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Bruders, und dass er diesen nährt und kleidet, in Schutz. Durch Arbeit, Tätigkeit und Schweiss ist diese Anstrengung eine fortwährende Erlösung des Staubes vom tod. Des Unendlichen Allgegenwart wird kenntlicher, und durch den Hammer und Meissel, Pinsel, Pflugschar und Sense, Federkiel, Druckerpresse und Nadel drückt der Mensch allem Unlebendigen den Bruderkuss auf und spricht, wie der Schaffende ehemals: "Habe eine Seele!"

Aber so denkst Du gar nicht, und darum hommt mir wieder das Zittern an, da ich zufällig von Kuss spreche. O welcher Augenblick! Gewiss ist in diesem Moment durch die Magie meines inneren irgendwo ein Geist jung oder geboren worden, und schläft noch in einer Blume Deines kleinen Gartens, und indem Du nun vorbeigehst und meinst, Du erfreuest Dich nur etwas mehr an der hellen Färbung und lieblichen Düftung, ist die leichte Wonne Dir entstanden, weil dieser aufkeimende Geist in Dich schlüpft, und nun Dein nächstes liebes Kind wird, das wohl schon im Embryo in Dir die wohnung dem kleinen unsichtbaren Sohn meiner Entzückung zubereitet hat. So steht es wahrscheinlich um die sogenannte Ehe und Treue. Diese Magie der Liebe ist allmächtig. Und so wäre ich neulich fast gestorben, aber Du fühltest, Du wusstest nichts davon. Liegen wir doch auch so in unserer närrischen Blätterknospe, und ich dehne mich nun schon siebenundsechszig Jahre in meiner Hülse, und schlage bald dieses, bald jenes Blättchen um, um mit meinen blöden Augen hinauszuschauen, und irgend etwas zu ergattern, was mir über die Bedeutung meines rätselhaften Gefängnisses recht eigentlich einen Aufschluss geben könnte; aber immer vergebens. Ein entzückter Kuss eines Seraphs, der sich verlobte, und der die Magisterwürde eines Cherubims erhielt, hat mich Seele nämlich so freudiglich und magisch erzeugtund nun muss ich immer noch auf das dumme Paar warten, das jenen Embryo in ihrer Ehe pflanzt, und die dann vorüberwandeln, mich loben, damit ich in die neue keimende Frucht schlüpfe, um hier endlich sterben zu können, und dann in einem neuen Leben weiterzuleben.

Du verstehst mich aber gar nicht; Du willst mich auch nicht verstehen: das habe ich wohl in Deinem Kuss neulich gefühlt. Und warum? Du nicht mein Du? Nicht? Es wäre mehr als entsetzlich, denn es gibt für mich kein anderes in allen Erd- und Himmelsräumen.

Ja jetzt, das weiss ich nun ganz gewiss, liebe ich. Das ist die Liebe, die ich erlebt habe. Warum lebt sie mich nicht aus und schält mich weg aus dieser leeren Hülse? Allentalben habe ich Rat und Trost gesucht, und habe auch jetzt bei den Dichtern meinen dürren Eimer in den Brunnen hinuntergetaucht, um meinen brennenden Durst zu löschen. Fast alle reden von Liebe, aber immer nur spielend, dahlend, ohne Gewissen und innerlichste Erlebung. Der Reiz begeistert sie, der farbige Saum der Abendwolke, der fast erlischt, indem man sich daran freut. Ja, ja, es ist so, die Menschen, auch in der scheinbaren Begeisterung, können nicht über das Ich hinaus, und geraten zeitlebens nicht an das Du. Den Ovidium, den ich niemals in meiner Jugend gelesen habe, wollte ich mir zu hülfe rufen; denn er hat einen eigenen berühmten Traktat unter dem Titel Remedium amoris elaboriert. Da kam ich gut an. Nicht einmal mein Sinn, geschweige mein Herz, mochte das Zeug gutschmeckend finden. Das Vieh, was des Abends in den Stall getrieben wird, sagt mir mehr und Lieberes. Alter Narr mit der langen Nase! wie hast du nur die Zeit an diese vielen unnützen Verse wenden können? Vielleicht geschah dir kein grosses Unrecht, dass sie dich verbannten. Alle diese Lateinernur fatal und fatal. Sie kannten dich nicht; sie wussten vom Christentum nichts. Ja Saus und Braus, Wohlleben, Trunk, Zerstreuung, Kuss und Wollustwenn das Leben ein Bacchanal ist und sein soll, dann sind sie im Recht. Aber die Leiden des jungen Werter! Ja, das ist empfundene und erlebte wahre Liebe! Aber grausam wird das Herz erschüttert und zermalmt. Er war jung, und der Dichter vielleicht jung, und ich Greis habe dieses Büchlein wie eine Offenbarung gefasst und verstanden. Ach, werte Madame, hättest Du das Büchlein nur einmal gelesen! Doch was hilft 's, wenn Deine Seele nur nach dem Notwendigen und Vernünftigen dürstet? Das Salz ist nicht dumm geworden, aber Zunge und Gaumen haben nicht Geschmacksorgane. Warum soll ich denn noch weiter faseln? Es wird nicht anders, Madame, ich bin und bleibe

Dero verrückter Fülletreudenn mit dem

Magister ist es auch vorbei.

Leonhard war zurückgekommen, und Elsheim sagte: "Eine sonderbare Korrespondenz! doch ist dieses zweite Schreiben schon gemässigter und etwas besonnener, es deutet die nahe Genesung an."

"Wollen wir jetzt den alten Mann besuchen?" fragte Leonhard. Elsheim war willig, und sie gingen durch die Stadt. "Wo führst du mich hin?" sagte Elsheim endlich, als Leonhard stillstand, und in ein grosses Haus hineintreten wollte; "dies ist ja das Narrenspital."

"Nicht anders", erwiderte Leonhard; "aber folge mir getrost, es wird dich kein trauriger Anblick peinigen." Sie stiegen die grosse Treppe hinan, und seitwärts öffnete sich jetzt ein ziemlich grosses und helles Zimmer, dessen freie und unvergitterte Fenster auf den Garten führten. Elsheim hatte Mühe, beim ersten Anblick den alten Magister wiederzuerkennen