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: "Aber, Liebster, diese da, Kranke, Elende und Törichte –"

"Nun freilich", sagte der Magister laut lachend, "sterbliche Menschen, wie unser Falstaff sagt, sterbliche Menschen! – Die Brüderschaft können wir doch nicht verleugnen. Kommen Sie manchmal hieher zu mir, Herr Baron, wenn Sie mich liebhaben; Sie sehen, mein Stübchen ist hübsch und vom Gebäude dort entfernt, und wenn Sie jene Spekulanten nicht selber aufsuchen, sollen Sie hier niemals von ihnen gestört werden."

Sie nahmen Abschied, und unterwegs sagte Leonhard: "Nun? Ist der Alte nicht auf seine Weise glücklich?"

"Gewiss!" erwiderte der Freund; "er musste wohl auch diesen sonderbaren Umweg machen."

"Ja wohl", sagte Leonhard, "eben er, der damals so herzhaft an meinem Tische seinen unbedingten freien Willen verteidigte."

"sonderbar immer", sagte Elsheim, "dass er noch Kinder unterrichtet, und dass du den Franz hieher geschickt hast."

"Kann es denn schaden", erwiderte Leonhard, "wenn der Knabe es schon in früher Jugend lernt, dass ein achtungswürdiger Mann, den er lieben muss, hier beherbergt ist?"

Sie standen jetzt auf dem grossen Platz. "Ich habe eine Bitte an dich", sagte Elsheim, "lass mich heute mittag mit dir essen, ganz, wie du alltäglich lebst mit deiner Familie."

Leonhard sah ihn ernstaft an und sagte dann: "Lieber, ich weiss in der Tat nicht, ob dir das passen wird. Du denkst vielleicht, ich bin allein mit Frau und Kind. Nein, ich habe es nie über mich gewinnen können, wie ich sehe, dass es jetzt andere wohlhabende Meister eingeführt haben, dass sie ihre Gesellen und Lehrburschen ausserhalb des Hauses essen lassen, oder ihnen doch in einem anderen Zimmer für sie allein den Tisch decken. Nein, beim Mittagstisch lebe ich ganz mit meinen Leuten, ganz als Bürger und ihresgleichen. Sie geniessen mit mir aus einer Schüssel, und nur des Abends lasse ich sie meist allein für sich selbst. Darum nahm ich auch neulich deine Einladung nur ungern an, mit dir zu essen, um meine Hausordnung nicht zu stören. Du wurdest also die Gesellen bei mir sitzen finden, und ob sie mich gleich respektieren, so spricht doch jeder mit, so wie es ihm gut dünkt; wir reden von den arbeiten, sie erzählen oft von ihren Schicksalen und Erfahrungen, Neuigkeiten des Handwerks, die sie auf der Herberge hören. Ich suche, ohne den Altklugen zu spielen, ihre Gedanken zu berichtigen und immer bei ihnen das Ehrgefühl zu wecken, das richtige, welches dem Charakter des echten Bürgers zum grund liegen muss. Darum lieben sie mich aber auch und würden, das weiss ich, ihr Leben für mich wagen. Auch hält kein Liederlicher oder Unordentlicher lange bei mir aus. Die Lehrburschen dürfen nicht sitzen; auch dürfen sie nur antworten, wenn sie gefragt werden. Du würdest auch, Lieber, keinen Wein erhalten, denn diesen trinken wir an unserm Tische nur an Festtagen; und keiner, weder ich, noch die Frau oder Franz (wenn nicht eins krank ist), dürfen etwas geniessen, was uns die andern beneideten, oder wodurch sie sich zurückgesetzt fühlten. Nach Tische, in meiner stube, oder auf dem hof, können wir uns am Weine laben."

"Das ist ja gerade alles so, wie ich es wünsche", sagte Elsheim. "Es ist sehr schädlich, dass seit lange die sogenannten höheren Stände so völlig abgesondert vom Bürger und Handwerker leben, dass sie diesen nun gar nicht kennen, und auch das Vermögen verlieren, ihn kennenzulernen. Nicht nur geht das schöne Vertrauen verloren, wodurch sich Höhere und Niedere verbinden und einfügen würden, welches eben aus dieser Kenntnis Stärke und Kraft erwirkte; sondern der Vornehmere kommt nun auf den törichten Wahn, dass seine Art und Weise des Haushalts, die nichtssagende Etikette, die er einführt, sein nüchternes Leben mit den Bedienten und Domestiken ein besseres, anständigeres sei, und diese Torheit verdirbt nachher den Bürgerstand. Nicht nur der Gelehrte, sondern auch der wohlhabende Handwerker will nun die adlige Nüchternheit bei sich einführen, die kalte Entfernung von der dienenden Menschenklasse, den leeren Schein, der in Bequemlichkeit, wahrem Genuss und frischem Leben immerdar die Wirklichkeit vertreten muss. Ja, es kommt dahin, dass der Bürger sich alles dessen schämt, was, wenn er seine Stellung begreift, reelle Vorzüge sind, um die ihn der verständige Adlige beneiden möchte."

"Wenn du so denkst, so folge mir", beschloss Leonhard; "unserm Emmrich hat es schon einigemal bei uns recht wohlgefallen."

Sie setzten sich um den runden Tisch. Die Frau sass links neben dem Meister, und bei dieser Elsheim, der heute Franzens Stelle einnahm. Rechts beim Meister sass der älteste Gesell, der Hannoveraner; der heitere Martin war seitdem hinaufgerückt und der zweite geworden; dann folgten noch vier Gesellen. Beim letzten stand der älteste, schon hochgewachsene Lehrbursche, welcher in der künftigen Woche zum Gesellen gesprochen werden sollte, und neben diesem standen fünf kleinere, deren letzter demnach an der Tafelrunde der Nachbar des kleinen Franz wurde, der als der Sohn des Hauses auf seinem stuhl sass. Eine reinliche Magd gab das Geschirr und wechselte die Teller; die Meisterin legte vor, aber den Braten zerschnitt der Meister. Elsheim ergötzte