in einem unseligen Augenblick doch nicht noch einmal über die Stränge schlüge; denn jene Kobolde, die unser Leben stören wollen, sind unermüdlich in ihrer Geschäftigkeit, und blasen selbst aus der toten Asche, geschweige wo sie noch Kohlen merken, das Feuer auf. Ich weiss auch jetzt, dass die Frau Leonhard deswegen so liebenswürdig ist, und dass ich sie auch deswegen so innigst geliebt habe, weil sie mich und mein Wesen, vollends mein philosophisches Delirium nicht verstanden hat und niemals verstehen wird. Oh, über das Verstehen! Was ist es denn? Wo hebt es an, wo hört es auf? Wenn mir eine Frucht, die ich speise, gedeihen soll, so muss sie mir nicht gerade widerstehen; sie reizt mein Auge, sie ist meinem Gaumen wohlschmeckend; nun wirke sie kühlend und stärkend auf meine inneren Organe, und wieviel wird noch erfordert, gearbeitet, gekämpft und abgesondert, bis sie wahrhaft verdaut ist und echter Nahrungsstoff geworden! Wenn wir sie gleich im allerersten Augenblick verständen, und sie uns gleich Kraft und Nahrung gäbe: was hätten wir daran zu verdauen, um sie uns durch dieses künstliche und geheimnisvolle Manöver anzueignen? Auch als Unsterbliche werden wir ewig lernen, und niemals damit zu Ende kommen. Oh, es ist eine unendliche Wonne, immerdar in sich etwas Neues zu erfahren, und zum erst Begriffenen hinzuzulernen. Hat man eine weite Bahn durchlaufen, so kehrt man oft mit Erstaunen zum allerersten Anfang zurück, und freuet sich, wenn sich an diesem wieder Neues entdecken lässt. Sie wird mich in jenem Geisterleben näher kennenlernen und mich allgemach verstehen, und ich werde dann ihr hiesiges Nichtverstehen immer mehr begreifen, und dabei lernen, dass in dieser Unfähigkeit doch wieder ein tieferes Geheimnis lag, als ich ergründet zu haben glaubte. Denn nur das Ungleiche kann sich verstehen und lieben. Sie ist mir freundlich gesinnt; täglich lässt sie mich durch Franz grüssen, der ihr meinen Gruss zurückbringt; dieses genügt. Diesen lieben Knaben werden Sie freilich jetzt auf das Gymnasium senden, was auch notwendig ist; er wird mich aber doch noch zuweilen besuchen können."
"Gewiss", sagte Leonhard, "und Sie wissen es ja, ich selbst komme auch von Zeit zu Zeit gern zu Ihnen und freue mich, wenn es Ihnen wohlgeht, und Sie mit Ihrer Lage zufrieden sind."
"Ich kenne Ihre Freundschaft", sagte der Alte, indem er Leonhard die Hand gab; "ich weiss auch, dass es Ihnen was Bedeutendes kostet, dass Sie mich alten Verliebten als eine merkwürdige Rarität hier hinein gestiftet haben. Da sitze ich nun als ein Denkmal vom Zorne Amors, dessen herrschaft ich in der Jugend stets verlachte."
"Ich möchte Ihnen wohl etwas zeigen", fing Leonhard wieder an; "aber als ich Ihnen vor einiger Zeit einmal erzählte, dass ich in Nürnberg den alten Alfert, Ihren Jugendfreund, gefunden habe, wurden Sie so traurig und bewegt, dass ich jenes sonderbaren Zusammentreffens niemals wieder erwähnt habe."
"Damals war ich noch etwas unwirsch", sagte der Magister; "aber nun müssen Sie mir recht bald alles aufs umständlichste erzählen, was Ihnen mit dem lieben Menschen begegnet ist. Ei, was war das ein munterer Bursche! Was man einen Springinsfeld nennt! Doch was wollten Sie mir zeigen?"
"Sehen Sie", sagte Leonhard, "dieses alte Exemplar des alten Andreas Gryphius, was Sie damals in Ihrer frohen Zeit nach Jessen mitnahmen, um es dem Vater zu schenken."
Der Alte griff hastig nach dem buch und schlug es auf. Dann betrachtete er lange die Zeilen seiner jugendlichen Handschrift und seinen zierlich unterzeichneten Namen.
"Wollen Sie es behalten", fragte Leonhard, "als ein Andenken jenes Jugendfreundes?"
"Nein", sagte der Magister; "er hat es Ihnen verehrt, und wenn Sie so mein Freund sind, wie ich es mir wünsche, macht Ihnen dies Buch, als eine Kuriosität aus meinem Lebenslauf, gewiss mehr Freude, als mir selber. Ich war dazumal zu sehr betört. Den Poeten selber möchte ich auch nicht lesen, denn Sie haben mich seitdem durch Ihren Bücherschatz allzusehr verwöhnt. Ja, Schiller und Goete sind deutsche Poeten, und der Shakespeare ein echter Mann; und dass unser lieber Schiller so vor ganz kurzer Zeit, nachdem ich seine Werke erst hatte kennen lernen, so früh hat sterben müssen, hat mich innigst betrübt."
"Aber, lieber alter Herr", sagte Elsheim, "werden Sie mich denn nicht einmal besuchen, da ich Sie so innig hochachte und liebe?"
"Verzeihen Sie mir, Herr Baron", entgegnete der Alte, "wenn ich Ihnen mit einem bestimmten Nein entgegne. Ich überschreite ebensowenig meinen Bannoder Burgfrieden, wie jener Götz von Berlichingen, welchen Sie neulich auf Ihrem Schlossteater aufgeführt haben."
"Aber gehen Sie gar nicht aus?" fragte der Edelmann; "geniessen Sie die Luft gar nicht?"
"Doch, doch", antwortete jener; "hier in diesem Garten lustwandele ich, sooft ich nur will, denn ich bin frei und an keine Stunden, wie die übrigen, gebunden. Aber ich gehe auch oft mit diesen – und, sehen Sie, mein Herr Baron, jetzt ist ihre festgesetzte Zeit, da wandeln die seltsamen Philosophen schon auf den sonnigen Plätzen und in den Baumgängen."
Elsheim warf einen blick in den Garten und sagte dann