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Städtlein vor sich, in welchem die Wohnungen einzeln liegen, und die weissen sandigen Weinhügel mit den kleinen roten Häuschen und den vielen Nebenstöcken umher.

Ich trat in die Tür, verehrte Freunde, grüsste und ward freundlich begrüsst, und überlieferte dem Alten mein Geschenk. Ich konnte mit meiner Braut nicht sprechen, denn gleich musst ich dem künftigen Schwiegervater sein Lieblingsstück vorlesen, dass er wie mit einer heiligen Heiterkeit erwartete, über welches ich aber nicht lachen konnte, sei es nun, dass ich niemals in meinem Leben sehr für das lachen gestimmt gewesen, oder weil andere Gedanken mir meinen Kopf beunruhigten. Aber denkwürdig ist es vielleicht, dass ich kaum dreimal in meinem Leben begriffen habe, dass es etwas Belachenswertes geben könne; sehe ich von den Menschen die Gebärden des Lachens veranstalten, so möchte ich immer fragen: Cur? Ebenbild Gottes, warum zergrinsest du also mit aufgesperrtem Hals und faltigem Gesicht dein Aushängeschild der Unsterblichkeit? Lächeln ist gar lieblich an Kindern und Mägdlein, aber lachen, und dabei knaustern und prusten und schnarren, absit! Nicht wahr, meine Edelsten?"

"Sie haben vollkommen recht", sagte der Baron, mit verhaltenem lachen; "aber was urteilen Sie vom Weinen?"

"Da es mehr", erwiderte der Magister, "mit dem Schnupfen und dem inwendigen Kitzeln der Nase zusammenhängt, so ist es verzeihlicher, doch auf jeden Fall unmännliche Schwäche. Auch bricht bei den meisten Menschen die lamentatio ebenfalls in gar widerlichen Gebärden aus, so dass es mir fast immer hat unanständig bedünken wollen. Jedennoch ist freilich mehr Not als Lust, mehr Jammer als Freude auf dieser Welt, und es regen sich wenn der vernünftige blick in das mannigfaltige verschlungene Elend der Welt geworfen wird besonders wenn man selbst im Unglücke laboriert, so gar sonderbar-wehmütige Zuckungen in allen Eingeweiden, dass ich gestehe, ich inklinierte oft und leicht zu Tränenergiessungen, die auch wohl stattgefunden haben würden, wenn die Scham sie nicht zurückgehalten hätte."

"Sie sind ein allzu strenger Mann, Magister", sagte Krummschuh, "aber wie wurde es weiter mit Ihrer Liebesgeschichte?"

"Ich erinnere noch einmal", sagte der Alte, "dass es keine solche gewesen, wie man sehr bald aus dem Verlauf der Historie ersehen wird. Ich sprach nachher meine Lalage, ich erzählte ihr von meiner Aussicht, bald Magister zu werden, und sie teilte meine Freunde darüber; es war die Rede davon, dass ich im Orte selbst die Predigerstelle annehmen könnte, die gewiss bald erlediget würde. Auch der Vater und die Mutter redeten über diese Aussicht, und mir schien, als wenn alle, ohne es Wort haben zu wollen, um mein Vorhaben wüssten. Diese Zeit war in der Tat die Freudenzeit meines Lebens, ich hörte mich schon mit dem Titel 'Magister!' begrüssen, ich sah mich auf der Kanzel, und meine Frau und Schwiegereltern unter meinen andächtigen Zuhörern; ich betrachtete Stadt und Feld als meine Heimat, und unter herzlichen Küssen und Umarmungen, deren ich mich jetzt nicht mehr zu schämen brauchte, ging ich fort und kam glücklich und wohlbehalten, freudiger Seele und gesunden Körpers, wieder zum Sitze der Musen zurück, um mich zur Disputation vorzubereiten und der hohen Würde fähig zu machen.

In vierzehn Tagen sollte diese grosse Feierlichkeit vollzogen werden, und ich ging im Herbste wiederum hinaus, um meine Teure aus dem Stamme Jesse noch einmal zu sehen. Ich hatte mich in der letzten Woche recht angestrengt und war gar nicht aus meinem Zimmer gekommen, um so mehr freute ich mich auf meinen gang in das Feld hinaus. Aber ich kann es nicht beschreiben, werte Herren, wie mir ward, als ich aus der Stadt kam. Schon die hohen grünen Wälle sahen mich so finster an, draussen wurde es noch schlimmer, die Bäume, die Wiesen, alles war voll Schauer und Angst. Was ist mit mir geworden? dachte ich: denn wie bei grässlichen Geistergeschichten richtete sich mir das Haar empor; war mir doch, als sei alles tot in mir und ausser mir. Der Fluss, die Schiffmühlen rauschten Totengesang und Schrecken der Vergänglichkeit, die kalten Winde sprangen recht mit Lust im Sonnenschein umher, als wenn sie rufen wollten: 'Alles, alles ist eitel!' Das Sabbatdörfchen war wie ein stilles Totengewölbe. O entsetzlich! ich nahm mit Schrecken wahr, dass mir heute sogar die Aussicht auf meine Magisterwürde keine Freude gewähren könne. Wie komme ich zu dieser Melancholia? rief ich aus; ohne Zweifel hat mir mein übermässiges Studieren eine Hypochondriam zugezogen, die mich sehr krank machen könnte. Da freute ich mich, bei meiner Lalage gegen diesen gelehrten Krankheitsanstoss Trost und Schutz zu suchen, und bald von ihren Küssen, in denen Venus das Fünfteil ihrer Wonne gelegt, mich heilen zu lassen. So die Tristitia bezwingend trat ich in die Stadt ein und fand niemand zu haus, indem die Magd mir sagte: alles sei im Weinberg. Ich schritt dahin, und meine Herzensbangigkeit kam wieder. Aus dem Lustäuschen herunter hörte ich schon von fern ein Kichern und lachen, wie ich es unanständig nenne, und als ich oben war und die Tür öffnete, war sie es auch wirklich, die eben wieder mit verzerrtem Angesicht lachte, und neben ihr sass in einem blanken Reitabit, mit hohen Stiefeln und grossen Sporen, auch Gold auf den Schultern, ein lustiger Bruder, wie ich sie wohl manchmal aus Halle oder Jena wahrgenommen hatte.