sieht deiner Heiterkeit und Gesundheit wenig ähnlich", sagte der Freund, "du musst dich hierüber deutlicher erklären."
"Noch in meiner Kindheit", antwortete jener, "in früheren zeiten aber weit mehr, stand der Tischler zwischen dem Künstler und Handwerker, und dies bestimmte mich hauptsächlich, mich diesem Berufe zu widmen. Schon früh dachte ich darüber nach wie edel im Menschen der Trieb sei, alles, was sein Bedürfnis fordert, neben dem Notwendigen noch mit einer gewissen Zugabe von Schönheit zu umhängen, so dass der Reichere und Gebildetere keinen Hausrat haben mochte, der nicht durch hinzugefügten Zierat in etwas Höheres verwandelt war. Dieser Schönheits- und Kunsttrieb ist es, den wir allentalben mit Rührung und Liebe wahrnehmen, der die Welt zu jenem angenehmen Rätsel macht, welches so viele nicht zu begreifen scheinen. Denn wenn die höhere Kunst frei wie im reinsten Äter schweben darf, sich selber genug, und nur durch Schönheit und Entzückung in die edelsten und geheimsten Kräfte des Menschen eingreift, und dadurch mittelbar in das, was die Welt lenken und erheben soll so gibt es gleichsam von dieser eine verstossene, geringgeachtete Schwester, die sich unmittelbar der Not, der Trauer des Lebens annimmt, und uns mit stiller Heiterkeit über alles trösten will, was uns betrübt oder beschwert. Diese immer mehr verschwindende Lust ist es, die unsern Vorfahren so unentbehrlich war, die sich in ihren ländlichen Festen oft als Kinderei und Torheit äusserte, über welche unsere neuere Vernunft lächelt, und sie auch gänzlich abzustellen sucht; dieser Trieb ist es, der in vielen Gegenden den Pflug mit Bildwerk ausschnitzt, in Franken das Stirnjoch der Rinder mit bunten Farben bemalt, der den Schäfer antreibt, seinen hölzernen Becher und Stock mit Laubwerk zu verzieren, der zu gewissen zeiten des Jahrs die Stuben mit Maien- oder Tannenreisern schmückt; dieser unschuldige liebenswürdige Trieb ist es, der mir immer so recht rein menschlich im Gegensatz des Philosophen, des Herrschers, des Reichen, oder jener affektierten Kunstmenschen erschien, die ihren nachgemachten Entusiasmus nur von Hörensagen haben, und diesen Bildungstrieb nie anerkennen und verstehen wollen, der sich doch als Erdboden, wasser und Luft der eigentlichen Kunst unterlegen muss, damit ihr Keimen und Wachstum möglich sei."
"Du wendest diesen Gedanken", sagte Elsheim, "der mir nicht fremd ist, auf eine neue Art."
"So schien es mir", fuhr Leonhard fort, "dass alles Leere verkleidet, alles, was das blosse Bedürfnis ausdrückt, verwandelt, und die blosse notwendigkeit daran so verschwiegen werden müsse, als sei sie bloss des Zierates wegen da. Aus den Beobachtungen im Leben setzte ich mir auch früh eine Art von Teorie zusammen, die diese Vorliebe erklären und rechtfertigen sollte. Die gerade Linie, weil sie immer den kürzesten Weg geht, weil sie so scharf und bestimmt ist, schien mir das Bedürfnis, die erste prosaische Grundbasis des Lebens auszudrücken; die krumme, die als Zirkel, Ellipse, im Bogenausschnitt und in unendlichen Schwingungen sich bewegen kann, war mir die Unerschöpflichkeit des Spieles, der Zier, der sanften Liebe, die sich um den strengen, mürrischen und melancholischen Gatten in allen erdenklichen Umarmungen windet und ihn tröstend und liebkosend umschliesst."
"Fahre fort, mein Freund", sagte Elsheim, "ich bin begierig, wie du endigen wirst."
"Die Baukunst", sagte Leonhard, "deren eigentliches Wesen in diesen geraden Linien und Ecken zu bestehen scheint, gefällt sich doch auch in kühngeschwungenen Bogen und gewölbten Kuppeln: so das Coliseum und Panteon, sowie die ungeheure Peterskirche. Aber die herrliche altdeutsche Baukunst in den Wunderwerken zu Strassburg, Köln und Wien hat am liebevollsten und innigsten diesem Triebe gehuldigt, und das innere Wesen dieser Gebäude ist Lieblichkeit, so dass es nur neuern zeiten möglich war, hier Schauer, trübe Melancholie und Lebensüberdruss aufzufinden."
"Ja wohl", sagte der Freund, "wir können den neuesten Bemühungen edler Deutschen nicht dankbar genug sein, die uns diesen lange missverstandenen lieblichen Traum wieder auf die rechte Art zu deuten suchen. Dergleichen bereichert den Menschen wahrhaft, und so kann auch manche versunken geglaubte Atlantis unsers Gemüts wiederentdeckt werden. Nur scheinst du mir den Tischler aus den Augen zu verlieren."
"Doch nicht so ganz", erwiderte Leonhard, "denn alles trifft hier ebenso zu, nur in kleineren Verhältnissen. Haben wir nicht selbst die Chorstühle in der alten Kirche unserer Geburtsstadt bewundern müssen, die noch von katolischer Zeit her dort stehen? Wie fest, wie bequem, wie schön geschwungen, mit welcher Fülle von Laub, Früchten und Figuren verziert! Wie manches wunderwürdige Treppengeländer habe ich in alten Reichsstädten, auf Ratäusern und bei Vornehmen gesehen: und wie manche Arbeit dieser Art, auch kunstreiche Balustraden in Stein habe ich aus Laune oder augenblicklicher Bequemlichkeit, weil sich die Stangen zu einer armseligen Illumination nicht gleich fügen konnten, wegbrechen und vernichten sehen, ohne dass es nur irgend jemand bedauerte, sondern alle die neue gerade Linie viel schöner und anständiger fanden, so dass ich über diesen Hussitensinn und die bilderstürmende Roheit unserer Tage Tränen hätte vergiessen mögen."
"Dieser jakobinische Zerstörungssinn", sagte der Edelmann, "hat sich freilich unserer Zeit übermässig bemächtigt, und hängt genau mit einer gewissen Aufklärung und unbedingten Verfechtung des Bürgerstandes zusammen. Wir reissen Monumente der Ehre unsers Vaterlandes ein, und bauen mit selbstgefälligem Lächeln Kartenhäuserchen an die Stelle. Der Schwank von jenem Affen, der an des Malers