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ein wunderlicher Kauz bist und bleibst. Aber darum lieb ich dich nur um so mehr, dass du nicht bist wie alle Menschen. In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln, mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit. So hatte mein Oheim sein Haus fertig gebaut, und das Hintergebäude war beinah auch schon vollendet. Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrössten Respekt, die Bauanstalt kam uns sehr ehrwürdig vor, alles, was wir sahen, sprach davon, wie von etwas höchst Wichtigem, und alle die Maurer, Tischler, Zimmerleute und Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern, Tünchen und Hämmern das Erhabenste, was man in dieser Welt erleben könne. Einen Feierabend spielten wir zwischen den Spänen im Nebengebäude, wir entdeckten da tausend kindische Schätze, und indem ich durch eine Tür krieche, die mit Gerüsten verbaut war, um aus einem anderen Zimmer Klötzchen, Stücke Blech und Hobelspäne in meiner Schürze zu sammeln, überfiel mich in der dämmernden Einsamkeit, unter den stummen Geräten und Gestellen die sonderbarste Angst, eine Furcht vor etwas Unbekanntem, und dabei ein fast lächerliches Gefühl, als wenn der reiche Oheim und sein Bau, und alle seine arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes, Läppisches und Unnützes seien, so dass ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen zurückarbeitete, und mir den ganzen Abend, auch bei den Lichtern, war, als könne ich die vorige Welt nicht wiederfinden. Eine alte Magd, der ich beim Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte, meinte, ich würde wohl den Baugeist gesehen oder gehört haben. Der Abend ist mir nachher noch oft eingefallen, und freilich muss ich manchmal lachen, wenn ich den übertriebenen Ernst so vieler Menschen sehe und ihre ängstliche Geschäftigkeit, und dass alles doch wieder vergeht, und wenn man über dies dunkle Wesen ängstlich werden möchte, so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist, und bin beruhigt. Es ist doch immer so lustig und schön, wenn die Menschen brav arbeiten."

"Lass uns sehen, was Franz macht", antwortete Leonhard, und sie gingen beide in ein anderes Zimmer, wo der Knabe neben seinem Lehrer sass und eifrig die Landkarte betrachtete. Deutschland war aufgeschlagen, und der alte Magister suchte ihm die Einteilung der Kreise, den Lauf der Flüsse und den Zusammenhang der Gebirge deutlich zu machen. "Recht in der Mitte Germaniae", sagte er eben, "liegt allhier das alte Noricum, oder Nürnberg, welches darum billigerweise die Hauptstadt des deutschen Reichskörpers sein sollte." Leonhard beugte sich über den Knaben und sah mit in die Karte. "Ein herrliches Land ist Franken", fing er an; "und vor allen das Bambergische und die Ufer des Mains." – "Sind wohl dorten gewesen?" fragte der Magister. – "Lange Zeit", antwortete der Meister, "und wunderbar war alles dort nebeneinander, so verschieden und doch so schön vereinigt. Nürnberg in der Mitte, als der Sitz der Kunst und des Gewerbfleisses, eine alte ehrwürdige Stadt mit ihren Denkmälern, das lustige Anspach; das schöne Bayreut mit dem nahen finstern Fichtelgebirge, das sandige Erlangen, und nicht fern davon die herrlichen Täler von Streitberg und Muggendorf mit ihren Ruinen und Naturwundern; seitwärts das warme, helle, liebliche Bamberg, mit der unendlich schönen Aussicht von seinem zerstörten schloss, mit seinem ehrwürdigen Dom; dann die schönen Wälder bei Ebrach, und bald dahinter das Weinland Würzburg, und die schönen Wildnisse des Spessart; nicht fern das reizende Bischoffsheim, hinten Mergenteim, Heilbronn, und die Schlösser an der Jaxt, der Tauber und dem Neckar, die Pfalz hinunter."

"Wo wir aber schon die Grenze Franconiae überschritten haben!" sagte der Magister. – "Gewiss", antwortete Leonhard, "nur rissen mich die Jugenderinnerungen hin." Er seufzte, und verfolgte auf der Landkarte den Lauf der Ströme. "Herr Leonhard", fuhr der Magister fort, "könnten selber den Sohn in Geographia unterrichten, da Sie alles, oder das meiste gesehen haben, es würde ihm zweifelsohne deutlicher werden, da die eigene Anschauung sich leichter mitteilt; freilich müsste ich wohl, wenn er erwachsener ist, wieder in das Mittel treten, um ihm die ältere Länder-Einteilung und was Austrasia und Neustria gewesen, historisch zu erklären."

Man wollte sich zum Abendessen in das grössere Zimmer begeben, als der Altgeselle des Gewerkes mit seinem Spruch hereintrat und ankündigte, dass zwei Fremde eingewandert wären, die Leonhard, nachdem er auf die herkömmliche Weise geantwortet hatte, annahm, weil sich sein Gewerbe mit jeder Woche vergrösserte. Die Fremden sollten am folgenden Tage einziehen und der Meister, seine Frau und der Magister nebst Franz gingen in die andere stube, die schon erleuchtet war, und wo vier Gesellen und drei Lehrburschen ihrer warteten. Leonhard setzte sich, zu seiner Linken der Magister und neben diesen die Frau, welcher der Knabe folgte, an einen runden Tisch; neben dem Knaben standen die Bursche, und rechts vom Meister sassen die Gesellen in der Ordnung, in der sie früher oder später in sein Haus gekommen waren. Ein kurzes Tischgebet wurde gesprochen, und die Mahlzeit unter fröhlichen Reden vollendet. Die Gesellen erzählten von dem einen Fremden, welchen sie schon kannten, und mit dem der älteste in Augsburg gearbeitet hatte; man rühmte ihn als geschickt, tadelte aber sein unordentliches Wesen und seine Liebe zum Trunk, wodurch er zu nichts kommen könne