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Ich setzte mich schweigend, grüsste mit leisem Wort, und da mich der junge Nimrod-ähnliche Mensch lange ansah und fragte, wer ich sei? so sagte sie kaltsinnig und fremd: 'Der Herr ist ein Bekannter meines Bruders, der ihn einmal zu uns gebracht hat. Sie befinden sich doch noch wohl?' wandte sie die Frage an mich. Mir war aber, als wenn ich etliche gordische Knoten im inneren des Halses hätte, die sich mit keinen Worten wollten auflösen lassen. 'Wenn wir also', fuhr das junge Genie fort, 'unsere Kömödie, die Nebenbuhler, noch spielen, liebste Hedwig, wie wir abgeredet haben, so kann der junge Herr hier wohl der Junker Ackerland sein?' – Ich Junker Ackerland! ich als Histrio? als Mimus? Zu meinem Widerwillen gegen den Stiefelmann gesellte sich nun noch die tiefste Verachtung, da ich hörte, dass er sich also entwürdige, in der Larva aufzutreten. Die unbereuende Sünderin bestrebte sich, mich niemals anzusehen, und tat überhaupt, als wenn ich ein fremder Elefant, oder umziehendes Tier wäre. Sie schenkte mir ein und spritzte unversehens einige Tropfen auf die hirschledernen Beine des Gewaltigen. Er lachte, und goss ihr den Rest seines Glases auf das Kleid, indem er sie handfest anpackte und wie ein Satyr lachte. 'Nun habe ich es wettgemacht!' rief er aus, und sie lachte ebenfalls, als wenn sie auf ewig ihr ehemaliges edles Antlitz unter das neue tierische unterschieben und verbergen wollte. Die Eltern kamen nun und begrüssten mich kalt und gleichgültig. Betäubt wie ich war, ging ich mit in die Stadt zurück und setzte mich in ihrer Gesellschaft zu Tische. Die beiden Lacher sassen nebeneinander. Da hörte ich denn, dass er in kurzem, weil er reich sei und beschützt, eine Stelle in einem andern Städtchen erhalten würde; man trank auf seine und der Braut Gesundheit. Ich glaubte, dunkles Blut hinunterzutrinken. Der seelsorgende Greis war wirklich seitdem gestorben, aber ich dachte jetzt nicht daran, um diese Stelle nachzusuchen, die man mir mehrmals schon versprochen hatte. Noch in der Nacht ging ich zurück. Mich dünkt, ich habe hin und wieder auf dem Wege geweint.

O, werte Gesellschaft! es war ein höchst betrübter Tag, an welchem ich die akademische Würde erlangte. Ich disputierte, ich liess mir die Haare scheren, und setzte zum erstenmal eine Perücke auf mein Haupt. Aber die Lust daran war dahin. Ich ging zu meinem Vater und wollte mich ihm adjungieren lassen, aber ich erhielt seine Stelle nach seinem tod nicht, weil man mir sagte, dass ich gegen den Patron immer sehr grob gewesen sei, obgleich ich mich äusserst bestrebt hatte, mich mit der submissesten Ergebenheit zu betragen. Überhaupt war es traurig, dass sich in der Zeit, als ich nun den für mich höchsten Gipfel erstiegen hatte, die Welt schon in die Verwandlung zu begeben anfing, die sie seitdem immer mehr und mehr entstellt hat. Ich hatte schon früher bemerkt, dass manche Magister ohne Perücke gingen, dass die Neologie und Heterodoxie die alte wahre Lehre und die gründlichen Studien zu verdrängen anfingen; ich glaubte, was Rechtschaffenes gelernt zu haben, aber wohin ich kam, hiess es, ich sei mit allen meinen Kenntnissen um funfzig Jahre zurück; nirgend konnte man mich brauchen, nirgend fand sich eine Stelle für mich, allentalben Achselzucken oder höhnische Reden über meine Pedanterie, wie man es nannte, und so fand ich mich endlich darein, nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und gottgefällige Weise nützlich zu sein, und so bin ich auch, nach mancherlei Wanderungen, endlich in diese liebe Stadt und zu meinen verehrtesten Freunden allhier gelangt.

Lange nachher kam ich einmal durch die Stadt, nach welcher sich meine Ungetreue hin verheiratet hatte. Ich ging vor ihrem haus vorbei, und sie schaute aus dem Fenster. Lieber Gott, ich war älter seitdem, aber sie war hässlich geworden. Ich weiss nicht, ob sie mich wiedererkannt hat; da war doch nichts von dem Mutwillen, Lust und Scherzhaftigkeit geblieben. Sie sah mich an und mochte sich in ihrem Sinn verwundern, warum ich also fleissig dort gehe und sie beschaue; es war, als wenn die Not, der Jammer der Welt, der schon seit uralten zeiten die Menschen bedrängt, als wenn alle Trübsal, von der ich gelesen, mich aus ihren Blicken betrachtete; ich bin kein abergläubischer Mann, aber ich floh, denn mir dünkte, mir sei ein Gespenst erschienen. Sie lebte unzufrieden mit ihrem Mann, der sich dem Trunk ergeben hatte, und sie hatten keine Kinder.

Dieses ist jene geschichte, Verehrte, die ich mich nicht habe ermässigen können mit Ihrer Erlaubnis vorzutragen, damit Sie sehen, dass, obwohl ich gleichsam fast versprochen war, und ein Recht hatte, über dieses gebrochene Wort zu trauern, ich dennoch nie verliebt gewesen, und jener leidenschaft glücklich entronnen bin, von der so viele Menschen so viel zu erzählen wissen."

Alle waren gerührt, die junge Frau tief bewegt, und es entstand eine Pause im Gespräch. Endlich nahm der Baron sein Glas und rief: "Alles, was wir geliebt haben, lieben und lieben werden!" Der Magister und Leonhard stiessen heftig an, Friederike zögernd, vielleicht wegen des letzten Zusatzes, und Krummschuh lachte laut, indem er sagte: "Zeit wär es, dass es bei mir einträfe, denn