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mir aus, dass Sie bei mir einsprechen, und der Teufel soll mich holen, wenn ich Sie nicht von aller Liebe und Melancholie kuriere." – Da Elsheim sah, dass der verstimmte Leonhard im Begriff sei, loszubrechen, hielt er es für Zeit, den Spass zu endigen, indem er dem Schreier die Hand gab und sagte: "Ich hoffe, mein lebensfroher Herr Wassermann, dass wir uns in diesem Leben nicht zum letzten Male gesehen haben." Er berichtigte schnell die Rechnung, und stieg mit Leonhard wieder in den Wagen, da der junge Fuhrmann sie schon eine Weile erwartet hatte.

"Ich kenne dich nicht wieder", fing der Baron an, als sie die Stadt hinter sich hatten, "diese kränkliche Verwundbarkeit habe ich noch niemals an dir bemerkt. Wie hat dich ein solcher Narr nur verletzen können?"

"Mein Freund", antwortete Leonhard, "diese heftige Verstimmung mag seltsam und unnatürlich scheinen, aber dieses Wesen hat mich von neuem darin bestätigt, das zu glauben und dem zu folgen, was man sonst Sympatie und Antipatie genannt hat. Sowie dieser Mensch nur zur Tür hereintrat, fühlte ich einen gewissen Hass in meinem Busen sich regen, den ich nicht bemeistern konnte. Zuletzt überwältigte mich der Gedanke, wie vielleicht ein armes, hülfloses Mädchen, von Eltern und Verwandten bestürmt, um sich nur vor den nächsten Blutsfreunden (ja wohl, die nach ihrem Blute lüstern sind) Ruhe zu schaffen, sich einem solchen Wüterich aufopfert, um eine lange qualvolle Lebenszeit hindurch zu bereuen, dass sie in einer Viertelstunde schwach genug war, ihre Einwilligung zu geben."

"Die Braut", sagte Elsheim, "soll aber über die erste Jugend hinüber sein, so dass dies nicht zu besorgen steht."

"Immer schwebt mir doch", fuhr Leonhard fort, "das grässliche Bild solcher Ehe vor Augen, was von den meisten Menschen auf Erden so genannt wird. Jenes fürchterliche Verhältnis ohne Liebe und achtung, und aus welchem auch die letzte Spur von Heiligkeit verschwunden ist, gegen welches mir jenes der Orientalen mit ihren Sklavinnen als ehrwürdig und unschuldig erscheint. Ist es schon traurig genug, dass Liebe und gegenseitige leidenschaft nicht immer zum Glücke führen, so ist es gegenüber wahrhaft fürchterlich, dass Staat und Religion ein gegenseitiges Ermorden sanktionieren können."

"Wenn ich dir auch recht gebe, wie ich muss", sagte Elsheim, "so wirst du mir, trotz deines Eifers, nicht angeben können, wie es denn sein müsste, um besser zu werden, wenn wir nicht geradezu die treffliche goldne Zeit, oder das belobte tausendjährige Reich herbeirufen wollen. Gewinnt dir denn aber dieser neue liebe Anakreon und seine Lebensphilosophie kein lachen ab?"

"Ich vermag es nicht", sagte der junge Meister völlig verstimmt, "denn ich fürchte, dass das, was uns hier als Karikatur erschienen ist, nur das wahre Bild eines grossen Teils der Welt sei. Mir war es, als würde dieser Abgesandte ihrer Trübsal, Nichtigkeit und Niedrigkeit umhergeschickt, um recht zu verkündigen, wie verderbt und armselig sie sei, und statt zu lachen, wären mir in diesem grässlichen Getümmel und den springenden Larven und Gespenstern die Tränen fast aus den Augen gebrochen."

"O so bist du ja unheilbar", sagte der Baron nicht ohne lachen, "ich sehe, dass du Anlage zur Hypochondrie hast; immer hat es solche missverstandene Phrasen in lebendiger Figur gegeben, und die Erde wäre ohne diese grellen Toren viel ärmer und dunkler. Ich hoffe also, du nimmst seine freundliche Einladung an, ihn zu besuchen, damit er dich von deiner Melancholie heile." Er wandte sich zu seinem jungen Kutscher und sagte: "Ihr habt recht gehabt, mit der Wirtin im haus, sie ist eins der liebenswürdigsten Weiber, die ich noch gesehen habe."

"Sagt ich's nicht vorher", rief der junge Mensch erfreut aus: "Ihr Gnaden glauben nicht, was das für eine grosse Kunst ist, mit so vielen Menschen tagtäglich umzugehen und es allen recht zu machen. Alle Kärrner und Fuhrleute aus dem Reich kennen sie auch, und machen lieber eine Meile mehr, um nur in diesem haus auszuspannen, und diese Art Leute, die täglich und immer mit vielen Pferden kommen und selber viel verzehren, sind für einen Gastof die einträglichsten. Wenige Menschen wissen auch mit ihnen recht umzugehen, der eine will lachen, der andere schwatzen, der dritte klagt gerne, noch ein anderer ist nur froh im Zank und wenn man ihm grob begegnet, und mit allen trifft sie es genau, verabsäumt keinen und zieht keinen vor, ist allentalben wie durch ein Wunderwerk, schiesst zugleich durch Küche, Keller und Boden umher wie ein Drache; mit einem Wort, sie ist ein Engel von Frau, und ohne sie würde der gute dicke Melchior verhungern müssen."

Die Freunde sassen eine Zeitlang stumm nebeneinander, denn Leonhard war verstimmt, und Elsheim wusste nicht recht, wie er den Faden der Unterhaltung anknüpfen, oder welchen Gegenstand er berühren solle, um die Misslaune seines gefährten nicht zu vermehren. Endlich sagte er: "Du hast dich nun, mein lieber Jugendfreund, und hoffentlich auch Freund meines Alters, meinen Bitten und meiner Liebe gefügt, dass du mich nie anders als mit dem vertraulichen Du anredest; ich hoffe, dass du es auch nie, und in keiner Gesellschaft unterlässest, und du würdest mich empfindlich kränken