könne, liess sie wenigstens fürs erste die Stunden aufhören. Der Alte aber kam nach wie vor alltäglich in unser Haus, ass am Tisch und schien, wenn sich Menschen zugegen fanden, so wie sonst, nur dass er viel schweigsamer war, vor sich hin grübelte, und nur selten an den Reden der andern teilnahm. An einem Nachmittage, als der Alte geblieben war, fasste sich Friedrike ein Herz und sagte zu ihm: 'Lieber Herr Magister, warum wollen Sie nicht wieder so werden, wie Sie ehemals waren? man verkennt Sie ganz, und dadurch wird man sich fremd. Sie verdienen aber unser bestes Vertrauen.' – 'Schöne Frau', fing der Alte an, 'es kann geschehen, wenn wir ein Paktum aufrichten, und wenn Sie dies halten und erfüllen, so kann ich wohl wieder ein solcher Mensch werden, wie ich vordem war.' – 'Und was verlangen Sie?' fragte Friedrike. – 'Wir kennen uns nun schon seit lange', sagte er feierlich, 'aber die Freundschaftsbezeigung haben Sie noch nie an mich gewendet, dass Sie mir einen Kuss gegeben hätten, wie Sie doch manchmal sogar an den kleinen Krummschuh verschwendeten. Erlauben Sie mir einen einzigen Kuss, und ich bin wieder der, der ich war.' Die Frau erstaunte erst über diese Forderung, sie sagte aber freundlich, gleich gesammelt: 'Recht gern, lieber alter Freund, wenn das Ihnen helfen kann.'- Sie bot ihm den Mund, und er drückte mit zitternden Lippen einen langen Kuss auf die ihrigen, ging dann weinend aus der Tür, ohne noch ein Wort zu sprechen, und erschien am folgenden Tage nicht, sowenig wie am dritten. Erst am vierten erhielt nun Friedrike diesen zweiten seltsamen Brief; nimm ihn hin, Freund, und lies ihn selbst." Elsheim las für sich, indes ihn Leonhard auf kurze Zeit verliess, um nach seinen Gesellen im Vorhause zu sehen. Der Brief lautete so: Werte Frau Vielleicht will es das Schicksal so, dass der Mensch nur Mensch sein kann und darf, indem er zugleich Vieh ist. Ist das, wie die meisten stillschweigend glauben, so liegen sich Mensch und Vieh immerdar in den Haaren und katzbalgen miteinander, bald dieses, bald jener oben und unten. Denn es ist so. Wie oben, oder vielmehr wehe dem, der korrigieren wollte! Als Peter der Grausame von Kastilien von seinem Bruder Heinrich umgebracht wurde, konnte dies nur geschehen, indem ein dabeistehender Ritter den Heinrich, welcher schon unten lag und gewiss geliefert war, bei den Beinen hervorzog, und ihn auf den Peter legte. Nun konnte dieser erst vom Bruder erstochen werden. Artlich ist es in einer nicht unebenen Komödie, wenn ein sicherer Stefano auch bei den Beinen den Trinkulo unter dem Mantel eines Mondkalbes hervorzieht, und ihn so als Menschen und Bekannten erklärt und autorisiert. Aber in beiden Fällen weiss ich nicht so ganz gewiss, ob Vieh, oder Mensch gewonnen habe; denn Peter hatte bei seinem Schlimmen viel Gutes, und Trastamar bei manchem Guten viel Schlimmes; und noch gefährlicher stellt sich die Frage, ob Trinkulo, oder Caliban das dummere Tier ist. Bei solchen starken Fällen hat die Weltgeschichte noch nie etwas gewonnen. Kehren wir es aber ganz um, und setzen, wie viele getan, statt Menschen Engel: o so hebt die konfuseste aller Konfusionen nun erst an! Muss ein Engel, wie der Finger des lebendigen Direktors in Körper und Kopf seines hölzernen Polichinell puppenspielend arbeitet, der Engel, eine erniedrigte Seele, ebenso in dem Gehäuse von Fleisch und Bein und Blut und Schleim und Gehirn und Schmutz hantieren, kann alles, was man in uns das Göttliche, Edle, Unsterbliche nennt, nur so sichtbar und handgreiflich und bewundernswert ausfallen: so möchte ich mir künftig einmal die Freiheit nehmen, meinen Schöpfer zu fragen, ob denn das Satire sein solle, uns so gar gröblich den Esel zu bohren; es rieche und schmecke etwas nach einem schlechten Scherz. Jedes gute, oder schlechte Werk rezensiert sich selbst. Darum hauen, stechen und schiessen sie in unsern vielbeliebten Kriegen ineinander hinein, darum rauben sie und morden uns Geld und Gut, darum treten sie einander hohnlachend mit Füssen, und alles mit Recht, denn, wahrlich, wahrlich, die Kreatur ist nichts wert, und man kann sich an ihr nicht versündigen.
O Du, mein Heiland! Du, grosses Du, Du hast es freilich anders gepredigt. Die Liebe hätte ja keinen Sinn; Erbarmen und Mitleid wären ja nur Aberwitz, wenn vom höchsten Gott bis zum lahmen ärmsten Bettler hinab sie sich nicht des tiefer Gefallenen, des Verirrten, des Leidenden und Presshaften, des Hungernden des an der Liebe Verzweifelnden, der Seele, die sich im Schlamm wie der Regenwurm, ringelt und ängstigt, erbarmten, sie emporhöben, sie, wie jene Heiligen den Aussätzigen, an ihre Brust nähmen und erwärmten. Und was hätte denn diese göttlichste Liebe zu tun, wenn nicht dieses? Wäre nichts Schlechtes, Verächtliches, Armseliges da, so hätte sie ja kein Handwerkzeug, um damit zu arbeiten und aus dem elenden kantigen Brett das teure, kostbare vergoldete Schränkchen, in dem nachher Goldpokale stehen, zu hobeln und fein und mit recht mitleidigem Erbarmen zu schnitzeln.
So nimmt der Mensch, er selbst Materie, Schleim, Schmutz Lehm, Knochen und Erde, die sogenannte Materie, nicht bloss in der Gestaltung seines