sich an diesen Einrichtungen, und unterhielt sich bei seiner fröhlichen Sinnesart besser, wie in mancher vornehmen Gesellschaft.
Es war nahe daran, dass der Hannoveraner seinen Abschied nehmen und in seine Vaterstadt zurückkehren wollte, um sich dort als Meister zu setzen; darum behandelte ihn Leonhard schon im voraus mit mehr achtung. "Ich erzählte dir damals, ehe ich abreisete, mein Gottfried", sagte Leonhard, "von jener sonderbaren Erscheinung oben im tirolischen Gebirge, welche – ein Zwerg, oder was es war – durch Wirtschaften mit Tonnen und Fässern einen alten Gesellen, mit welchem ich wanderte, völlig um seinen Verstand brachte."
"Ich weiss, Meister", sagte Gottfried; "Sie sagten noch, Sie wussten sich das Ding nicht zu erklären."
"Seitdem", fuhr Leonhard fort, "habe ich die Erklärung gefunden, und ich will sie dir und Martin, der damals auch zugegen war, mitteilen, damit ihr nicht doch etwa meint, es könne ein Spuk gewesen sein."
Martin sagte: "Unser Magister stritt an dem Tage noch viel mit dem Meister, und behauptete immer, es gäbe keine solche Gewalt in uns, die auch den Menschen solchergestalt beherrsche, dass er nichts dagegen vermöge. 'So?' meinte der Meister, der Alte aber bestand fest auf seinem freien Willen, und dass man alles könne, was man wolle. nachher, als sie ihm die Zwangsjacke anzogen, muss er doch wohl gefühlt haben, dass er im Irrtum war."
"Das war unchristlich, Martin", sagte der Meister, "und war selber rot geworden. – Da Elsheim, der die geschichte nicht kannte, darnach fragte, so trug sie Leonhard noch einmal ganz im Zusammenhange, wie damals, vor, und erzählte nachher den Schluss und die Auflösung (ohne jedoch den frommen Lamprecht zu nennen), wie er sie in Nürnberg erfahren hatte."
Man stand vom Tische auf, und Leonhard ging mit der Frau, die bei dem schönen Wetter jetzt schon ein Stündchen im Freien sein durfte, in den Hof; Elsheim folgte. Hier setzten sie sich unter dem schönen Nussbaum; der Kaffee ward gebracht und eine Flasche guten Frankenweins. Nicht lange, so ward durch Dorotea und Emmrich die heitere Gesellschaft vermehrt.
"Setze dich, Gevatter Elsheim", rief Leonhard in fröhlicher Laune, "du siehst gewiss, dass man auch auf unsere beschränkte Weise ein glückliches Leben führen kann."
"Wer möchte daran zweifeln, lieber, teurer Gevatter?" erwiderte Elsheim. "Wir sind Freunde und Brüder, und in der Hauptsache immer derselben Meinung."
"Warum", fing Friedrike an, "verteidigtest du heute mittag deine Meinung gar nicht, dass im Menschen oft ein Wunsch, eine Narrheit, oder dergleichen sei, die stärker wirken, als dass er dagegen mit Glück und Erfolg arbeiten könne?"
Elsheim nahm das Wort, da Leonhard fast verlegen schien und sagte: "Schöne Frau und angenehme Gevatterin, ich habe seitdem leider nur zu sehr die Erfahrung gemacht und die Überzeugung gewonnen, wie sehr Ihr Mann im Recht ist, wenn er auch jetzt nicht mehr seinen Satz verteidigen und mit Disputieren hindurchführen will. Wir sind schwache Wesen. Vielleicht entdeckt in dieser Schwäche eine edle, uneigennützige Liebe unsere Stärke. Möglich, dass wir uns selbst, unsere Eigentümlichkeiten nur finden können, indem wir sie scheinbar auf eine kurze Zeit verlieren."
"Das mag alles so sein", sagte Friedrike; "für mich aber ist es zu gelehrt. Das Umständliche und Künstliche ist vielleicht nie das Rechte, das Nächste wenigstens gewiss nicht."
"Vieles", sagte Emmrich, "worüber wir jetzt sprechen, und was sich so ganz in das Unbestimmte im Reden verliert, würde vielleicht, in einer Erzählung vorgetragen, ein anderes. Denn das ist der grosse Zauber der Kunst, dass in ihrer Form, in Gestalt und Bildung auch das Dämmernde, Sophistische und Unsichtbare dadurch, dass es in sichtliche Gestalt tritt, ebensowohl philosophisch begreiflich wird, als es sich poetisch fasslich darstellt."
"Wenn ein echter Philosoph und ein wahrer Poet es auffasst", sagte Elsheim, "oder Gemüter, die fähig sind, oft ohne es zu wissen, beides zu werden."
"Still!" rief Dorotea, "mir gefällt am meisten dies Hobeln, Lärmen und Hämmern aus der Ferne. Wie hübsch ist das Gefühl hier, dass ein jeder Schlag, den ich vernehme, etwas einbringt; dass der Gewinn wieder das Gewerbe vergrössert; dass alles, was gesprochen und gedacht wird, in jenes Kapital hineinströmt, das die Wohlhabenheit befördert, die wieder das Glück und die Zukunft der Untergebenen begründet, damit sie dereinst in dieselbe Stelle treten können."
"Recht hübsch", sagte Emmrich; "viele Leute würden aber glauben, dass das, was Sie eben gesagt haben, aller Poesie geradezu entgegenstrebe, und diese durchaus vernichten müsse."
"Poesie!" rief Dorotea; "ei, so müssten denn auch einmal Dichter kommen, die uns zeigten, dass auch alles dies unter gewissen Bedingungen poetisch sein könnte."
Die neuen Bretter dufteten; der Nussbaum bewegte sich in seinen Zweigen, von einem leisen Winde angerührt; die Werkstätte klapperte und rauschte; der Kettenhund Mufti schmiegte sich zu Friedrikens Füssen, und die grosse Cyperkatze sass auf Franzens Schoss, welcher das Tier streichelte. Frühlingsschwalben flogen hin und wider;