigern würden, da es doch bekannt ist, wie sehr dieselben die Künste lieben, und selbst von den Musen begünstigt sind."
Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er eiligst einige Tische und Stühle beiseit, rannte in des Wirts Schlafkammer, brachte ohne Umstände etwas in seinen Armen Verdecktes heraus, welches er auf den Tisch stellte und mit einem weissen Kleide verhüllte. Mit untergeschlagenen Armen folgte ihm die Wirtin in höchster Verwunderung, um zu sehen, was aus diesen sonderbaren Anstalten sich ergeben solle. Er setzte eilig sich gegenüber den beiden Reisenden, wie dem Wirt und dessen Frau, Stühle hin räusperte sich, machte eine Verbeugung und fing an: "Hochzuverehrende! ich werde jetzt die Kunstdarstellung wagen, das berühmte Stück unsers Dichters, 'Menschenhass und Reue', mit geringen Änderungen und den notwendigsten Abkürzungen ganz allein darzustellen, und ich bin überzeugt, dass die wirkung dieselbe ergreifende, tieferschütternde sein wird, wie sie nur immer das versammelte Personale der vorzüglichsten Bühne hervorbringen kann." Er fing hierauf an zu gestikulieren, und die hauptsächlichsten Rollen mit grossem Eifer herzusagen, indem er alles, soviel es sich tun liess, in Monologe verwandelte. Wo dies unmöglich war, liess er die stimme grell wechseln, und sprang behende von einer zur andern Seite; als aber Eulalia auftreten sollte, riss er schnell die Verhüllung weg, und es zeigte sich der Haubenkopf der Wirtin mit schwarzen Augen und dunkelroten Wangen, mit einer Mütze der Eigentümerin geschmückt. An diese Repräsentantin wandt er als Bittermann und Major seine Reden, und antwortete in ihrem Namen, und sooft sie abgehen sollte, warf er das Gewand wieder über. So näherte er sich der patetischen Erkennung, und die rührende letzte Versöhnung schloss damit, dass er wirklich weinend und schluchzend den Haubenkopf in die arme nahm, laut rief: "Ich vergebe dir!" und ihn dann wieder an seine Stelle in das Schlafzimmer trug.
Den beiden Reisenden hatte der Scherz schon zu lange gewährt; der Wirt schüttelte bei jeder Szene den Kopf, und war immer nur über diese Anstalten und die Unermüdlichkeit des Künstlers verwundert; die Wirtin aber war heftig bewegt und weinte laut. Der erhitzte Deklamator kam zurück, und da er die Rührung der Frau sah, nahm er ihre Hand und küsste sie zärtlich. "Dies ist der schönste Lohn des Künstlers", sagte er, selber gerührt. "Ja", schluchzte die korpulente Frau, "es ist wirklich gar zu trübselig, dass ein Mann, der so reputierlich einhergeht, sich so sauer sein bisschen Brot verdienen muss." "Darüber", fragte der Schauspieler empfindlich, "haben Sie geweint?" "Worüber denn sonst?" antwortete sie: "sehen Sie nur selbst, wie heiss Sie geworden sind." Der Künstler wandte sich unwillig von ihr, und sagte zu Leonhard gewandt: "Auf diese Art kann ich die berühmtesten Meisterwerke der deutschen Bühne darstellen, ohne alle andere Beihülfe, besonders bequem lassen sich die Räuber so spielen, vorzüglich nach der ersten Ausgabe, in welcher die Brüder nicht zusammenkommen; auch Macbet und die Braut von Messina; die Iphigenia macht etwas mehr Schwierigkeit."
"Es ist ein erfreulicher Anblick", sagte der Baron, "wie unser deutsches Teater sich immer mehr in seine wahren und ursprüglichen Bestandteile auflöst; ehemals hatte wir nur Melo- und Monodramen, aber jetzt sehen wir so häufig ein epigrammatisches Stück von zwei oder drittehalb Personen mit leichtem Witz über Eitelkeit, Eifersucht, Schwachheit der Männer und Weiber (der Fall Adams, kann man wetten, kommt in jedem vor), und es lässt sich darnach an, dass wir auch derlei schönbeschränkte epigrammatische eng zusammengezogene Tragödien erhalten werden, wozu wenigstens schon ein löblicher Anfang gemacht ist, in welchem ein Messer, ein Nagel, oder eine Uhr eine grosse Rolle spielen müssen. Noch erfreulicher aber ist es dass selbst grosse Meister oft auf dem Teater oder in Musiksälen die sogenannten Deklamatorien geben und was sonst nur Schüler zur Übung in schulen taten, eine Fabel oder ein erzählendes Gedicht hersagen oder ablesen. Wird Musik dazwischen gemacht, etwa gar eine Symphonie, so ist der Genuss einzig, und das sonderbar Widersprechende des scheinbar Läppischen ist es gerade